Filmkritik

Those Who Go Those Who Stay

| Reinhard Bradatsch |
Migration und Flucht – aus verschiedenen Perspektiven

Der Musiker George Samaan erklärt seiner Begleiterin begeistert, wie der Mambo in den Sudan importiert wurde, als die Japaner durch das Land marschiert sind und dort ihre Kultur hinterlassen haben. Schnitt. „Wir sind die Ersten von morgen“ prangt es auf einem Plakat, hochgehalten während einer Wahlveranstaltung einer rechtspopulistischen Partei. Zustimmendes Nicken, als der Agitator auf der Tribüne seine bekannten Parolen gegen „die Linken“, die für den „Zuzug“ eintreten, lautstark artikuliert. Auf die absurden Widersprüche zwischen jenen, die aus ihrer alten Heimat flüchten und eine neue finden müssen und jenen, die sich innerlich und äußerlich einkesseln, treffen wir in Those Who Go Those Who Stay immer wieder.

Auch wenn Ruth Beckermann auf eine stringente dramaturgische Bearbeitung verzichtet, sind Flucht, Bewegung und Fortkommen unverkennbar der rote Faden ihrer 14. Regiearbeit. Exzerpte von Beobachtungen und Begegnungen auf ihren Reisen, springend in Zeit und Raum, reihen sich aneinander. Aus Dutzenden Ausschnitten, einige nicht länger als eine Minute lang, entsteht so eine Collage, die das Medium Film in seinen tiefsten Wurzeln begreift: Beckermann reduziert die Kamera auf die Darstellung – etwa verschleierte Frauen, die versuchen, eine befahrene Straße zu überqueren. Sie überlässt es dem Zuschauer, die Nahtstellen zwischen den Szenen zu finden, die sie zum Teil selbst gedreht, zum Teil entnommen hat – aus dem Archiv oder ihren eigenen Werken, wie ein Interview mit Elfriede Gerstl aus homemad(e).

Neben einem berührenden Dialog mit ihrer Mutter, die sich an die Flucht aus dem Wien von 1938 erinnert oder den Aufnahmen einer verfallenen Synagoge in einem russischen Dorf, legt die Filmemacherin ihr besonderes Augenmerk auf die Gegenwart: Die von Johannes Hammel eingefangenen Bilder von Flüchtlingen, die im italienischen Lampedusa gestrandet sind, bleiben in ihrer Intensität unweigerlich hängen. Einer von ihnen träumt von einer Fußballkarriere beim AC Milan; und doch scheint er zu ahnen, dass er ohne Dokumente von der italienischen Polizei abgeschoben wird. Nächste Szene: Ein paar hundert Kilometer weiter schuften chinesische Textilarbeiter, welche von der Regierung ins Land geholt wurden.

Die alte Frage, ob Dokumentarfilm das unverfälschte Leben einfängt: Man muss sie auch nach Those Who Go Those Who Stay mit einem leisen, aber eindringlichen Nein beantworten. Und doch ist der Zugang neu, atemlos, unberechenbar. Einer, der einmal mehr Beckermann als singuläre Erscheinung in der heimischen Filmlandschaft ausweist.