Andrew Garfield versprüht in Lin-Manuel Mirandas Regiedebüt den nötigen Charme
Die Zeit rennt. In wenigen Tagen soll Jonathan Larson (Andrew Garfield) endlich sein Sci-Fi Musical Superbia in einem Broadway Workshop präsentieren, aber noch immer fehlt ihm der entscheidende Song. Stephen Sondheim (Bradley Whitfield), sein großes Vorbild, hatte ihn schon lange darauf hingewiesen, aber bisher fehlte dem aufstrebenden Dramatiker stets die Ruhe und, vor allem, die nötige Inspiration. Denn Larsen muss seine Miete als Kellner in einem Diner verdienen, hat den Kopf mit Frühstücksbestellungen und Beziehungsproblemen voll, und steht außerdem unter dem Druck, dass sein Leben kurz vor seinem 30. Geburtstag immer noch im Leerlauf rotiert.
Doch die Zeit tickt weiter und für Larson wird daraus im wahren Leben alsbald ein Wettlauf mit dem Tod. Am 25. Januar 1996, dem Tag seiner ersten großen Broadway-Premiere, verstirbt er an einem Aortenaneurysma. Sein Hit-Musical Rent soll anschließend zwölf Jahre lang erfolgreich auf New Yorker Bühnen und noch länger rund um die Welt laufen. Bisher wurde das Buch, für das Larson posthum den Pulitzer-Preis für Drama sowie mehrere Tony Awards erhielt, insgesamt in 24 Sprachen übersetzt.
Lin-Manuel Mirandas Film erzählt davon erst am Schluss und nur aus dem Off. Der Fokus der Geschichte liegt auf der mühevollen Phase in Larsons Leben, in der Zeit vor Rent, vor dem Erfolg, und wirft den Zuschauer mitten hinein in den Kampf eines energiegeladenen Kreativen, der mit aller Kraft gegen das Scheitern kämpft und dabei immer wieder auf Ablehnung und Unverständnis stößt – zunächst nur von Seiten der Produzenten, aber schließlich auch von seinen Freunden. Irgendwann, als die Verzweiflung überhandnimmt, dringen noch nicht einmal mehr sein langjähriger Mitbewohner und engster Vertrauter Michael (Robin de Jesús), geschweige denn seine große Liebe Susan (Alexandra Shipp) zu ihm durch.
Tick, Tick… Boom! stammt ebenfalls aus Larsons Feder, geschrieben und komponiert als musikalischer Rock-Monolog, den Steven Levenson hier für die Leinwand adoptiert hat. Miranda kennt die Vorlage gut, hat das Stück selbst einmal Off-Broadway gespielt, und man spürt seine emotionale Nähe zu dem Mann und dem Material. Das Ergebnis ist jedoch ein Musical-Drama, das weniger brillant und rhythmisch ist als seine eigenen Kompositionen, was der Film mit einer Übermenge an Energie, Witz und Enthusiasmus zu kompensieren versucht. Eine enorme Portion Charme bringt zudem Andrew Garfield ins Spiel, der für die Rolle extra singen und tanzen gelernt hat. Und auch sonst hat Miranda sein Regiedebüt bis in die kleinen Nebenrollen hervorragend besetzt.
Allerdings liefert Tick, Tick… Boom! letztendlich in erster Linie den Beweis dafür, warum Larson wohl nie einen Produzenten überzeugen konnte, ihm mit Superbia eine Chance zu geben. Die Musik ist oft zu sperrig, um im Ohr zu bleiben. Und auch die Übergänge zwischen den Musical-Nummern und dem dramatische Überbau der Geschichte verlaufen selten reibungslos. Bei aller Bewunderung des Hamilton-Schöpfers für Larson und all seine Mühen, wird man den Gedanken nicht los, dass er am Ende der begnadetere Künstler ist.
Vielleicht hätte sich Miranda mit einer anderen Musical-Adaption, von denen es ohnehin gerade reichlich gibt, leichter getan. Jon M. Chus Verfilmung von In the Heights, das aus seinen Kompositionen beruht, hat unlängst gezeigt, wie es geht. Aber Larson sollte es sein und ist es geworden. Und trotz der Abstriche, durchaus sehenswert ist sein Versuch einer Annäherung an dessen Werk und Persönlichkeit allemal.
