Tiere

Wer bin ich?

| Pamela Jahn |
Birgit Minichmayr ist eine Ausnahmekönnerin auf der Bühne und im Kino. In Greg Zglinskis verquerem Beziehungsdrama „Tiere“ spielt sie erneut eine Frau, die so herrlich unberechenbar ist wie sie selbst. Ein Gespräch über Wandlungsfähigkeit, Selbstfindung und wie man als Schauspielerin aus der üblichen Schublade herauskommen kann.

Es gibt drei Grundregeln, die für fast jede Verschwörungstheorie gelten: Nichts ist, wie es scheint. Alles war geplant. Und sowieso ist alles irgendwie miteinander verbunden. Was aber noch lange nicht heißt, dass die Gewissheit über das Vorhandensein einer wie auch immer gearteten Logik im Zweifelsfall zu einem klareren Bild verhilft. Jörg Kalt, der wunderbar experimentierwütige Regisseur und Drehbuchautor, der sich vor zehn Jahren leider viel zu früh aus dieser Welt verabschiedete, hatte dieses Phänomen bereits früh für sich erkannt und stets auf die eigenen Arbeiten angewandt: Schon in Richtung Zukunft durch die Nacht (2002) lief die Zeit nicht wie üblich ab, und auch in seinem letzten Drehbuch sollte das nicht anders sein: Tiere, jetzt verfilmt von dem Greg Zglinski, ist ein surrealer Beziehungsthriller, der genau mit dieser Prämisse spielt, der permanent lustvoll auf falsche Fährten lockt und dabei nicht nur seine Protagonisten kunstfertig in die Irre führt.

Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair spielen Anna und Nick, ein Paar, dessen Beziehung in einer Sackgasse steckt, aus dem sie der vorsorglich geplante Aufenthalt in den Schweizer Bergen wieder befreien soll. Sie ist eine erfolgreiche Kinderbuchautorin, die den Sprung in die Romanwelt sucht, er ein gestandener Chefkoch und Lebemann, der sich gerne um die Wahrheit drückt und am liebsten vor der Verantwortung. Als ein scheinbar unbedeutender Zusammenstoß mit einem Schaf plötzlich die Zeit- und Raumverhältnisse verschiebt, kommt Anna immer mehr ins Schleudern, ob der seltsamen Ereignisse, die sich um sie herum ergeben, und so wird aus dem vermeintlich überschaubaren Ehedrama schließlich ein Kampf um Macht und Wahrheit, dessen Irrungen und Wirrungen man gebannt und immer wieder auch belustigt zuschaut.

Mittendrin in diesem seltsam sperrigen Filmrätsel schwimmt Birgit Minchmayrs Anna ums Überleben – und wir mit ihr. Seit langem ist die 1977 in Linz geborene Ausnahmeschauspielerin die Frau der Stunde, wenn es darum geht, Charakter, Gefühl und Ungehorsam elegant und mit Nachdruck auf Bühne oder Leinwand zu zaubern. Und Tiere macht da keine Ausnahme. Ob große oder kleinere Produktionen, interessiert die Spielwütige dabei nicht, die, nachdem sie mit Anfang zwanzig das Burgtheater eroberte, nur mit den spannendsten Kräften im deutschsprachigen Raum gearbeitet hat: Ob Luc Bondy, Frank Castorf und Dimiter Gotscheff am Theater oder Tom Tykwer, Isztvan Szabo und Barbara Albert im Kino, sie alle haben es verstanden, jene große Unfassbarkeit zu wahren, an der sich ihre Kunst nährt, und trotzdem gleichzeitig alles aus ihr herauszuholen. Wie weit das führen kann, konnte man 2009 in Maren Ades klugem Beziehungsfilm Alle anderen bewundern, für den Minichmayr mit dem Darstellerpreis der Berlinale ausgezeichnet wurde. Doch auch sonst schöpft die rothaarige Schauspielerin stets aus dem Vollen und reißt mit ihrer Leidenschaft auch ihr Publikum mit: Gibt sie die Kühle, dann kann sie so kalt sein, dass einem das Blut gefriert. Zeigt sie sich jedoch von ihrer sanften Seite, dann empfindet man das manchmal fast schon als Gnade. Aber auch dazwischen ist eine Schauspielerin am Werk ist, die sich niemals einfach nur selbst genügt. Und gerade das ist das Schöne an ihrer ungestümen Passion: Dass sie immer einen Schritt weitergeht, als man es erwartet.

Sie haben vor Jahren einmal in einem Interview gesagt, dass Sie im Grunde vor jedem Wort Schiss hätten, mit dem Sie eine Figur im Gespräch festmachen. Hat sich diese Angst mittlerweile gelegt?

Man ist inzwischen sicher in einer Art Konvention angekommen, das heißt, man wird laxer, oder vielleicht auch resignierter, ich weiß es nicht, aber es vielleicht schon so, dass ich eine gewisse Form von Störrischkeit in der Hinsicht über die Jahre abgelegt habe. Wobei dieses ursprüngliche Zögern, über die eigenen Rollen zu reden, auch immer eher bei Theaterfiguren das Problem ist, weil man am Theater bis zur Premiere fast immer alles in der Hand hat, alles noch einmal umwerfen kann, und es dann schwierig ist, wenn man vorab Gespräche darüber führen muss, wie oder wer man auf der Bühne sein wird. Beim Film ist das schon etwas anders, da sind die Grenzen viel klarer gesteckt.

Vielleicht abgesehen von Ihrem neuen Film Tiere, denn der lebt geradezu davon, dass sowohl die Figuren als auch die Handlung weitestgehend undurchsichtig bleiben.

Ja, das stimmt. Das Drehbuch dazu stammte ursprünglich von Jörg Kalt. Der hatte es vor Jahren einmal bei der Zürcher Filmstiftung eingereicht. Greg Zglinski saß damals mit in der Kommission, konnte eine Förderung aber damals nicht durchsetzen, obwohl er das Buch auf Anhieb ganz toll fand. Irgendwann kam es dann, dass er sich um die Rechte bemühte, um den Film selbst zu drehen. Als ich das Buch dann zum ersten Mal in die Hände bekam, hat mich die Geschichte auch sofort gepackt, gerade weil alles so großartig unübersichtlich ist, so voller dadaistischer Schrägheit und wunderbarer Filmzitate. Greg hat es mir so erklärt: Das ist wie bei dem Bild von M. C. Escher mit der Treppe, die immer nach oben geht und doch einen Kreis bildet. Das heißt, aus der Nähe betrachtet erscheint immer alles ganz logisch, aber sobald man sich entfernt, weiß man eigentlich nicht mehr genau, was da gespielt wird.

Ähnlich wie in „Alle Anderen geht es auch hier wieder um ein Paar im Beziehungskampf, allerdings sind die Machtverhältnisse diesmal etwas anders.

Absolut. Ich habe mir Nick, die Figur, die Philip Hochmair hier spielt, immer eher wie Alain Delon als Eiskalter Engel vorgestellt, der irgendwie etwas sehr Unangenehmes an sich hat. Und Anna ist eben nicht die toughe Braut daneben, sondern sie ist eine sehr verunsicherte, verspielte Kinderbuchautorin, die irgendwie den Schlägel nicht durchziehen kann, und das mochte ich von vornherein sehr an ihr. Weil sie Nick zum Beispiel nicht einfach eine scheuern kann, sondern sich in ihrer Wut immer wieder selbst bremst und unsicher ist. Das hat mich sehr interessiert. Zumal ihr Verhalten natürlich auch extrem dazu beiträgt, dass alles so nebulös bleibt.

Ist eine so schwer greifbare Figur wie Anna für Sie ein Geschenk oder eine Herausforderung?

Beides. Es scheint mein Interesse zu sein, dass ich mich immer in solche Figuren vergucke. Und das war während der langen Produktionsphase, die der Film hatte, zum Teil schon auch frustrierend, zu wissen, dass da so eine tolle Rolle wartet, aber dass die Finanzierung lange auf der Kippe stand. Denn Anna ist schon eine Figur, mit der ich mich wirklich lange beschäftigt habe, um überhaupt für mich zu klären: Okay, wie kommt man da eigentlich durch, wie versponnen ist diese Figur? Ich hatte unheimlich Spaß daran, mich quasi durch diese Rolle zu wühlen.

Können Sie Ihre Figuren im Nachhinein dann auch wieder gut gehen lassen?

Ja, absolut. Schwerer ist es, wenn man einer Zeit nachhängt, weil so eine Produktion natürlich immer an mehrere Faktoren gekoppelt ist, sprich, mit wem genau man zusammengearbeitet hat, wie das Verhältnis unter den Schauspielern war und so weiter. Die Zeit mit Maren Ade war in der Hinsicht zum Beispiel immer etwas ganz Besonderes für mich.

Warum ausgerechnet Maren Ade?

Da hat einfach alles gepasst. Ich fand das Drehbuch schon so toll und war dann von dem Wesen Maren Ade einfach unheimlich angetan. Ich war so glücklich, dass da eine fast gleichaltrige Person neben mir saß mit einem so unfassbar genauen Blick und einem wunderbaren Humor auch dabei. Maren ist eine Frau, die weiß so sehr, was sie will, und es ist trotzdem nicht so, dass man sich vorkommt, als sei man eine mechanische Puppe oder so, sondern man ist sehr wohl Teil der ganzen Geschichte. Sie probt intensiv und in mehreren Etappen, und sie justiert so nach, gewisse Feinheiten bei dem Paar… denn vor allem, dass das Machtverhältnis ausgeglichen war, das war ihr immer sehr wichtig. Das man nicht sofort denkt: Mann, was ist denn das für ein Schluffi, oder: Oh Gott, die ist ja anstrengend. Sondern, dass sich der Zuschauer am Ende zwar eh wahrscheinlich festlegen wird, aber nicht sich schon von vornherein festgelegt hat.

In „Alle anderen“ spielen Sie die impulsive PR-Frau Gitti, die zu ihrem erfolglosen Freund Chris den Satz sagt: „Ich wäre manchmal so gerne anders für dich.“ Wie nah ist Ihnen persönlich dieser Gedanke, anders sein zu wollen, in Bezug auf Ihren Beruf, aber auch privat?

Bei Gitti ist es ja so, dass der Satz aus einem Manko heraus entsteht, also dass man eine Unzulänglichkeit mit sich selber empfindet. Aber das war nicht mein persönlicher Antrieb, Schauspielerin zu werden. Ich glaube, bei mir hat sich das Interesse für Bühne und dafür, jemand anderes sein zu wollen, zunächst aus einem ganz banalen, kindlichen Spieltrieb entwickelt, über den man im ersten Moment gar nicht so nachdenkt und erst später im Beruf anfängt, darüber zu reflektieren, was womöglich dahinter steckt. Denn es geht bei der Schauspielerei ja schon immer auch um so eine perverse Zwiespältigkeit, einerseits zu seiner Einmaligkeit durchzudringen und trotzdem gleichzeitig verwandlungsfähig zu bleiben. Im Endeffekt entkommt man natürlich auch als Schauspieler nie wirklich ganz sich selbst, und soll man vielleicht auch gar nicht. Ärgerlich ist es nur, wenn es dann im Nachhinein heißt, man hätte im Grunde fast gar keine Qualität beim Spielen erbracht, so wie das bei Alle anderen zum Beispiel auch der Fall war, wo plötzlich alle meinten: „Na, da spielst du dich doch eh selber, oder?“ Also es ist manchmal schon erstaunlich, was dann tatsächlich als schauspielerisches Können erkannt wird, und was nicht.

Apropos wandlungsfähig. Im Gegensatz zu vielen Kollegen scheinen Sie weniger das Problem zu haben, immer wieder die gleichen Rollen angeboten zu kommen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich denke, ich bin in der Hinsicht einfach sehr offen. Solange eine Figur mein Interesse weckt, bin ich dabei. Ich habe vor kurzem zum Beispiel auch wieder einen für mich extrem untypischen Film gedreht, Nur Gott kann mich richten von Özgür Yildirim. Im ersten Moment dachte ich da auch, Oh Gott, was, was schickt man mir denn da? Das ist ja eher so ein Bum-Bum-Bang-Film, aber im Endeffekt hat die Arbeit unheimlich Spaß gemacht. Und ganz ehrlich: Ich denke schon, dass man als Schauspieler dagegen wirken kann, nicht immer das Gleiche angeboten zu bekommen. Man muss halt einfach wirklich ablehnen, ablehnen, ablehnen und schauen, dass man dann, wenn man etwas anderes bekommt, da auf die Torte haut, damit die Leute einen endlich aus dieser Schublade rauslassen.

Haben Ihre Eltern Ihr kindliches Interesse fürs Spielen und Verkleiden von Vornherein gefördert?

Meine Mutter war eigentlich mit allem d‘accord, was Tanzen, Singen oder Musizieren betraf, weil sie das selber als Kind nie ermöglicht bekommen hat. Dabei hätte sie vielleicht auch gerne ein Instrument gespielt, aber das war damals eben nicht so üblich. Da hat man die Schule fertig gemacht, und dann ging es in den Beruf, mit fünfzehn. Deshalb hat sie das immer alles ganz toll gefunden und meinte nur: „Ja, natürlich darfst du das. Und was, du willst Ballett machen? Ja, klar. Und Klavier? Ja, sicher. Ach, Chor will sie auch. Ja, passt.“ Und sie war wirklich lange Zeit der Chauffeur für all diese Sachen, während mein Vater am Anfang schon sehr skeptisch war, weil er große Angst hatte, dass ich mich da in etwas verrenne. Aber dann gab es da zunächst einmal das berühmte Reinhardt-Seminar für Schauspiel, das sagte dann auch sogar ihm was, und schließlich das Burgtheater. Daraufhin hieß es dann auch, na ja, okay, das kann dann schon so falsch nicht sein, was sie da macht, so unbegabt ist sie dann vielleicht doch nicht.

Fühlen Sie sich eigentlich auf der Bühne sicherer als vor der Kamera?

Ja, schon, weil die Bühne einfach mehr mein Wohnzimmer ist, und ich weiß, wie unerbittlich die Filmkamera sein kann. Das hat zum Teil auch damit zu tun, dass ich sehr von meiner Tagesform abhängig bin, und es immer schwerer ist, vor der Kamera zu verstecken, wenn man sich in dem Moment vielleicht gerade nicht so wohl fühlt in seiner Haut. Und das Problem hat man am Theater nicht, da ist einem keiner zu nah. Da verlangt keiner von mir, jetzt noch eine Großaufnahme zu drehen, und ich denke mir insgeheim nur: Muss das jetzt sein? Ich will eigentlich lieber nur spielen, aber nicht dabei gefilmt werden.

Dafür drehen Sie in letzter Zeit sehr viel, mittlerweile sogar in Serie?

Ja, wobei ich gerade auch wieder ein Stück mit René Pollesch am Burgtheater gemacht habe. Also, da passe ich schon auf, dass das Theater nicht zu kurz kommt. Aber das stimmt, mit Lars Kraume drehen wir gerade einmal im Jahr Dengler, ein recht systemkritisches, linkspolitisches Krimiformat, nach einem Buch von Wolfgang Schorlau, einem Stuttgarter Thrillerautor, und darin spiele ich eine Hackerin. Und danach muss man mal schauen, wie es weitergeht. Dann kommt auf jeden Fall ein bisschen Privatleben, und für das kommende Jahr stehen so ein paar nicht finanzierte Filme in Aussicht, auch ein Projekt, auf das ich schon seit vier Jahren warte, dass es endlich los geht, aber so ist das eben bei mir. Was mich interessiert, ist nicht immer das, was alle anderen sofort sehen und fördern wollen. Allerdings schützt mich die Kombination von Theater und Film eben Gott sei Dank auch davor, finanzielle Entscheidungen treffen zu müssen, oder Kompromisse einzugehen, und da wollte ich persönlich eigentlich immer hin.

Sie sind mittlerweile auf vielen großen Bühnen zu Hause, in München, Hamburg oder Berlin. Ist das Lampenfieber trotzdem ein anderes, wenn Sie im Burgtheater vor dem Publikum stehen?

Wien ist für mich immer wie Nach-Hause-Kommen. Hier habe ich meine Lehrjahre verbracht, meine Anfänge gehabt. Zwar bin ich zwischendurch immer wieder abgehauen, weil ich das musste – obwohl ich erst dachte, das liegt an Wien allein, bis ich darauf gekommen bin, dass das jede Stadt mit mir macht, also dass ich irgendwann denke, ich kriege keine Luft mehr und dann abhaue. Aber trotzdem geht dieses Heimatgefühl in Wien irgendwie nicht weg, und das genieße ich sehr. Das ist wie eine wie eine Nabelschnur, die noch mit dem Mutterschiff verbunden ist, die sich nicht kappen lässt. Und ich hoffe sehr, dass das auch so bleibt.