Ein Magier verrät seine Tricks: Die 4er-Collector’s Edition von „Titanic“ beantwortet endgültig alle Fragen , die man zu James Camerons Filmepos noch haben konnte.
Unter all den Features und Featurettes, die diese 4er-Box zu bieten hat (mehr noch als die ebenfalls dieser Tage erscheinende 2er-Disc), gibt es ein Prunkstück, das herausragt und sogar Menschen, die sich für immun gegen den Zauber der Titanic halten (wie den Autor), nicht kalt lassen kann: Es ist der Audiokommentar von Regisseur James Cameron. Durch ihn wird die Tür geöffnet zu einer völligen neuen Welt: der Welt hinter dem auf der Leinwand Sichtbaren, aber auch zu den Überlegungen und Visionen eines singulären Filmemachers. Es ist, als hätte Cameron uns – wie in Spike Jonzes filmischem Geniestreich Being John Malkovich – erlaubt, durch einen Geheimgang in sein Gehirn vorzudringen.
Andererseits erweist sich, dass die DVD als Medium mit seinen technischen Möglichkeiten per se und in diesem speziellen Fall besonders ein unlösbares Dilemma schafft: Zum einen ist hier einer der größten Liebesfilme aller Zeiten zu sehen, der Abermillionen in aller Welt zu wilden Emotionen hinriss, zum anderen wird durch das extensive Bonusmaterial jeglicher Zauber, der von Titanic ausging, wenn schon nicht beseitigt, dann zumindest zurechtgerückt. James Cameron, eloquent wie immer, nicht ganz uneitel wie stets, lässt mit hörbarem Vergnügen praktisch kein Geheimnis ungelüftet, offenbart neben allen Highlights die ganze Banalität und die Sachzwänge, denen gerade ein filmisches Monsterunternehmen wie dieses unterliegt. Er berichtet von historischen Fehlern im Drehbuch (Leonardo DiCaprios Erzählung über einen See in Wisconsin, der erst nach 1912 angelegt wurde) ebenso wie über die Widrigkeiten der Dreharbeiten (das Wasser, das in die einzelnen Räume eindrang, musste immer wieder mühsam hinausgepumpt werden, wenn die Szene nicht auf Anhieb gelang), und über sämtliche mechanischen und digitalen Tricks, die angewendet wurden, um diese gigantische Story zu filmen. Da sehen wir die fein herausgeputzte Rose und ihre Mutter vor dem Greenscreen sitzen, ehe die Szene dann in die Miniatur des Erste-Klasse-Speisesaals eingepasst wird, wir sehen das „computer generated water“, wir sehen das „feet double“, das Kate Winslet in einer schwierigen Tanzpassage ersetzt. Es ist, als würde ein Zauberkünstler alle seine Tricks offenlegen, wenngleich eben mit dem saloppen Charisma Camerons. Sich das anzuschauen, bedingt eine gewisse perverse Lust, sich der Magie berauben zu lassen, um sich gleichzeitig von Neuem daran zu berauschen.
Besonders faszinierend wird das Ganze, wenn Cameron aus seiner kanadischen Nonchalance und dem routinierten Hollywood-Slang herauskatapultiert und völlig emphatisch wird, wenn seine ganze Besessenheit mit dem Thema Titanic, das ihn ja seither auch in mehreren Dokumentarfilmen als Regisseur/Produzent beschäftigt hat, offenkundig wird. Schön ist auch, wie er das so genannte alternative Ende kommentiert, das in Wahrheit „nur“ das ursprüngliche, vom Regisseur geplante ist. Er habe, so Cameron, alle offenen Handlungsstränge zusammenführen wollen, es sei aber klar geworden, dass das bei diesem Film keinen Sinn mache. Und man muss Cameron dafür dankbar sein, dass er nicht die üblichen „Everything-was-great“-PR-Floskeln absondert, sondern sehr wohl auch über kreative Differenzen (z. B. über die Spuckszene von DiCaprio und Winslet) berichtet.
Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, während des Films die eben gesehenen Szenen von „hinter den Kulissen“ zu betrachten. Was bei anderen DVDs oft ein öder Gag ist, ist hier sehr aufschlussreich, zumal, wenn wichtige Mitglieder der Crew (wie Art Director Martin Laing) die Entstehung einzelner Szenen erklären. Audiokommentare gibt es auch von Cast und Crew und – vielleicht am entbehrlichsten – von den historischen Beratern Ken Marschall und Don Lynch, die nach der Manier klassischer amerikanischer Sportreportagen eine Doppelconference liefern. Ein Making of zeigt den Maniac Cameron bei der Arbeit, das unvermeidliche Musikvideo zeigt Celine Dion, und natürlich gibt es rund 50 Minuten an Material, das 1997 der Schere zum Opfer gefallen war.
Das Bild und Ton den selbst auferlegten hohen Ansprüchen von Meister Cameron, der die Zusammenstellung des Materials und die Produktion der DVD persönlich überwachte, unterliegen, muss nicht extra erwähnt werden.
