Tommy Lee Jones

Tommy Lee Jones

Vorsicht, bissig!

| Alexandra Seitz |

In Paul Haggis’ „In the Valley of Elah“ spielt er einen Vater, den der Tod seines aus dem Irakkrieg heimgekehrten Sohnes in einen Gewissenskonflikt stürzt. Tommy Lee Jones überzeugt dabei einmal mehr als wortkarger Einzelgänger, der sich nicht in die Karten schauen lässt. Ein Porträt.

Schön ist er nicht. Gesprächig ist er auch nicht. Humor hat er ebenfalls keinen. Sagt er jedenfalls. Er kommt halt aus Texas. Da sind die alle so. Wortkarg und stur und irgendwie anders. Es wird wohl an der Landschaft liegen.

Tommy Lee Jones ist einer jener Schauspieler, die wirken, als würden sie ihren Beruf eher nebenher ausüben. Beiläufig und lässig, mitunter fast schon widerwillig. Als wäre das alles ein Zufall und im Grunde lästig. Darin ist er Robert Mitchum ähnlich, der gleichfalls kein großes Aufhebens um seine Person oder um seine Tätigkeit machte, und der auf diese Weise zu einer Ikone des klassischen Hollywood wurde. Wie Mitchum ist auch Jones Repräsentant einer distinktiven Kodierung von Männlichkeit, die sich auf Minimalismus stützt, auf die Reduktion der schauspielerischen Mittel, auf eine gespannt-ruhige Oberfläche, deren kleinste Bewegung infolgedessen umso größere Aufmerksamkeit hervorruft.

Zur Meisterschaft brachte Tommy Lee Jones diese männliche Kodierung als US-Marshal Sam Gerard, der in The Fugitive (1993) auf der Jagd nach Dr. Richard Kimble ist, wofür Jones eine Trophäe in Form eines Oscars mitnahm. Als Gerard den Doktor am Ende endlich eingefangen hat und dessen Unschuld erwiesen ist, da legt er ihm eine Jacke um die Schultern, nimmt ihm die Handschellen ab und wirkt überhaupt mit einem Mal überaus zuvorkommend, ja geradezu fürsorglich. Und dann lächelt er! Nach knapp 100 Minuten Hochspannungs-Verfolgungsjagd, die keine Verschnaufpause kennt und kein Erbarmen, liegt in diesem überraschenden Lächeln zunächst die Zufriedenheit über den erfolgreich erledigten Job und dann die Vorfreude auf den verdienten Feierabend. Der gnadenlose Jäger, der Kimbles verzweifelte Beteuerung, er habe seine Frau nicht umgebracht, mit einem kalten „I don’t care“ quittiert hat – in diesem Lächeln zeigt er sich endlich auch als mit seiner Beute fühlendes Wesen. Es ist ein mimisches Zeichen der Aufmunterung, das sagt: Es ist überstanden. Alles wird gut. Im letztmöglichen Moment gesteht Jones damit dem Marshall eine Menschlichkeit zu, die zuvor hinter einer einschüchternden Mischung aus nüchterner Professionalität, brutaler Effizienz und unverholener Obsession kaum zu erahnen war. Er macht ihn komplett, vertrauenswürdig macht er ihn nicht.

Annäherung auf eigene Gefahr

Ohnehin sucht man die freundlich-verbindlichen Typen, die ihr Herz auf der Zunge tragen und mit denen man einen drauf machen kann, in Jones’ Werk weitestgehend vergeblich. Mit seinen Charakteren ist meist nicht gut Kirschen essen. Das haben sie mit dem, der sie verkörpert, gemeinsam. Wer es mit Tommy Lee Jones zu tun bekommt, muss hart im Nehmen sein. Zahllos sind die Berichte über sein stark gewöhnungsbedürftiges Benehmen, das von Unhöflichkeit über Gemeinheit bis zur Handgreiflichkeit reicht. Mit den berüchtigten Ein-Wort-Antworten auf liebevoll ausgedachte Fragen hat er schon so manchen Journalisten in die Verzweiflung getrieben. Seinen Kollegen Jim Carrey, an dessen Seite er in Batman Forever (Joel Schumacher, 1995) den Schurken Two-Face spielte, beleidigte er mit der herablassenden Bemerkung, er sei „just a comic from cabaret“. Und als ihm bei einem Pressetermin für JFK (Oliver Stone, 1991; Jones’ Darstellung des Clay Shaw wurde für einen Oscar nominiert) etwas nicht passte, warf er kurzerhand den Tisch um und ging. Viele fürchten sich vor Tommy Lee Jones, nicht wenige wollen nie wieder mit ihm arbeiten. „Approach at your own risk!“, rät Barry Sonnenfeld, Regisseur der beiden kommerziell enorm erfolgreichen Science-Fiction-Komödien Men in Black (1997) und Men in Black II (2002), die einen Großteil ihres Witzes aus dem scharfen Kontrast zwischen Jones’ stoisch-strohtrockenem Agent Kay und Will Smiths redselig-quirligem Agent Jay beziehen.

Während die einen um Verständnis für Tommy Lee Jones heischen, mit dem Hinweis, er sei eben ein sehr um seine Privatsphäre besorgter Mensch, habe eine eigenwillige Auffassung von Komik und einen schwierigen Charakter, sagen die anderen, dass er den brutalen Kerl, der alle anderen schikaniert und einschüchtert, deswegen so gut spiele, weil er jenseits der Leinwand genauso sei. Oder, wie ABC-Kulturjournalist Joel Siegel es einmal irgendwo ausdrückte: „He’s just a mean drunk.“

Widersprüche aushalten

Vielleicht fällt einem dann die erbarmungslose Landschaft des Westens ein, dieser seltsam-hartnäckig wie das mythische Zentrum Amerikas wirkende Staat Texas, in dem die Familie Jones seit acht Generationen verwurzelt ist und wo Tommy Lee auf seiner Ranch Rinder und Polo-Pferde züchtet. „A real american male“, nennt ihn Andrew Davis, der mit Jones außer The Fugitive noch The Package (1989) und Under Siege (1992) drehte. Und Oliver Stone, der Jones neben JFK auch in Heaven & Earth (1993) und Natural Born Killers (1994) inszenierte, sieht in ihm die Art Mann, die mit Sam Houston nach Fort Alamo geritten wäre. Nun stellt man sich Tommy Lee Jones womöglich als Cowboy vor, der eines Tages an einem Filmset vorbeigeritten kam, von seinem Pferd abstieg und einfach mitmachte.

Dazu will freilich nicht so recht passen, dass der am 15. September 1946 in San Saba in der Region San Antonio geborene Jones zwei Eliteschulen besuchte, bevor er an der Universität von Harvard – also Ost-Küste und Ivy-League und Upper-Class undsofort – englische Literatur studierte und cum laude abschloss, dass er dort in Stücken von Euripides, Shakespeare und Brecht auftrat und allgemein als sehr belesen gilt. Wer sich mit Tommy Lee Jones beschäftigt, muss Widersprüche aushalten. Ebenso wie die Tatsache, dass es ihm in seinen besten Rollen gelingt, eine physisch durchaus gefährlich wirkende virile Präsenz mit zarten Andeutungen von Sensibilität subtil zu unterwandern. Oder wie den Umstand, dass sich in seiner über 60 Einträge zählenden IMDb-Filmografie neben einer ganzen Anzahl von Perlen auch jede Menge Gurken finden.

Stur wie Hughes

Nach seinem Studium trat Jones, der nie eine Schauspielausbildung absolviert hat, von 1969 bis 1974 am New Yorker Broadway auf. Von 1971 bis 1975 war er zudem in der ABC-Soap One Life to Live in der Rolle des Dr. Mark Toland zu sehen. 1976, Jones war inzwischen nach Los Angeles übersiedelt, übernahm er in Roger Cormans Jackson County Jail schließlich seine erste größere Filmrolle. Von da an arbeitete er regelmäßig für Film und Fernsehen. In dem Loretta-Lynn-Biopic Coal Miner’s Daughter (Michael Apted, 1980) gestaltet Jones an der Seite von Sissy Spacek in der Titelrolle das sehenswerte Porträt „Mooney’ Lynns“, der vom Ruhm seiner Frau überholt wird – ohne dabei in Klischees zu verfallen. 1982 bringt ihm seine Darstellung des Mörders Gary Gilmore in Lawrence Schillers Fernsehfilm The Executioner’s Song, nach dem gleichnamigen Buch von Norman Mailer, einen Emmy ein. In der TV-Produktion The Amazing Howard Hughes (William A. Graham, 1977) war Jones in der Titelrolle ideal besetzt; wie Hughes gilt ja auch Jones als ungeheuer stur und gibt seinen Zeitgenossen, die er mit schöner Regelmäßigkeit vor den Kopf stößt, Rätsel auf. Und wenn Hughes in einem Monolog davon spricht, dass ihn die Menschen eigentlich eher langweilen und ihn im Grunde der Himmel und das Universum wesentlich mehr interessieren, dann kann man sich vorstellen, dass Jones das genauso sieht.

Seine Figuren vermitteln den Eindruck, in ihren geheimen Gedanken mit etwas Bedeutenderem als den Niederungen des Alltags beschäftigt zu sein, das macht den großen Reiz von Jones Spiel aus. So wie er selbst den Beruf nebenher auszuüben scheint, so scheinen auch seine Figuren ein übergeordnetes Ganzes im Blick zu haben, während sie gewohnheitsmäßig den Regeln sozialer Interaktion folgen. Diese doppelte Perspektive verleiht den Figuren Tiefe und Hintergündigkeit, sie macht vor allem deren erratisches Verhalten plausibel, indem sie es in den Kontext des Nachdenkens über die Welt stellt. Um die Jahrtausendwende herum jedoch landete Tommy Lee Jones‘ Karriere in einer Sackgasse und er trat schauspielerisch auf der Stelle. Allzu vertraut war man inzwischen mit dem Charakter-Typus des unberechenbaren Grobians mit dem komplizierten Innenleben, den er geprägt hatte und wieder und wieder gestaltete: Als Katastrophenschützer in Volcano (Mick Jackson, 1997), als Gesetzeshüter in U.S. Marshals (Stuart Baird, 1998; eine Fortsetzung von The Fugitive), als Bewährungshelfer in Double Jeopardy (Bruce Beresford, 1999), als Militärangehöriger in William Friedkins Filmen Rules of Engagement (2000) und The Hunted (2003; ein First Blood-Ripp-off, das Jones in einem jeder Glaubwürdigkeit entbehrenden Duell der Tränensäcke mit Benicio Del Toro zeigt). Auch wenn sich zwischendurch Auflockerungsübungen fanden wie Clint Eastwoods Alte-Knacker-im-Weltraum-Komödie Space Cowboys (2000) und Joe Dantes Spielzeug-Zerstörungsorgie Small Soldiers (1998), in dem er dem fiesen kleinen Plastik-Major Chip Hazard selbstironisch seine respektgebietende Stimme lieh – Tommy Lee Jones’ Rollenwahl vermittelte den Eindruck bequemer Routine und seine komplexe Leinwand-Persona verkam zur Schablone des Kerls mit der harten Schale und dem weichen Kern.

Der Routine entkommen

Die Wende kündigt sich 2003 mit Ron Howards The Missing an. Darin spielt Jones einen weißen Indianer, der nach Jahren wieder Kontakt zu seiner entfremdeten Tochter sucht. In seinem wettergegerbten Gesicht liegt die Reue über einen nicht wieder gut zu machenden Fehler, verborgen zwar, aber schwer wiegend. 2005 feiert Jones mit The Three Burials of Melquiades Estrada, seiner nach dem TV-Western The Good Old Boys (1995) zweiten Regiearbeit, einen beachtlichen Erfolg. 2007 entstehen No Country for Old Men der Gebrüder Coen und und jüngst (siehe übernächste Seite) In the Valley of Elah von Paul Haggis, der Jones eine weitere Oscar-Nominierung einbringt.

All diese Filme zeigen Tommy Lee Jones als der Routine entkommen und auf einem neuen Höhepunkt seiner Kunst. Auch scheint es, als habe das tiefe Nachdenken seiner Figuren über das Große Ganze zu schmerzlichen und traurigen Erkenntnissen geführt. In ihren Grant und ihre Melancholie mischt sich leise ein starkes Gefühl zärtlicher Liebe für diese dem Untergang geweihte Welt.