Brad Birds lange geheimnisumranktes Großprojekt „Tomorrowland“ entpuppt sich als Blockbuster mit Herz und Botschaft, in dem George Clooney als Grantler und Britt Robertson als Optimistin versuchen, die Welt retten.
Disney hat es wieder getan: Nachdem man sich für die hocherfolgreiche Pirates of the Carribbean-Reihe bereits von einer Themenfahrt hatte inspirieren lassen, griff man für Tomorrowland erneut auf eine gleichnamige Freizeitpark-Attraktion des Unternehmens zurück. Das erste Tomorrowland wurde 1955 in Disneyland, Kalifornien eröffnet und stammt somit aus einer Zeit, als die US-Amerikaner noch voller Optimismus in die Zukunft blickten. Zwei Weltkriege waren gewonnen, der Supermachtsstatus endgültig etabliert, die Wirtschaft lief auf Hochtouren und die Technologie verhieß ein Leben, in dem Roboter sämtliche lästige Tätigkeiten übernehmen würden. „A vista into a world of wondrous ideas, signifying Man’s achievements … Tomorrow offers new frontiers in science, adventure and ideals. The Atomic Age, the challenge of Outer Space and the hope for a peaceful, unified world“, verkündeteWalt Disney das futuristische Tomorrowland-Programm bei der Eröffnung höchstpersönlich. Doch das Paradies auf Erden ließ trotz unbestrittenen technischen Fortschritts auf sich warten und im Lauf der Jahrzehnte bekam das amerikanische Selbstbild durch politische Attentate, Vietnamkrieg und Wirtschaftskrisen immer mehr Schrammen ab. Der mit dieser Desillusionierung einhergehende Verlust von Optimismus steht im Zentrum des von Damon Lindelof (Lost, Star Trek) geschriebenen und von Brad Bird (The Incredibles, Mission Impossible: Phantom Protocol) inszenierten Films Tomorrowland, dessen konkrete Handlung bis kurz vor Kinostart geheim gehalten wurde.
Zurück in die Zukunft
Über die Gründe für diese leicht übertriebene Geheimnistuerei kann man nur spekulieren (angeblich wollt Bird nicht, dass das Vergnügen durch zuviel Vorwissen getrübt wird), doch nachdem der Vorhang gelüftet wurde, erweist sich Tomorrowland als familientauglicher, visuell ansprechender Blockbuster mit Message. Die Story beginnt auf der Weltausstellung in New York 1964 (an der sich Disney übrigens tatsächlich beteiligt hatte): Der junge Frank Walker will dem Wissenschaftler David Nix (british extra dry: Hugh Laurie) ein selbstgebasteltes Jet-Pack vorstellen. Wofür es denn gut sei, will Nix von Frank wissen. Es mache Spaß und inspiriere, so Frank: Die Menschen würden glauben, dass alles möglich sei, wenn sie andere durch die Luft fliegen sähen. Pragmatiker Nix zeigt sich zwar nicht unbeeindruckt, wimmelt Frank aber letztlich ab. Doch die junge Athena (schön mysteriös: Raffey Cassidy) – Nixs Tochter? –, die sich als „Mädchen aus der Zukunft“ vorstellt, glaubt an die Kraft von Franks Traum und schenkt ihm einen Anstecker, mit dem dieser einen geheimen Eingang nach Tomorrowland passieren kann: Eine Stadt mit futuristischer Skyline und wenig Respekt für Gravitation, in der die besten Wissenschaftler der Welt sich austoben können; ein Ort, an dem Erfindungen unter der Aufsicht von Nix ausschließlich zum Wohl der Menschheit eingesetzt werden sollen. Doch dann sei alles schiefgelaufen, wie uns der ältere Frank (George Clooney, grumpy) in einer Rahmenhandlung informiert.
Schnitt in die Gegenwart, wo die junge Casey (ein Energiebündel: Britt Robertson), Technikgenie und Tochter eines NASA-Ingenieurs, mit allen Mitteln versucht, den Abbau einer Startrampe zu verhindern. Doch sie wird beim Einbruch auf das Raumfahrtgelände erwischt und verhaftet. Als sie freigelassen wird, findet sich unter ihren Habseligkeiten plötzlich ein mysteriöser Anstecker, der ihr lebensechte Bilder einer futuristischen Stadt zeigt. Die Suche nach dem Ursprung des Buttons erweist sich als gefährlich und plötzlich scheint es um nicht weniger als die Rettung der Welt zu gehen. Der Countdown ins Verderben läuft, die passive Menschheit scheint sehenden Auges in den Untergang zu marschieren und nur Casey, der desillusionierte Frank und die mysteriöse Athena scheinen die Apokalypse mit vereinten Kräften abwehren zu können …
Think Positive
Brad Bird hat sich bereits mit Animationsarbeiten wie The Iron Giant (1999), The Incredibles (2004) oder Ratatouille (2007) als formidabler Geschichtenerzähler erwiesen, der Elemente wie Humor, Action und Message gekonnt in der Schwebe zu halten vermag. Auch in Tomorrowland (der „deutsche“ Titel lautet übrigens A World Beyond – hätte man nicht einfach korrekt mit „Morgenland“ übersetzen können?), seinem zweiten Realfilm nach dem Thriller Mission Impossible: Phantom Protocoll (2011), gelingt Bird ein unterhaltsames Werk, das die Intelligenz des Zusehers nicht beleidigt. Der Film geniert sich nicht für seine Botschaft, feiert auf angenehm altmodische Weise Phantasie und Optimismus und steht damit in bester Disney-Familienfilmtradition. Nicht zuletzt ist der Film auch eine Hommage an den Geist Walt Disneys, der sich zeitlebens für technische Entwicklungen und ihren möglichen Nutzen für die Menschheit beschäftigte.
Das Drehbuch spielt auf durchaus intelligente Weise mit dem Widerstreit von Optimismus und Pessimismus: So stellt sich etwa die Frage, ob eine Maschine, die einen Countdown zum Weltuntergang anzeigt, tatsächliche Entwicklungen festhält oder ob es sich dabei um eine Self-fulfilling prophecy handelt, die sich aus Passivität und Hoffnungslosigkeit der Menschheit speist. Woran es dagegen etwas hapert, ist, dass eine tragische Liebesgeschichte, die einen nicht unwesentlichen Teil des Films ausmacht, zu kurz angerissen wird, um wirklich zu berühren; auch liegen die Motivationen des Bösewichts – der gegen Ende einen dieser Monologe hält, die man schon oft gehört hat – irgendwo zwischen banal und unklar. Ausgeglichen wird dies durch Schauwerte, darunter eine Actionsequenz am Eiffelturm, die im IMAX-Format bestens zur Geltung kommen. Kameramann Claudio Miranda, der bereits einige Erfahrung mit artifiziellen und futuristischen Bilderwelten (Life of Pi, Oblivion) hat, rückt die Stadt von Morgen mit Esprit ins Bild und erfährt dabei nach Kräften Unterstützung von Production Design und Kostüm – beide Departments zitieren Sci-Fi-Klassiker quer durch die Filmgeschichte, dass es eine Freude ist (Nerds werden besonders während einer Szene in einem Comicshop auf ihre Kosten kommen). Komponist Michael Giacchino liefert einen Score ab, der einem Spielberg-Film gut anstehen würde (tatsächlich hat Giacchino mit dem Filmemacher für ein Videospiel zusammengearbeitet) und das Ensemble macht seine Sache gut – insbesondere seien hier die jugendlichen Darstellerinnen erwähnt.
Auch tut es im Zeitalter von Sequels und Reboots durchaus gut, einen Film dieser Budgetklasse zu sehen, der eine eigene Geschichte erzählt. Tomorrowland – der trotz einiger härterer Actionszenen familientauglich ist, schließlich werden fast nur Roboter abgeknallt – sollte also auch für das Kind im erwachsenen Zuseher etwas bereithalten.
