Der viel versprechende japanische Regisseur Toshiaki Toyoda war mit seinem neuen Film „Hanging Garden“ beim Festival Nippon Connection in Frankfurt zu Gast.
Als ich jünger war, hatte ich einmal einen Traum, in dem ich mich umdrehte und niemand hinter mir stand. Aber ich wollte dort einen Helden sehen. Heute steht da wirklich niemand mehr, aber es macht mir nicht mehr so viel Angst.“ Dieser Held ist er mittlerweile wahrscheinlich selbst, der 1969 in Osaka geborene japanische Regisseur Toshiaki Toyoda, der mit seinen Filmen Pornostar (1998), Unchain (2000), Blue Spring (2001) und schließlich 9 Souls (2003) durchaus die Massen sowohl in heimische wie auch in ausländische Kinos lockt; Beschwerden über seine ästhetisierten Gewaltszenen muss er sich aber immer noch anhören. Nun hat er einen Familienfilm gedreht, der ehemalige Profi-Schachspieler, und freut sich, dass in diesem „mehr Blut fließt als in all meinen bisherigen Filmen zusammen“. Als Ausgangspunkt nimmt er dabei eine durchschnittliche Familie, Vater, Mutter, Tochter und Sohn, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich am gemeinsamen Esstisch „immer die Wahrheit zu sagen“. Dass sie in Wahrheit ein höchst fragiles Lügengerüst aufbauen, ist vorauszusehen. Toyoda schafft ein Bewusstsein dafür, dass es absolute Wahrheit nicht existiert und auch nicht existieren muss, um großen Gefühlen einen Platz im Leben zu geben.
Das Drehbuch zu Hanging Garden entstand nach einem Roman von Mitsuyo Kakuta.
Als Vorlage hatte ich diesen Roman, den mir mein Produzent in die Hand gedrückt hat. Und danach wollte ich mich auch richten. Das Drehbuch habe ich innerhalb von zwei Wochen geschrieben und dann wahrscheinlich zwanzig Mal umgearbeitet. Mit dem Cutter arbeitete ich täglich nach dem Dreh zusammen, und der gesamte Schnitt, mit Vertonung, war dann innerhalb von 30 Tagen komplett fertig. Diese 30 Tage setze ich mir selbst fest. Ansonsten hätte auch das Budget nicht ausgereicht. Mir erschien es plausibel genug, das wacklige Gerüst der Familie anhand der wiegenden Kameraschwenks verständlich zu machen. Für die besonderen Schwenks in Hanging Garden habe ich einen Kran verwendet, den man eigentlich eher in Musikclips oder in der Werbung verwendet. Beim Sichten habe ich mich nachher auch gewundert, dass diese spezielle Bewegung immer im gleichen Fluss war. Der Schnitt erwies sich dadurch als ziemlich unkompliziert.
Arbeiten Sie mit Storyboards?
Ich arbeite mittlerweile grundsätzlich ohne Storyboard, das schränkt nur die Freiheit des Kameramanns und nicht zuletzt die der Schauspieler ein. Aber dafür nutze ich die Proben umso intensiver mit Kamera und Darstellern. Die nötige Sicherheit hole ich mir aus dem Drehbuch, das ich ja selbst geschrieben habe. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch ich selbst mich von einem Storyboard zu sehr einschränken lasse. Ich drehe dann nur noch eins zu eins alles nach, und das bringt mir nicht wirklich viel. Bei Blue Spring habe ich zum Beispiel einige Szenen nach Storyboard gedreht, und da ist mir das aufgefallen. Es entsteht einfach etwas ganz anderes, wenn man den Dingen am Set mit dem gesamten Team freien Lauf lässt.
Wie sieht die Arbeit mit Ihrem Kameramann aus?
Bei Hanging Garden und 9 Souls habe ich jeweils mit Junichi Fujisawa gearbeitet, bei Blue Spring und Pornostar mit Norimichi Kasamatsu, mit dem ich auch am neuen Projekt wieder zusammenarbeiten werde. Ich bastle mir gerne eine Art von Familie zusammen, habe aber auch nichts dagegen, wenn immer wieder neue Leute hinzukommen. Die Arbeit am Set ist ja auch immer wieder eine Extremsituation, und so etwas schweißt schon zusammen.
In Blue Spring gibt es eine Szene, in der ich mit Zeitraffer arbeite: Der Hauptdarsteller steht auf dem Dach der Schule, und die Nacht zieht an ihm vorbei. Wir haben die ganze Nacht durchgedreht und ihn schließlich am Gitter festgebunden, damit er nicht vor Müdigkeit herunterfällt. Aber das Team hat durchgehalten. Wer während der Nacht etwas essen oder pinkeln gehen musste, der musste das eben an Ort und Stelle tun.
Eine technische Nachbearbeitung der Bilder versuchen Sie immer zu vermeiden …
Bei Hanging Garden wurden nur zwei Szenen am Computer nachbearbeitet: die Kamerafahrt mitten durch das Loch im Baumblatt und natürlich der Blutregen am Ende des Films. Gedreht haben wir die Regenszene im Studio mit rotem Wasser, was uns natürlich schon zu Beginn verboten worden war. Aber wir haben es trotzdem gemacht.
Hanging Garden ist also diesmal ein richtiger Familienfilm?
Für mich ist das ein wahrer Frauenfilm, ja, ich habe wirklich einmal einen Film für das weibliche Publikum gemacht! Eben Hausfrauen um die dreißig. LindaLindaLinda (Nobuhiro Yamashita, 2005) wurde mir angeboten, und ich lehnte ab. Keine Ahnung, wie der Film unter meiner Regie ausgesehen hätte. Ich muss auch sagen, dass ich mir den Film immer noch nicht angesehen habe. Ich glaube, ich bin mittlerweile einfach zu alt für so was: Probleme junger Mädchen interessieren mich nicht mehr so sehr.
Warum jetzt einen Familienfilm? Und dann noch über eine Familie, die sich immer die Wahrheit sagen will?
Japan wird in nächster Zeit wirtschaftlich von den Koreanern und den Chinesen überholt, da muss man sich schon Gedanken machen, was das Leben auf kleinstem Raum ausmacht, sprich: in der Familie. Die Familienstrukturen werden sich auch in Japan ändern, und dafür muss man einen entsprechenden Umgang finden. Das mit der Wahrheit ist ja so eine Sache: Muss man sich wirklich immer alles erzählen? Und wenn man das tut, ist man dann wirklich ehrlich zueinander, oder verletzt man den anderen nur unnötig? Diese ewige Rederei: Dabei nimmt man viel zu oft nur Rücksicht auf sein eigenes schlechtes Gewissen, aber den Menschen, die man liebt, tut man damit nicht unbedingt einen Gefallen.
Wie sieht es denn mit den autobiografischen Zügen innerhalb dieses Familienfilms aus?
Hanging Garden hat auch autobiografische Züge, klar. Ich würde zwar nie meine Frau betrügen, aber solche Dinge geschehen nun einmal, aus welchen Gründen auch immer. Ehen werden einfach zu schnell geschlossen, etwa, wenn ein Kind unterwegs ist, ohne groß darüber nachzudenken. Bei mir war es genauso. Das Gangsterpaar im Film hat da keine allzu große Bedeutung, es stellt ein Gegengewicht zur „normalen“ Familienwelt dar.
Sie werden immer noch gerne als Nachwuchsregisseur rezipiert.
Das verstehe ich auch nicht so ganz. Ich werde immer noch nach Vorbildern gefragt! Da kommt man mir dann mit Shinya Tsukamoto oder sonst wem. Tsukamoto, meine Güte, ich kenne ihn nicht, und ich mag auch seine Filme nicht besonders! Im Ausland ist meine Arbeit bekannter und anerkannter als in Japan. Und in Japan wiederum bin ich bekannter als Tsukamoto.
Von möglichen Vorbildern muss man in Ihrem Fall also nicht mehr sprechen?
Im jungen japanischen Kino selbst gibt es momentan eigent-lich nur mich und Shunji Iwai (Romance; Swallowtail Butterfly): In seine Filme gehen die Mädels rein, und in meine die Jungs! Jemand wie Kitano wird in Japan überhaupt nicht mehr gesehen: als Entertainer und Persönlichkeit vielleicht ja, aber nicht als Filmemacher. Jetzt habe ich einen Film über eine Familie gemacht, und als nächstes widme ich mich dem Land Japan als Thema selbst. Es ist zwar alles recht schwierig, aber ich bin schon dabei, das Drehbuch zu schreiben.
Zu 9 Souls hätte ich auch schon eine Idee zu einer Fortsetzung: die Geschichte einfach im Ausland weiterzuführen. Und demnächst findet in Japan wieder ein großes Rockkonzert statt, wo ich die gesamten Videoinstallationen mache. So etwas interessiert mich sehr, und das werde ich auch noch eine Zeit lang weitermachen.
Es gibt diese Szene, in der die Mutter im Zeitungsladen ihren eigenen Sohn nicht wiedererkennt, als er sie anspricht …
Die Szene mit der Mutter im Zeitungsladen ist auch autobiografisch, wenn man es so nennen will, nur umgekehrt: Ich wurde einmal von meiner eigenen Mutter in einem Buchladen angesprochen, und ich habe sie nicht sofort erkannt! Sie hatte einfach nicht das Gesicht meiner Mutter. Der Darsteller des Jungen, Masahiro Hirota, ist sozusagen meine Entdeckung: seine Mutter hat damals in Pornostar eine Killerin gespielt und so bleibt alles irgendwie in einer großen Familie. Überall, wo man hinschaut: Familie.
Der Esstisch der Familie führt ja ein wahres Eigenleben …
Die Labilität der Familie wird am einfachsten durch die wechselnde Beschaffenheit des Esstisches in der Küche ausgedrückt: mal aus Glas, mal aus Holz; ohne allzu viel hineinzuinterpretieren, aber der Esstisch hat durchaus seine Bedeutung. Ich lasse den Requisiteuren und Setdesignern
sehr viel Freiheit, vertraue ihnen voll und ganz, und manche Sachen fallen mir dann selbst erst nach Fertigstellung des Films auf.
Bei Hanging Garden habe ich auf jeden Fall darauf geachtet, dass gewisse Muster, Pflanzen und Möbel der familiären Wohnung auch im Love-Hotel wiederzufinden sind. Der Tisch im Love-Hotel ist hier auch rund, genau wie der eben angesprochene Esszimmertisch der Familie.
Vor großen Gefühlen haben Sie offensichtlich keine Angst, aber nach Sex sucht man in Ihren Filmen vergeblich.
Die Darstellung von Sex versuche ich grundsätzlich zu vermeiden. Sexuelle Freiheit oder das, was man darunter versteht, wird in meinen Augen heutzutage einfach überbewertet. Wenn es eine solche Freiheit geben würde, dann wäre es doch mit der Erotik vorbei, oder? Die Zigarettenszene in Blue Spring: eine solche Erotik bekommt man mit einer einfachen und geradlinigen Inszenierung doch überhaupt nicht zustande.
Braucht es also extreme Arbeitsbedingungen, um eine besondere Intensität auf die Leinwand zu bringen?
Dass man solche extreme Situationen sucht, hat wohl auch mit der eigenen Jugend zu tun, und so jung bin ich jetzt nicht mehr. Früher zum Beispiel fuhr ich einmal eine Kawasaki, aber das hat sich erledigt, weil ich keinen Führerschein mehr habe …
Es gab angeblich eine Drogengeschichte, in die Sie verwickelt waren.
Sehr vorsichtig ausgedrückt! Nicht nur angeblich, aber die Presse hat das alles sehr hochgespielt. Und im Gefängnis war ich deswegen auch nicht. Ich hatte nur Probleme mit der Ausreise, so war das.
Dank an das Team des Festivals Nippon Connection Frankfurt und Mario Hirasaka (Übersetzung)
