Hübsch anzuschauen, doch glänzt bloß die Oberfläche: Das Remake von „Total Recall“ mit Colin Farrell in der Regie von Len Wiseman.
Es war ein Riesenerfolg für Regisseur Paul Verhoeven, und es war der beste Versuch Arnold Schwarzeneggers, sich ein Image als ernst zu nehmender Schauspieler zuzulegen. Total Recall (1990), wie so viele Sciene-Fiction-Filme lose basierend auf einer Geschichte von Philip K. Dick, erfüllte sämtliche Spannungs- und Schauwert-Anforderungen des Genres (und erfüllt sie auch 22 Jahre danach noch erstaunlich gut), und hatte darüber hinaus einen Subtext zu bieten, der sich ambivalent mit den Folgen virtueller Realitäten auf die Verfasstheit des Menschen beschäftigte.
Schwarzenegger spielt Douglas Quaid, einen hart schuftenden Handwerker, scheinbar glücklich verheiratet, der nachts von Verfolgungsjagden und untertags von einem schönen Urlaub träumt. Und weil man das Jahr 2084 schreibt, kann Quaid sich nicht nur eine schöne Urlaubserinnerung implantieren lassen, sondern gleich eine als Geheimagent. Was natürlich erst recht wieder zu einem Alptraum führt. Damit hebt ein Ketchup-Blut- und Masken-gesättigtes Abenteuer an, das zwar nicht zu den Meister-, aber doch zu den memorabelsten Werken zumindest des massenkompatiblen SF-Kinos zählt.
Heute, in der schönen neuen Filmwelt des Stoffes, müssen Quaid und seine Hacklerkollegen nicht mehr auf den Mars zur Arbeit fliegen, sondern pendeln in einer Highspeed-U-Bahn innert 17 Minuten (durch den Erdkern!) nach Australien. Das einzige neben dem komplett durchtechnisierten Großbritannien noch bewohnbare Gebiet des Planeten ist eher heruntergekommen, wird nur „the Colony“ genannt (und scheint statt von Mutanten wie im Original paradoxer Weise mehrheitlich von Asiaten bevölkert). Damit ist auch schon die hervorstechendste Änderung des Handlungsgerüsts festgemacht. Dazu kommen ein durchaus detailverliebtes und Videogame-affines Setting inklusive heute handelsüblichem Effekt-Overflow aus dem Computer (alles handwerklich gelungen und hübsch anzuschauen), und leider mit Colin Farrell als Doug Quaid ein Hauptdarsteller, der seine Sache geradezu sorgenfältig ernst nimmt. Was freilich fehlt, sind die köstlichen Comedy-Elemente und Oneliner des Originals.
Wenn Regisseur Len Wiseman (Underworld) in Interviews zurückweist, dass es sich um ein Remake handle, hat er zugleich unrecht und irgendwie doch recht: Seine Inszenierung ist trotz der Mars-Auslassung näher an der Verhoeven-Version als an der Dick-Story, insofern ist es ein Remake. Doch es ist ein Remake der Oberfläche des Originals, wobei die Essenz verloren gegangen ist. Quaid könnte hier nicht wie im Original bloß träumen, dass er eigentlich der Agent Hauser ist, nein: Alles deutet darauf hin, dass er wirklich der Agent Hauser ist. Daher lässt man ihn hier auch gar nicht erst lang in den Erinnerungsprozess eintauchen, sondern hetzt ihm hektisch mechanische Ordnungshüter auf den Hals. Das Rätsel um seine Identität könnte ja wertvolle Zeit kosten, die man für Verfolgungsjagden braucht.
Total Recall funktioniert als modischer Action-Blockbuster passabel, aber das charmant trashige Setting, die Ambiguitäten (vor allem das offene Ende) und nicht zuletzt eben das „Mindset“ des Originals, der (selbst)reflexive Science-Fiction-Aspekt daran, lassen die neue Adaption im Vergleich seelenarm erscheinen. Wo sich bei Verhoeven unter der für damalige Begriffe perfekten Genre-Oberfläche Denkansätze finden, gähnt im Remake die Sinnleere. Übrig bleiben Referenzen an das Original, wie auch an Blade Runner oder Robocop (welcher gleichfalls derzeit von der Recycling-Maschine Hollywood neu aufgelegt wird), aber kein im Wortsinn begeisternder Film.
Eine erwähnenswerte Leistung Wisemans ist, seiner Ehegattin Kate Beckinsale eine Rolle verschafft zu haben, in der diese mehr als ihre Sexyness ausspielen kann. Doch obwohl Beckinsale deutlich mehr Screentime zur Verfügung hat als die unnachahmliche Sharon Stone im Original, bleibt sie als Quaids üble Fake-Gattin Lori weniger eindrücklich. Der fabelhafte Bryan Breaking Bad Cranston wiederum kann mit dem eindimensionalen Part als Kanzler Cohaagen nicht annähernd sein Potenzial ausschöpfen, ebenso wenig wie Bill Nighy als Rebellenführer.
„We Can Remember It For You Wholesale“ heißt die Story von Philip K. Dick. ray empfiehlt, sich an Total Recall 1990 zu erinnern: Fuck the colony, get your ass to Mars.
