Toy Story 3

Toy Story 3

Die wollen nur Spielen!

| Alexandra Seitz |

Mit „Toy Story 3“ vom Höllenfeuer in den Paradiesgarten.

Diesmal geht’s ans Eingemachte: College, Dachboden, Spendenkiste oder – horribile dictu! – Mülltonne lauten die Alternativen, vor denen sich Andys Spielzeuge eines nicht ganz so schönen Tages gestellt sehen. Denn der Bub von einst ist zu einem jungen Burschen herangewachsen und drauf und dran, dem Nest in Richtung Hochschule zu entfliegen. Mutter mahnt, das Zimmer ordentlich ausgeräumt zu hinterlassen, und widerstrebend verteilt Andy seine alten Spielsachen in College-Kiste und Dachboden-Sack. Cowboy Woody soll mit auf die große Reise, an deren Ziel er wahrscheinlich das Dasein so manchen Lieblingsspielzeuges fristen und auf dem Bücherregal einstauben wird. Space Ranger Buzz Lightyear und der Rest der Mannschaft werden für den Dachboden bestimmt, landen aber aufgrund einer unseligen Säcke-Verwechslung neben der Mülltonne. Aufgebracht über derart undankbare Behandlung proben die Toys den Aufstand und flüchten in die Spendenkiste im abfahrbereit in der Garage stehenden Auto. Woody, entsetzter Zeuge der Verwechslung und selbstverständlich ohne Zögern zur Rettung herbeigeeilt, versucht noch ein Machtwort zu sprechen und die Gemüter zu beruhigen. Doch da ist es auch schon zu spät, die Tür des Kofferraums schlägt zu, und alle landen gemeinsam in einem Kindergarten mit dem trügerischen Namen Sunnyside.

Die Sache mit der Säcke-Verwechslung hat einen durchaus ernsthaften Hintergrund. Lee Unkrich, Regisseur des hier in Rede stehenden Toy Story 3 (sowie Koregisseur von Toy Story 2 und Schnittmeister von Toy Story), erzählt, dass er bei einem Umzug die Stofftiere seiner Frau, die diese in einem Plastiksack zusammengesammelt hatte, nichts ahnend neben die Mülltonne stellte. Jeder, der ein paar alte Spielzeuge mit durch sein Leben schleppt – und wohl beinahe jeder schleppt ein paar alte Spielzeuge mit durch sein Leben – kann sich die katastrophische Stimmung vorstellen, die im Hause Unkrich ausbrach, als des Gatten Fehlleistung (leider viel zu spät) ans Tageslicht kam. Die Säcke-Verwechslung in Toy Story 3, sagt Unkrich, diene dem Andenken an die Spielzeuge seiner Frau, „auf dass ihr Dahinscheiden auf der Müllkippe nicht gänzlich vergebens gewesen sein möge“. Diese traurig-rührende Anekdote führt mitten hinein ins komplexe Wechselspiel zwischen Spielzeug- und realer Welt, das das Animationsfilmstudio Pixar in den Toy-Story-Filmen spielt. Sie erinnert daran, dass Spielsachen von den Kindern, die mit ihnen spielen, zu kleinen eigenständigen Wesenheiten mit unabhängigen Existenzen gestaltet werden und diese Eigenständigkeit niemals mehr verlieren. Selbst die meisten Erwachsenen bekommen jenen kindlichen Perspektivwechsel – sich vorzustellen, dass ihr unbeobachtetes

Spielzeug ein heimliches Leben führt – noch einigermaßen hin. Mit der heimlichen Belebung verknüpft ist jenes magische Geschehen, das sich in der Kindheit mühelos vollzog und an das sich wohl auch die meisten noch erinnern werden können: dass die Welt des Spiels eine ganz eigene Wirklichkeit schafft, die zur Realität in einem bereichernden und keineswegs unterwürfigen Verhältnis steht. Darüber hinaus verweist die kleine Geschichte auf das offene Geheimnis Pixars: Die emotionale Ebene der Geschichten, die das Studio auf die Leinwand bringt – mit Toy Story 3 sind es elf –, ist tief und fest im Alltäglichen und Menschlichen verankert; die-se innere Bodenständigkeit verleiht noch den phantastischsten Höhenflügen ihre Kraft und ihren besonderen Zauber.

Ersetzt, kaputt, verlassen

Der durchschlagende Erfolg des ersten Teils von Toy Story (der 1995 als erster zur Gänze computeranimierter Spielfilm in die Annalen einging) verdankte sich demnach nicht nur dem Umstand, mit kindlicher Selbstverständlichkeit aus der Welt der belebten Gegenstände zu erzählen. Sondern auch jenem, dass er Gefühle wie Eifersucht, Konkurrenz, Enttäuschung, Angst und Arroganz gestaltete. Die Welt von Toy Story war nie eine sorgenfreie Welt, immer wieder kam es in ihr zu Geburtstagen und Weihnachtsfeiern, die die Spielzeuge damit bedrohten, durch neuere, spannendere ersetzt zu werden. So sah sich denn auch Cowboy Woody schließlich mit einem starken Konkurrenten namens Buzz Lightyear konfrontiert, einem leicht selbstgefälligen, leicht größenwahnsinnigen Space Ranger, komplett mit Laserkanone, Karate-Chop-Funktion und ausklappbaren Flügeln. Im Zuge des sich aus dieser konfliktreichen Konstellation entwickelnden großen Abenteuers mussten sich die beiden Platzhirsche alsdann zusammenraufen, wollten sie nicht den Umzugswagen verpassen.

Toy Story 2 (dem es 1999 gelang, auf den Erfolg des Vorgängers noch eins drauf zu setzen) stellte sich einem weiteren Problem, das im Leben eines Spielzeuges früher oder später virulent wird: dem des Kaputt-Gespieltwerdens. Wieder traf es Woody, den ein halb abgegangener Arm beinahe in ein japanisches Spielzeugmuseum abtrieb. Ewig in einem Glaskasten bestaunt, aber nicht gespielt und damit auch nicht geliebt werden – oder aber das Risiko von Spiel, Liebe und Verschleiß eingehen? Selbst größeren Männern als Woody hätte diese Alternative schweres Kopfzerbrechen bereitet. Zum Glück wusste Buzz Lightyear – nachdem er die bei einem massenhaft angefertigten Spielzeug wie ihm zwangsläufig auftretenden Identitätsprobleme überwunden hatte – Schlimmeres zu verhindern. Und zwar im Zuge eines großen Abenteuers, an dessen Ende zudem Neuzugang zur Truppe zu begrüßen war: Gaul Bullseye und Cowgirl Jessie, die das Drama des Verlassenwerdens in Form des von Randy Newman komponierten Ohrwurms „When She Loved Me“ auf herzzerreißende Weise ins Spiel des Films brachte. Toy Story 3 nun beginnt mit einer schlauen Überraschung, die demonstriert, welch enormen technischen Fortschritt die Computeranimation in den seit Toy Story vergangenen 15 Jahren vollzogen hat. Ein Umstand, der sich im Folgenden in der reicheren Animation der menschlichen Figuren niederschlägt, wohingegen klugerweise davon Abstand genommen wurde, die Erscheinung der Toys zu perfektionieren. (Keine geringe Herausforderung für die Animatoren, die sozusagen ein Chirurgenbesteck dazu benutzen mussten, um einen – zwar einfachen, doch nicht simplen – Kasperlkopf zu schnitzen.) Zum anderen erinnert die Anfangssequenz daran, wie bezaubernd eigenständig und gänzlich vereinnahmend eine gespielte Welt sein kann.

No toy gets left behind!

Die Sequenz ist, wie wir bald bemerken, eine Reminiszenz an vergangene Zeiten, denn Andy, wie gesagt, ist aus dem Spielalter heraus. Dass nicht mehr mit ihnen gespielt wird, stellt für seine Spielsachen eine existenzielle Bedrohung dar – die größte bislang. Dementsprechend groß ist das sich in der Folge entwickelnde Abenteuer.

Zunächst jedoch ist lediglich die Freude darüber groß, in einem Kindergarten gelandet zu sein, denn Kinder, das ist bekannt, spielen. Und spielen. Und spielen. Allerdings werden die Neuankömmlinge vom ortsansässigen Chef, einem nach Erdbeeren duftenden Plüschteddy namens Lotso, der, wie sich noch herausstellen wird, sein eigenes Trauma tonnenschwer mit sich herumschleppt, der Krabbelgruppe zugeteilt. Die nicht-Kleinkind-gerechte Toy-Truppe muss derart nicht-Spielzeug-gerechte Behandlung über sich ergehen lassen, dass einem um ihre Batterien, Zubehöre und Einzelteile bang und bänger wird.

Toy Story 3 ist entschieden düsterer als seine beiden Vorgänger. Nicht nur ist Andy erwachsen geworden und nicht nur geht es damit für die Spielzeuge um Leben oder Tod. Auch für die Filmemacher ist die Zeit nicht stehen geblieben. Wohl wissend, dass große Teile ihres Publikums mit den Toy-Story-Filmen zusammen älter geworden sind, drehen sie an der Stellschraube und wagen sich ins Reich der unheimlichen Puppen. Denn wo steht geschrieben, dass das geheime Leben des Spielzeugs das von anständigen Leuten sein muss?

Des Nachts im Kindergarten ereignen sich gar gruselige Dinge; bald schon kann der Duft von Erdbeeren nicht mehr überdecken, dass hier etwas ganz entschieden faul zum Himmel stinkt, und nicht nur das Riesenbaby mit dem Schielauge oder der manisch seine Tschinellen schlagende Überwachungs-Affe verbreiten Angst und Schrecken. „The Great Escape“ lautet daher das Gebot der Stunde, zumal Buzz Lightyear schon wieder schwere Identitätsirritationen zu ertragen hat und den anderen schließlich nur noch spanisch vorkommt. Derweil wird Woody, der gar nicht mehr weiß, wohin er zuerst rennen, retten oder flüchten soll, auf einen Umweg geweht, der ein Ausweg sein könnte. Das Studio Pixar erweist dem Studio Ghibli Reverenz, indem es Totoro auf einen Gastauftritt einlädt und, ach ja, Barbie trifft Ken!

Schon so mancher Trilogie ging auf der Zielgeraden die Luft aus und so mancher sah demnach dem dritten Teil der Spielzeug-Geschichte mit gemischten Gefühlen entgegen. Nicht nur, weil die Erwartungen an die Fortsetzung nach den beiden vorangegangenen Steilvorlagen dementsprechend hoch ausfielen. Sondern vor allem, weil das Pixar-Studio seit nunmehr 15 Jahren einen Computer-Animationsfilm-Knüller nach dem anderen in die Kinos bringt und diese Serie ja irgendwann einmal gebrochen werden muss. So will es das gleichnamige Gesetz, und so ist der Lauf der Welt: Nichts währt ewig, und auf den Aufstieg folgt der Niedergang. Möglicherweise wird also auch die Pixar’sche Erfolgsserie irgendwann einmal ein Ende finden. Doch nicht mit Toy Story 3. Toy Story 3 ist ein Triumph!