Trope de Elite – Der innere Kreis

Der innere Kreis

| Jörg Schiffauer |

Mit seinem umstrittenen Film „Tropa de Elite“ zeichnet José Padilha ein düsteres Bild der brasilianischen Gesellschaft.

Als das IOC Anfang Oktober den etwas überraschenden Beschluss fasste, Rio de Janeiro mit der Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2016 zu beauftragen, wurden unmittelbar danach Fragen laut, ob denn die brasilianische Metropole angesichts der hohen Kriminalitätsrate überhaupt in der Lage sei, die Sicherheit für die Besucher einer derartigen Großveranstaltung wenigstens einigermaßen zu garantieren. Derartige Bedenken wurden von den offiziellen Stellen Brasiliens und Rio de Janeiros jedoch prompt zurückgewiesen und diverse Sicherheitsgarantien gleich einmal großzügig verteilt. Dass derartige Versprechen vielleicht ein wenig optimistisch und bar jeglicher Realität gewesen sein mögen, wurde durch eine Meldung, die wenige Wochen später Eingang in sämtliche Nachrichtensendungen finden sollte, deutlich. Im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen jenen Gangs, die vor allem die Favelas beherrschen, und der Polizei wurde sogar ein Hubschrauber der Sicherheitskräfte mitten über Rio abgeschossen.

Mean Streets

Mitten hinein in diese Auseinandersetzungen, die in Rio zur alltäglichen Normalität zählen und überregional nur durch spektakuläre Höhepunkte, wie den Abschuss eines Polizeihubschraubers, noch mediale Resonanz erfahren, führt Regisseur José Padilha mit Tropa de Elite. Im Mittelpunkt steht dabei Capitão Nascimento, ranghoher Offizier der berüchtigten Elitetruppe BOPE. Bei BOPE – die Abkürzung steht für Batalhão de Operações Policiais Especiais – handelt es sich um eine Spezialeinheit der Militärpolizei, deren Hauptaufgabe die Bekämpfung der Bandenkriminalität in den Armenvierteln Rio de Janeiros ist. Dort – das führt José Padilhas Film mit seinen großteils vor Ort gedrehten Sequenzen erschreckend deutlich vor Augen – haben die kriminellen Gangs längst das Kommando übernommen und rechtsstaatliche Strukturen durch brutale Gewalt ersetzt. Bandenführer herrschen über ihre jeweiligen Viertel wie Kriegsherren und bestimmen fast jede Facette des sozialen Lebens, gewöhnliche Polizisten wagen sich in diese Viertel nur noch hinein, um Bestechungsgeld zu kassieren, denn ein Eingreifen gegen die schwer bewaffneten Gangs wäre ohnehin lebensgefährlich. Das überlässt man dann schon lieber der Eliteeinheit, deren Einsätze mehr militärischen Operationen als polizeilichen Maßnahmen ähneln. In den Straßen der Favelas herrscht eine Art von permanentem Kriegszustand zwischen den Spezialeinheiten und den Kriminellen.

Es ist ein Spannungsfeld, das auch an Capitão Nascimento nicht spurlos vorübergegangen ist. Als Mitglied einer Einheit, die ihren elitären Status selbstbewusst pflegt, muss er im Einsatz entschlossen auftreten. Zögern oder Selbstzweifel sind keine Kategorien für einen BOPE-Offizier. Doch der tägliche Kleinkrieg hat Nascimento zermürbt, nach Dienstschluss ist der Mann ein nervliches Wrack. Nur noch mit diversen Beruhigungsmitteln kann er die Fassade  des toughen Polizisten aufrechterhalten. Also bereitet Nascimento seinen geordneten Rückzug vor, doch bevor er BOPE den Rücken kehrt, möchte er selbst geeigneten Ersatz rekrutieren. Den glaubt er in zwei jungen Polizisten gefunden zu haben, die, desillusioniert durch Korruption, Intrigen und Schlamperei, denen sie im Polizeiapparat tagtäglich begegnen, reif für die kompromisslosen Methoden sind, derer sich BOPE-Angehörige bedienen – effizient, aber auch schon gelegentlich die Legalität hinter sich lassend. Um ihre Qualifikation zu beweisen, müssen die beiden zunächst das harte Trainingsprogramm der Einheit durchlaufen, immer begleitet von ihrem Mentor Nascimento, der seine Schützlinge für den Einsatz auf der Straße vorbereitet. Doch schneller als ihnen lieb ist, werden die Neulinge mit der brutalen Realität, die ein Mitglied von BOPE erwartet, konfrontiert.

Innenansicht

Es ist ein verstörendes Bild von den Verhältnissen in Rio de Janeiro, das José Padilha mit Tropa de Elite (der auf den Erfahrungen des ehemaligen BOPE-Offiziers und Ko-Drehbuchautors Rodrigo Pimentel beruht) zeichnet. Seine Inszenierung konzentriert sich dabei auf die Sicht der Dinge aus dem Blickwinkel der BOPE-Mitglieder – als exemplarischer Protagonist fungiert die Figur des Capitão Nascimento – und dieser Blick ist naturgemäß ein eingeschränkter. Denn mit den sozialen Ursachen für die katastrophalen Entwicklungen in der brasilianischen Gesellschaft können sich die Elitepolizisten angesichts der Zustände gar nicht mehr auseinandersetzen – sie sind nur noch mit fatalen Resultaten dieser Fehlentwicklung konfrontiert. Ein eingeschränkter Blick, der auch formal seine Entsprechung findet, denn Padilhas Inszenierung arbeitet fast ausschließlich mit einer wackeligen, sich ständig in Bewegung befindlichen Handkamera, die damit streckenweise semi-dokumentarische Bilder erzeugt und den Zuschauer mitten in das Chaos und die bürgerkriegsähnliche Atmosphäre, die in den Favelas vorherrscht, schleudert. Diese Erzählstrategie brachte Tropa de Elite aber nicht nur den Goldenen Bären in Berlin 2008 ein, sondern auch jede Menge Kritik für die Aufarbeitung sozialer Problemfelder durch einen betont Action-reichen Plot und die vermeintlich unreflektierte Sichtweise auf die Methoden der Spezialeinheit.

Denn bei BOPE handelt es sich nicht nur um eine besonders gut ausgebildete Truppe, sondern um eine Einheit mit einem nicht unproblematischen Korpsgeist. Mit ihren schwarzen Uniformen und dem martialischen Emblem – einem Totenkopf, in dem ein Messer steckt und hinter dem sich zwei Pistolen kreuzen – erinnert allein ihr Erscheinungsbild an eine Mischung aus SS-Einheit und Freibeutern. Und bei ihren Einsätzen agiert BOPE auch mehr wie eine militärische Einheit denn eine Polizeitruppe: Im Zweifelsfall wird sofort geschossen. Um Durchschlagskraft zu demonstrieren, greift die Truppe auch gleich einmal vor Ort zur Selbstjustiz. All das verschweigt Tropa de Elite keineswegs, doch Regisseur Padilha verzichtet auf jede explizite ideologische Wertung.

Ihm deshalb fahrlässigen Umgang oder gar Verherrlichung vorzuwerfen, greift dennoch entschieden zu kurz. Denn Padilhas Inszenierung fokussiert ganz bewusst auf jenen limitierten Blick, den die besagte Truppe auf ihre Welt hat. Tropa de Elite präsentiert mit diesem Blick die Zustandsbeschreibung einer Gesellschaft, in der die soziale Spaltung längst erfolgt ist. Ja, die Gesellschaft selbst hat diese anarchischen Verhältnisse erst ermöglicht, die eine verhängnisvolle Spirale von Gewalt und Gegengewalt unweigerlich in Gang setzen. Es ist eine nihilistisch-desillusionierte Sichtweise, die die Großstadt nur mehr als Moloch, der außer Kontrolle zu geraten droht, betrachtet, wie man sie etwa auch in Don Siegels Dirty Harry (1971) findet. Und ähnlich wie Harry Callahan sehen sich auch die BOPE-Soldaten zusehends als letzte Verteidigungslinie gegen die immer mehr um sich greifende, ausufernde Kriminalität. Zudem – und auch das macht Tropa de Elite deutlich – sind die radikalen Methoden der Truppe bei der brasilianischen Bevölkerung durchaus umstritten, was dazu führt, dass die BOPE-Mitglieder Rückhalt nur mehr innerhalb ihrer Einheit vorzufinden glauben und sich noch mehr auf diesen inneren Kreis zurückziehen.

In einem derartigen Umfeld werden selbstkritische Denkansätze naturgemäß nicht gerade gefördert, es entsteht ein Korpsgeist, der Widerspruch nicht duldet und sich zusehends die Spielregeln selbst vorgibt. Welche fatalen Folgen derartiges Denken nach sich zieht, sollte jedermann mit einem Minimum an zeitgeschichtlichem Wissen bewusst sein. Regisseur José Padilha den Vorwurf zu machen, seine Kritik daran nicht explizit formuliert zu haben, scheint eher einem übergroßen Verlangen nach Political Correctness zu entspringen.

Für zusätzliche Irritation mag zudem gesorgt haben, dass José Padilha seine Protagonisten nicht als rechtsradikale Law-and-Order-Fanatiker oder schießwütige Cops zeigt, sondern eher als durchaus nicht unsympathische Durchschnittstypen, die pragmatisch an die Sache herangehen: Um ihre Aufgabe erfüllen zu können, beantworten sie Gewalt mit Gegengewalt, um dabei überleben zu können, muss die Truppe eben härter und kompromissloser vorgehen als die Kriminellen. Für Idealismus oder gar Naivität ist in der verrohten Welt, in die sich BOPE-Soldaten bei ihren Einsätzen begeben müssen, kein Platz. Doch damit liefern sich die Mitglieder der Elitetruppe einem verhängnisvollen Kreislauf aus, der den Einzelnen an seine psychischen Grenzen bringt, das Kollektiv jedoch nur noch fester zusammenschweißt. Die nächste Eskalation ist damit vorprogrammiert.