Serie | Interview

In 8 Tagen bist du tot (vielleicht)

| Jakob Dibold |
Stefan Ruzowitzky im Interview zu seinem neuesten Projekt, der achtteiligen Sky-Endzeit-Miniserie „8 Tage“.

Er stand, besser gesagt: er saß inmitten der Räumlichkeiten des Naturhistorischen Museums Rede und Antwort, umgeben von zwar beeindruckenden, jedoch nicht bedrohlichen Himmelskörpern: Der österreichische Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky im Interview zu seinem neuesten Projekt, der achtteiligen Sky-Endzeit-Miniserie 8 Tage. Im Gespräch mit ray gab er Einblicke in den Arbeitsprozess, seine Beziehung zum Serien-Format und persönliche Ansichten zum Thema Weltuntergang.

 

Herr Ruzowitzky, acht Tage also bis zum Einschlag eines Asteroiden – warum eine Endzeit-Serie, was faszinierte Sie an dieser Thematik?
Stefan Ruzowitzky:
Als Filmemacher habe ich mir sofort gedacht, dass das ein sehr tragfähiges Konzept ist, denn du erzählst von einer Welt, in der sich jeder Mensch in einer persönlichen Extremsituation, aber auch die Gesellschaft als Ganzes sich in einer Extremsituation befindet. Das steigert sich noch, je näher die Stunde Null kommt, was einerseits dazu führt, dass der zivilisatorische Lack sehr schnell abblättert, weil es keine Ordnungsmächte mehr gibt, und andererseits auch auf einem persönlichen Level die Dinge, die man tut, keine Konsequenzen mehr haben. Das bietet natürlich tolle Möglichkeiten von Gesellschaftssatire bis zu großer griechischer Tragödie. Für den Filmemacher in mir war das eine tolle Herausforderung, da jede Figur, die du in dieses Szenario stellst, extrem agiert und du damit sehr interessante Dinge erzählen kannst.

Denken Sie, in unserer realen Welt würde es ähnlich oder genauso zugehen wie in 8 Tage?
Stefan Ruzowitzky: Das glaube ich schon, ja. Wir haben ja auch viel recherchiert. Dadurch, dass es, wenn die gesamte Gesellschaft erodiert, nur mehr auf den eigenen inneren moralischen Kompass ankommt, bin ich mir sicher, dass es sich ungefähr so abspielen würde. Wir leben in einer Zeit, in der gewisse gesellschaftliche Werte, die lange als unumstößlich galten, auf einmal wieder hinterfragt werden: Ob man nicht doch ein bisschen foltern dürfe, et cetera; man denke an all die Tabubrüche von Trump – Handlungen gegen die Menschenrechte, bei denen man sich früher gedacht hat, sie stünden außer Frage und auf einmal tun sie das nicht mehr. Auch hierzulande ist das so, dabei haben wir nicht einmal irgendeine Extremsituation, sondern sind ein reiches, sicheres Land, beziehungsweise ein reicher, sicherer Kontinent.

Endzeitserien sind ja derzeit generell en vogue. Gibt es Serien oder Filme, die sie inspiriert haben?
Stefan Ruzowitzky: Naja, also die klassischen Endzeitserien, die Zombieapokalypsen, all das spielt ja immer nach der Stunde Null, wo du sagst: „jetzt ist alles weg, jetzt fangen wir neu an“. Was ich bei uns eben spannend finde, ist, dass wir die Zeit direkt davor hernehmen, die Zeit, in der sich sowohl Individuen als auch Gesellschaft ihrer Endlichkeit bewusst werden. Das wirft dann für jeden auch philosophische Fragen auf: Was mache ich jetzt mit meinen letzten acht Tagen? Warum habe ich dies oder das nicht schon vorher gemacht, wenn es mir so wichtig ist? Kann ich – da haben wir auch Figuren, die das versuchen – in diesen letzten acht Tagen noch aufholen, was ich bisher versäumt habe? Natürlich sind das auch Gedankenspiele, die die Zuseher einladen, auch darüber nachzudenken, was sie selbst machen würden, ob es zum Beispiel wirklich toll ist, acht Tage lang vollkommen betrunken herumzuliegen – ich für meinen Teil glaube das nicht! Das machst du eine Nacht lang und da ist es vielleicht super, aber danach ist das nur mehr unangenehm.

Dazu passend die obligatorische Frage, da Sie ja auch Familienmensch sind: Wie sehr denkt man bei diesem Stoff automatisch auch daran, was man selbst täte? In welchen Figuren können Sie sich am ehesten wiederfinden?
Stefan Ruzowitzky: Als Regisseur oder Autor kannst du natürlich immer nur von dir selbst und deiner Emotionalität ausgehen. Ich denke mir – vielleicht zugegebenermaßen von einer bequemen Position aus, auch weil ich einfach damit rechne, noch ein paar Jährchen zu leben –, es wäre wahrscheinlich wirklich das Gescheiteste, man setzt sich in den Garten, grillt noch einmal mit der Familie,… Wobei ich persönlich in der luxuriösen Lage bin, nicht das Gefühl zu haben, ich hätte mein Leben noch nicht gelebt oder meine Träume nicht verwirklicht. Einerseits ist das meinem Alter geschuldet – für eine 17-jährige, wie bei uns auch eine vorkommt, ist das natürlich etwas anderes. Aber ich habe auch im Großen und Ganzen das Gefühl, dass ich – egal mit wie vielen Rückschlägen und Fehlern – das im Leben gemacht habe, was ich mir vorgenommen hatte. Deswegen wäre ich da insgesamt ein bisschen entspannter. Hoffe ich.

Man wird also nicht automatisch zum „Prepper“, wenn man sich gedanklich mit dieser Situation auseinandersetzt?Stefan Ruzowitzky: Nein. Ich bin ohnehin jemand, der versucht, zu viele Absicherungen möglichst zu vermeiden, die kosten einfach zu viel Zeit und Mühe. Das Einzige, das ich mal gemacht habe, war einen großen Kanister Sprit zu kaufen. Im Falle einer riesigen Naturkatastrophe, oder falls irgendwo ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt, sind doch immer zu aller erst alle Tankstellen ausverkauft. Dann sitzt du da und die Wolke kommt auf dich zu und du kommst nicht weg, weil der Tank leer ist… So viel Prepper bin ich dann also doch.

Auch fernab von Endzeit-Thematik – große, aufwendige TV-Serien erleben überhaupt einen Boom. Was reizt Sie am Format Serie?
Stefan Ruzowitzky: Bisher war es ja tatsächlich so, dass ich mich vom Fernsehen eher ferngehalten habe. Fernsehen hat sich lange hauptsächlich dadurch von Kino unterschieden, dass es ein älteres Publikum hatte und alles ein bisschen schaumgebremst war: Oft waren es die intelligenteren und komplexeren Geschichten, aber eben ja nicht zu laut, nicht zu gewalttätig, keine Nacktheit, keine Kraftausdrücke. Jetzt ist das Fernsehen sozusagen durch die Hintertür wieder auf den Plan getreten und einige aktuelle Serien bieten wirklich Kinostoffe an. Dem entspricht auch 8 Tage: Der Sender hat von Anfang an gesagt, das soll ein starker Auftritt sein und wir wollen, dass das provokant und kontrovers ist und haben eben nicht diesen kleinsten gemeinsamen Nenner, weil es um die Quote oder maximalen Boxoffice-Erfolg ginge. Sky will etwas Spezielles bieten, um neue Seher zu rekrutieren und es spielt keine Rolle, ob sich jemand an einzelnen Inhalten stößt. Wenn etwas Kontroversielles am Samstag um 20 Uhr 15 im ORF läuft, rufen gleich alle an und fühlen sich persönlich gekränkt, wenn es ihnen nicht gefällt. Das gibt es bei einer Plattform wie Sky nicht. Wenn du Zweiten Weltkrieg nicht schon wieder sehen willst, dann klickst du Das Boot eben einfach nicht an – aber du bist nicht beleidigt, dass es angeboten wird. Das alles ist wirklich ein Paradigmenwechsel in der Fernseh-Film-Kultur und es ist auch insofern spannend, dabei zu sein. Grundsätzlich bin ich nie ein dezidierter Serienfan gewesen, vor allem nicht von Konzepten, die alles so strudelteigmäßig auswalzen – dafür bin ich zu sehr davon fasziniert, eine Geschichte fokussiert erzählen zu können. Wenn dann ein Spielfilm auf drei Staffeln Serie ausgebreitet wird, Beispiel Fargo, wird das fad, weil sich alles wiederholt. Bei uns ist das eben nicht so, wir sind ja, wenn man so will, sehr dynamisch und ich denke umgekehrt auch, dass man so etwas wie 8 Tage auch nicht auf einen Kinofilm verdichten könnte, weil es eben stark von seiner Vielfalt lebt.

Schon im Interview mit ray-Redakteur Roman Scheiber vor 2 Jahren ließen sie durchklingen, dass das Projekt 8 Tage deshalb so interessant sei, weil es nicht der Logik eines typischen Serien-Narrativs entspreche. Inwieweit war es dabei auch wichtig, nicht einer oder zwei, sondern vielen Hauptfiguren und sich ineinander verdichtenden Beziehungen zu folgen?
Stefan Ruzowitzky: Ja, das war eben genau das Konzept. Es gibt Erfahrungswerte, dreizehn Hauptfiguren seien das absolute Limit, weil die Zuschauer mehr gar nicht verfolgen könne. Oder dass Figuren in einer Folge nicht vorkommen können, aber vergessen werden, wenn du sie zwei Folgen lang nicht dabei hast. Aber genau das ist natürlich reizvoll, dieses Beziehungsgeflecht, und die Frage, wer dann wann auf wen trifft. Eine Sache, die ich für mich gelernt habe: Bei einem Kinofilm hast du Kontrolle über dein Publikum, du weißt, die Person geht hinein, setzt sich hin und dann „hast“ du sie für neunzig Minuten. Und du weißt, nach einer halben Stunde sieht er das, nach einer Stunde das,… Bei einer Serie ist das so, wie wenn diese Person ein Buch liest: Da wird es welche geben, die sich das ganze Ding in einem durch bis 4 Uhr früh ansehen und andere schauen vielleicht jeden Tag eine Viertelstunde. Da hilft es natürlich, viele Figuren mit vielen dramaturgischen Höhepunkten zu haben. Denn du kannst eben nicht davon ausgehen, dass alle immer die 45 Minuten in einem Stück schauen und dramaturgisch am gleichen Level, am gleichen Punkt sind.

Die Regie der 8 Tage teilten Sie sich mit Michael Krummenacher. Wie gestaltete sich diese Zusammenarbeit? Gerade bei einer Story mit so vielen Handlungssträngen – entwickelt man da gewisse Präferenzen für einige davon und überlässt andere gerne dem Kollegen?
Stefan Ruzowitzky: Ja, am Anfang durfte jeder sagen, welche Figuren ihn besonders interessieren. Bei mir waren das der Polizist, der Murathan (Muslu, Darsteller, Anm.), und der Messias. Daher fiel die Location der Polizeistation an mich. Aber wenn der Polizist dann zu einer Michael-Krummenacher-Location musste, dann hat Michael mit ihm gedreht. Die Locations haben wir wie bei einem normalen Spielfilm abgedreht – sonst müsstest du ja jede Location dressen und zwei Monate später kommt der andere und du müsstest sie wieder dressen. Das wäre weder finanziell, logistisch noch organisatorisch möglich gewesen. Alle großen Figuren waren also mal bei ihm und mal bei mir. Wir haben die gesamte Vorbereitung gemeinsam gemacht, die Proben, das Casting. Das lief gut. Trotzdem denke ich, dass es früher oder später auch hier so wie in den USA sein wird, dass es einen Showrunner gibt, einen kreativen Kopf, der das Projekt von Anfang an betreut. Wo es dann auch nicht ehrenrührig ist, für eine Serie, die ein Kollege konzipiert und betreut, zuzuarbeiten und einzelne Folgen zu machen. Das ist besser als wenn viele Leute theoretisch gleichberechtigt sind und sich dann womöglich die Köpfe einhauen, wenn es eben nicht so harmoniert wie das bei Michael und mir der Fall war.

Murathan Muslu haben Sie eben schon erwähnt, auch darüber hinaus arbeiteten Sie wieder mit einigen Bekannten, allen voran Kameramann Benedict Neuenfels (Die Fälscher, Das radikal Böse, Die Hölle, Patient Zero) und Darsteller Devid Striesow (Die Fälscher). Welchen Stellenwert hat kontinuierliche Zusammenarbeit für Sie?
Stefan Ruzowitzky: Ich versuche immer, eine gute Mischung aus Stammteam und frischen Leuten zu haben, weil ich glaube, dass es langweilig wird, wenn du immer mit denselben arbeitest. Du lernst ja auch immer dazu, du hast beispielsweise einen neuen Kostümbildner und siehst den Sachen machen, die du so noch gar nicht gesehen hast. Dasselbe bei einem Kameramann. Jeder hat seinen eigenen Stil und mir hilft das auch weiter, weil ich mich dadurch auch weiterentwickle. Beim Cast ist es natürlich auch hilfreich, wenn es schon ein gewisses Vertrauensverhältnis gibt – alleine dafür, dass man die Leute überhaupt kriegt. In Zeiten, in denen es einfach irre viel zu tun gibt, hilft es, wenn Darsteller wissen, „ah, mit dem hab‘ ich schon mal gearbeitet und gute Erfahrungen gemacht“ und ihren Agenten sagen können, dass sie das gerne machen würden. In Bezug auf Devid: Er ist einfach ein super Schauspieler, er ist immer großartig. Und, worauf ich dann draufgekommen bin: Devid Striesow, Mark Waschke und Antonia Cäcilia Holfelder – mit der ich auch schon zwei Mal gedreht habe (Hexe Lilli: Der Drache und das magische Buch, Anatomie, Anm.) – und die eine der Gläubigen spielt, die waren alle drei gemeinsam in einer Klasse, in der Schauspielschule

Genre-mäßig haben Sie schon relativ viel Verschiedenes gemacht. Gibt es etwas, von dem Sie sagen würden, das würde Sie reizen, das hatten Sie noch nie?
Stefan Ruzowitzky: Komödie! Komödie muss ich natürlich irgendwann einmal machen. Aber das ist auch das, wovor ich den größten Respekt habe. Ich versuche immer, humorvolle Momente einzubauen, aber dieses Gene-Kelly-mäßige, dass sich die Leute da reinsetzen und „make me laugh!“ fordern, das finde ich ganz schwierig, aber irgendwann muss auch ich mich dem stellen, das ist mir schon klar.

Zuletzt noch ein etwas anderes Thema: „Neuesuper“ wurde für die Produktion mit dem „Grünen Drehpass“ der Film Commission Hamburg Schleswig-Holstein für nachweislich umweltbewusste Dreharbeiten ausgezeichnet. Nachdem die Zerstörung der Umwelt, – wenn auch nicht so akut wie ein heranrasender Asteroid –, ja eine der reellsten Gefährdungen der globalen Bevölkerung darstellt: Beschäftigen Sie sich mit den Fragen und Forderungen von Green Producing?
Stefan Ruzowitzky: Das ist auf jeden Fall im Kommen. Aber ich glaube, man muss da noch schlauere Strategien finden. Bis jetzt gibt es dann meist irgendwelche eher grausigen mehrfach zu verwendenden Plastikbecher. Die Kriterien dafür, wo man spart und wo nicht, sind da oft noch ein bisschen seltsam, manches ist ein bisschen sehr plakativ. Sinn würde es natürlich machen, wenn man zum Beispiel die ganzen Teams nicht in der Welt herumfliegen lässt, sondern sie stattdessen in den Zug setzt. Das wäre dann auch wirklich ein Opfer, das man bringen würde. Oder, was auch jetzt schon sinnvoll passiert, ist zum Beispiel der Verzicht auf Wasserplastikflaschen. Manche andere Dinge scheinen da wirklich mehr auf Außenwirkung abzuzielen – aber okay, Film ist ja all about Außenwirkung, warum dann auch nicht in dem Bereich?