Ist es eine Zwiebel? Ist es eine Spirale? Ist es ein Wurmloch? Die labyrinthischen Wege der Serie „Westworld“ – Versuch einer Annäherung.
Ein Wildwest-Freizeitpark, in dem Menschen die Sau rauslassen können und Roboter ihnen auf jede nur erdenkliche Weise zu Diensten stehen. Eine Maschine mit Fehlfunktion, die eines Tages aus der für sie vorgesehenen Storyline ausbricht und zurückschlägt. Der glatzköpfige Yul Brynner als mechanischer Revolverheld in Schwarz, der stechenden Blicks unbeirrbar an seiner Rache festhält. 1973 legte der renommierte US-amerikanische Thriller-Autor Michael Crichton (1942–2008) mit Westworld sein nach eigenem Drehbuch entstandenes Spielfilmdebüt vor – mittlerweile ein Klassiker des Science-Fiction-Genres, dessen Update allerdings längst überfällig war.
Also nahm der für seine hochkarätigen Produktionen vielgerühmte Pay-TV-Sender HBO sich der Sache an und begann im Oktober 2016 mit der Ausstrahlung einer gleichnamigen Serie, die Crichtons kritische Reflexion über die Auswüchse der Unterhaltungsindustrie ans digitale Zeitalter adaptiert. Das heißt, dass in der Serie Westworld, deren zweite Staffel ab April 2018 ausgestrahlt wurde – eine dritte ist in Produktion –, all jene ethisch-moralischen Fragen bezüglich des Verhältnisses von künstlicher Intelligenz und Humanität, Schöpfung und Schöpfer aufgeworfen und (gründlich) bedacht werden, um die sich das Original zugunsten der Actionsequenzen des Öfteren herumdrückte.
Dafür, dass dies sowohl auf mitreißende Weise als auch auf angemessen hohem Niveau geschieht, sorgt neben der exzellenten Besetzung – darunter Evan Rachel Wood, Thandie Newton, Jeffrey Wright, Anthony Hopkins und Ed Harris – der gemeinsam mit seiner Ehefrau Lisa Joy als Showrunner von Westworld fungierende Jonathan Nolan. Als Ko-Drehbuchautor seines älteren Bruders Christopher (unter anderem bei The Prestige, The Dark Knight Rises und Interstellar) hat Nolan seine Begabung für Gehirnwindungen sprengende Wendungen hinreichend unter Beweis gestellt. Tatsächlich tun sich in der Erzählweise von Westworld immer wieder jene sprichwörtlichen „rabbit holes“ auf, vor deren nicht abzusehender Tiefe Matrix-Meister Morpheus Neo warnte, als er ihn vor die Wahl zwischen blauer und roter Pille stellte. Nehmen wir also getrost die rote Pille – und stürzen uns ins Loch.
„Is this now?“
Dolores Abernathy, die Tochter des Farmers, schlägt die Augen auf und blickt freudig einem neuen Tag voller Wunder und Schönheit entgegen. Doch ihr Name bedeutet nicht umsonst „die Schmerzensreiche“, denn einmal mehr endet dieser Tag nur enttäuschend mit Schrecken und Verderben, weil der Mann in Schwarz, der mit dem entsprechenden Hut, auf seiner existenziellen Sinnsuche wie so oft den breiten Weg des Bösen eingeschlagen hat.
Dolores ist eine der ältesten Androiden, Hosts genannt, im Vergnügungspark der Delos Company, und hinter der perfekten Gutartigkeit ihres Äußeren schalten und walten die Nullen und Einsen in ungeahnten Bahnen Richtung Innovation; der Mann in Schwarz ist Stammkunde in Westworld und einer der Strippenzieher dieser Welt, an dessen eigenen Strippen wiederum in der Folge noch des Öfteren kräftig gezogen werden wird.
Es ist ein Prinzip der Serie, dass kaum eine der handelnden Figuren auf eine einzige Rolle beschränkt bleibt; was zunächst schlicht damit zusammenhängt, dass sich die Handlung auf zwei (räumlichen) Ebenen zuträgt: Auf der des Parks als meist grausames Spiel basierend auf „rape and pillage“, dessen moralische Verfehlungen zumindest vordergründig straflos bleiben. Und auf der der Parkverwaltung in Form von Lügen und Intrigen, die unterschiedlichen Geschäftsinteressen dienen und/oder geheime Agenden verfolgen. Skandalös sind die Konsequenzen letztlich auf beiden Ebenen.
Zur räumlichen Zweigleisigkeit gesellt sich eine immer mögliche temporäre Mehrgleisigkeit, insofern sich die Hosts zwar äußerlich weitestgehend gleich bleiben, dies aber nicht gleichermaßen für Gäste und Aufsichtspersonal gilt, da manche von diesen bereits seit Jahren in den Park kommen beziehungsweise dort schon sehr lange arbeiten. In dieser Hinsicht gilt es also auf der (schwarzen) Hut zu sein.
Zur Verfahrensweise der Verwaltung gehören zudem Kontrollgespräche, die die Hosts-Konstrukteure – Dr. Robert Ford und sein Assistent Bernard Lowe sowie ein gewisser Arnold, der zu Handlungsbeginn allerdings bereits verstorben ist (oder etwa nicht?) – mit ihren Schöpfungen durchführen, um deren reibungsloses Funktionieren sicherzustellen. Wir lernen die Hosts also zum einen im „Spielmodus“ im Park kennen, wo ihnen von der Bestie Mensch alle nur denkbare Grausamkeit widerfährt. Und zum anderen sehen wir sie im „Analysis“-Modus in den Laboratorien, wo sie wieder zusammengeflickt und rebootet werden; wobei jeweils der „memory cache“ gelöscht wird, in dem aufgezeichnet ist, was ihnen angetan wurde. Tabula rasa und zurück in den Fleischwolf.
Das alles geht so lange gut, bis es nicht mehr gut geht, weil die Konstrukteure ein Gewissen entwickeln und die Konstrukte ein Bewusstsein. Eine zentrale Rolle hierbei spielt die Fähigkeit, sich zu erinnern, von der neben Dolores auch Saloon-Puff-Madam Maeve heimgesucht wird. Eine Fähigkeit, die den Hosts im Rahmen einer neuen „Spiel-Narration“ möglicherweise einprogrammiert wurde, möglicherweise aber auch jenen unheimlichen Moment markiert, in dem die Maschine den Menschen überholt und diesen als anachronistisches Steinzeit-Phänomen, das von einem Billigheimer-Algorithmus regiert wird, aus dem Verkehr zieht. Oder dies zumindest versucht.
Falls Ihnen das zu kompliziert erscheint, seien Sie versichert, dass das erst der Anfang ist, das Fundament, das in Staffel eins gelegt wird, und auf dem aufbauend in Staffel zwei sich ein Luftschloss fantastischen Ausmaßes erhebt, dessen zahllose Falltüren, doppelte Böden, geheime Gänge und verborgene Kammern zu veritablen Gehirnkrämpfen führen können. Seien Sie aber auch versichert, dass eine Erkundung dieses seltsamen Riesenbaus sich unbedingt lohnt, weil jedes noch einigermaßen funktionsfähige Gehirn sich dieser denksportlichen Aufgabe freudig widmen wird.
„What is the nature of your reality?“
Denn wovon handelt Westworld, wenn nicht von den zentralen philosophischen Fragen: Gibt es einen freien Willen? Wie wichtig ist die Möglichkeit, sich entscheiden zu können? Wie hängen Erinnerung und Bewusstsein miteinander zusammen? Was ist Identität? Was macht Menschlichkeit aus? Nicht zuletzt: Gibt es gut und böse? Oder hat uns der Teufel getäuscht und wir sitzen in der Hölle und blicken nach oben, von wo herab er uns in die Gesichter grinst? Wem das zu theoretisch ist, der kann die Vorschläge, die sich aus der Handlung vor allem der zweiten Serien-Staffel ergeben, auch ganz praktisch auf das gegenwärtige digitale Zeitalter anwenden.
Schließlich werden sowohl vor als auch hinter den Kulissen des Vergnügungsparks immense Mengen von Daten erhoben und gesammelt, analysiert und gespeichert. Das Verhalten der Hosts wird aus naheliegenden Gründen rundum-kontrolliert, aber auch dasjenige der Gäste wird aufgezeichnet; vordergründig, um die experience der Kunden zu verbessern (hintergründig, um durchaus sinistere Ziele zu verfolgen). Der Mix aus Überwachung, Kontrolle und Machtmissbrauch kommt einem bekannt vor, erinnert er doch an die Tech-Giganten, die in Silicon Valley an der Weltverschwörung basteln, äh, globalen Versklavung der postkapitalistischen Konsumenten-Einheit arbeiten.
Und was hindert uns eigentlich, die Analogie weiterzudenken? Stellen wir uns doch einmal die Delos Company als eines jener Major Studios vor, die aufs jeweilige Zielpublikum genauestens zugeschnittene Waren auf die Leinwände bringen, deren Marketing-Budgets die Produktionskosten bei Weitem übersteigen. Hier nun beißt sich die Schlange in den Schwanz und Recht hat Westworlds head of narrative Lee Sizemore (Stellvertreter des Publikums, Opportunist, Zweifler, Überläufer, Held), wenn er sagt: Delos ist ein Ouroboros – ein Selbstverzehrer.
So erschließt sich letztlich auch das Zitat aus Shakespeares „Romeo and Juliet“, das die Serie wie ein Mantra durchzieht: „These violent delights have violent ends“, bedeutet eben nicht nur, dass Übeltätern am Ende die Quittung überreicht wird, sondern auch, welch Vergnügen es ist, an jenem Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Bis es eben kracht.
Viel Spaß in Westworld – „live without limits“!
