TV-Serien – Adel verpflichtet – Eine Führung durch die Kulissen von „Downton Abbey“

Adel Verpflichtet

| Pamela Jahn |

Das britische TV-Serien-Wunder „Downton Abbey“ setzt seinen internationalen Siegeszug fort: In Großbritannien läuft derzeit die vierte Season auf ITV, hierzulande ist die dritte gerade auf DVD erschienen. Höchste Zeit für einen Blick hinter die Kulissen.

Sie nennen ihn „das Orakel“, und das nicht ohne Grund. Wer Alastair Bruce einmal live und in Aktion am Set von Downton Abbey erleben durfte, ahnt schnell, dass der schmächtige Brite schottischer Abstammung mehr als der offizielle historische Berater der Serie ist. Zum einen sorgt Bruce nicht nur dafür, dass bei jedem förmlichen Empfang oder Abendessen im Hause des Grafen von Grantham das korrekte Protokoll eingehalten wird, sondern vielmehr dass selbst bis in die Spitze der Dessertgabel alles seine geschichtliche Richtigkeit hat. Darüber hinaus haben vor allem die Schauspieler, ganz gleich ob sie ein Mitglied der Adelsfamilie um Robert Crawley (Hugh Bonneville) oder dessen hauseigener Dienerschaft verkörpern, bereits früh erkannt, dass Bruce der Schlüssel ist, wenn es darum geht, ihre Figuren und damit das Leben in und um den idyllischen Familienbesitz möglichst überzeugend, authentisch und mit dem nötigen Hintergrundwissen darzustellen: „Wir haben eine Abmachung“, verrät Allen Leech, der den Chauffeur Branson spielt und seit der ersten Staffel dabei ist. „Jeden Morgen am Set erklärt er mir etwas Neues und als Gegenleistung gebe ich ihm einen Tipp fürs Pferderennen.“ Aber nicht nur die rund 20-köpfige Kernbesetzung, auch Julian Fellows, der Drehbuchautor, Mitproduzent und geistige Schöpfer von Downton Abbey, vertraut dem 53-jährigen Cousin des derzeitigen Earl von Kincardine, der außerdem ein Herold der Königin, Oberst der Landwehr, Mitglied der Schottischen Garde am Buckingham Palace und Stallmeister von Prinz Edward ist, nahezu blind in Bezug auf die Wahrung jener manierlichen und historischen Details, die Downton Abbey unter anderem zur erfolgreichsten britischen Fernsehserie seit 30 Jahren machten. Seither schiebt sich das schicke Historien-Melodrama gemächlich von einer Season zur nächsten durch die britische Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts vorwärts.

Die erste Staffel von Downton Abbey setzte im April 1912 mit einem ungeheuerlichen Paukenschlag ein, dem Untergang der Titanic, der nicht nur die Erbfolge der Crawleys gehörig ins Wanken brachte, sondern unterbewusst zugleich die finale Hochphase der britischen Aristokratie einläutete. Darauf folgte der Erste Weltkrieg, der auch vor dem englischen Hinterland nicht Halt machte, und dessen verheerende Auswirkungen Staffel zwei weitestgehend mitbestimmten, während der dritte Teil, der 1920 beginnt, folgerichtig vom Umbruch der europäischen Gesellschaften und den damit einhergehenden wirtschaftlichen Turbulenzen gekennzeichnet scheint. Auf der Insel selbst ist mittlerweile bereits Staffel vier angelaufen, nicht ganz so geschmeidig wie die vorangegangenen Teile (Staffel eins verfolgten in Großbritannien im Durchschnitt fast neuneinhalb Millionen Zuschauer), aber erneut mit zufriedenstellenden Einschaltquoten für den Privatsender ITV, die kein rasches Ende der Serie befürchten lassen. Und auch was den zeitlichen Handlungsrahmen betrifft, steht eines fest: Eilig hat man es in und mit Downton Abbey nicht, was die Crew hinter den Kulissen mitunter vor besondere Herausforderungen stellt. „Für uns als Kostümbildner wird’s schwierig, wenn die Zeit so schleppend vorangeht“, erklärt Caroline McCall. „Nach dem kleinen Zeitsprung zu Beginn der dritten Staffel, gibt es zwischen Staffel drei und vier keinen drastischen Schub. Allerdings hat sich auch die Mode in der Zeit nicht merklich verändert, zumindest nicht so, wie es im weiteren Verlauf der zwanziger Jahre der Fall ist, und das meiste, was wir an Material aus der Zeit auftreiben konnten, haben wir bereits in der letzten Staffel verwendet. Das heißt, wir mussten diesmal ungewöhnlich viel selbst entwerfen und nähen lassen, den Großteil der kompletten Damengarderobe, was ein Heidenaufwand ist bei der Besetzung und wenn man bedenkt, wie oft damals die Kleidung gewechselt wurde.“ Aber nicht nur die Kostüme werden mit akribischer Genauigkeit angefertigt, ergänzt Bruce. Mit ähnlich liebevoller Hingabe widmet er sich beispielsweise jedem einzelnen Brief, der in Downton Abbey ankommt, unabhängig davon, an wen er adressiert ist, ob laut gelesen oder im Stillen: „Jeder Brief, den ich schreiben helfe, hat einen zusammenhängenden Inhalt, der die Schauspieler mitunter zu Tränen rührt, wütend macht oder schmunzeln lässt, je nachdem wie es die Situation erfordert.“

Und die großen Gefühle und Leidenschaften, die versteckten Intrigen und verletzten Eitelkeiten sind es, die in Downton Abbey Leben in die eleganten, herrschaftlichen Räume bringen. Up-stairs wie downstairs wird geflirtet, gemobbt, gelästert, geliebt und gezetert, aber alles schön in Maßen und immer mit der Gewissheit, dass es sich im edwardianischen England so, oder zumindest so ähnlich, zugetragen haben könnte. Und deshalb greift Bruce auch jedes Mal beharrlich und mit gezügelter Selbstgefälligkeit in die Dreharbeiten ein, wenn jemand gegen die Benimmregeln und sozialen Verhaltensweisen der damaligen Zeit verstößt, falsch aus dem Auto steigt oder das Essen am Tisch der Herrschaften aus der falschen Richtung serviert wird. „Einer der Regisseure wollte tatsächlich das Essen aus der gleichen Tür servieren lassen, aus der kurz zuvor ein Mitglied der Familie den Raum betreten hatte“, schmunzelt Bruce. „Ich dachte nur: So geht’s ja wohl nicht!“ Und schon wurde die Szene geändert.

Upstairs and downstairs

Tischprotokolle und Begrüßungsrituale sind seine persönliche Spezialität, aber Bruce lässt auch gern Schuhbürsten austauschen, die Betten neu beziehen oder hält den Schauspielern Standpauken über korrekte Haltung und Aussprache. „Diese unbewussten Details sind uns ungeheuer wichtig“, betont er hartnäckig, und dazu gehöre eben unbedingt das Wissen um Etikette und Protokoll und um die Hierarchien, die die damaligen Unterschiede in Status und Macht reflektierten. Natürlich ließen sich nicht alle Unkorrektheiten ohne Weiteres ausräumen, gesteht Bruce, und die enorme und enorm aufmerksame Fangemeinde, die Downton Abbey international herausgebildet hat, ist stets eifrig dabei, die kleinen Schnitzer aufzudecken, die sich trotz dem wachsamen Auge des historischen Beraters am Set einschleichen. Der jedoch beharrt darauf, dass jene unvermeidbaren Anachronismen in erster Linie der schwierigen Balance zwischen geschichtlicher Genauigkeit und dem Unterhaltungswert der Serie geschuldet ist, die es stets zu wahren gilt.

Der größte Kompromiss, dem Bruce zugunsten der Unterhaltung zähneknirschend zustimmen musste? „Die Freiheiten im Umgang mit den drei Töchtern des Grafen“, sagt er. „Aber wenn wir sie so gut behütet und kontrolliert zeigen würden, wie es damals tatsächlich üblich war, käme es einfach niemals zum Techtelmechtel mit dem falschen Kerl.“ Dagegen gibt es für ihn jedoch keine Diskussion, wenn es um die korrekten Verhaltensweisen in Bezug auf die Dienerschaft geht. Vor allem downstairs wären die Regeln knallhart gewesen, da wusste jeder ganz genau, wer sich wann für wen vom Platz erhebt, und deshalb bestand Bruce auch von Anfang an darauf, dass immer alle aufstehen, sobald Mr. Carson (Jim Carter), der Butler, den Raum betritt, so wie es sich damals gehörte, auch auf die Gefahr hin, dass er den verantwortlichen Regisseur damit auf die Palme bringt.

Zu den Eigenwilligkeiten am Set von Downton Abbey gehört neben Alastair Bruce die Tatsache, dass Highclere Castle in Hampshire als Drehort für die Szenen upstairs zwar perfekt gebaut und ausgestattet ist, jedoch keine entsprechend intakten Räumlichkeiten für das Hauspersonal existieren, was bedeutete, dass Produktionsdesigner Donal Woods ein komplettes zweites Set für die Szenen below stairs in den berühmten Londoner Ealing Studios, mehr als hundert Kilometer vom Haus entfernt, zusammenstellen musste, inklusive Küche, Speisekammern, Schlafzimmern und Korridoren. Doch abgesehen von den logistischen Schwierigkeiten in Bezug auf den strengen Drehplan, erwies sich auch die unvermeidliche Zweiteilung der Drehorte letztendlich als äußert hilfreich, erklärt Woods, weil sich dadurch die völlig verschiedenen Atmosphären zwischen oben und unten auf ganz natürliche Weise schaffen ließen: „Das downstairs-Set sollte bewusst unterirdisch wirken, wie ein Getrieberaum, der den Motor einer riesigen Maschinerie beherbergt. Natürlich geht es da auch schon mal richtig schmutzig zu, in jeder Hinsicht, selbst wenn die Herrschaften oben im Esszimmer davon nichts mitbekommen.“

Kritik an der Kritiklosigkeit

Tatsächlich muss man Downton Abbey, trotz aller Doppelspiele und Hinterlistigkeiten, die ein in Aristokraten und Bedienstete geteilter Mikrokosmos mit sich bringt, nicht bis in die vierte Staffel mitverfolgen, um zu erkennen, dass es im Hause der Crawleys weder unten noch oben darum geht, in die tiefsten Abgründe des Seins vorzustoßen. Im Gegenteil. Downton Abbey zelebriert die Flucht vor der Wirklichkeit im stilvollen Ambiente, mit hübschen Kostümen, einer akribischen Liebe zum Detail und gerade genug Salz in der Vorsuppe, um die Intrigen und mitunter kuriosen Wendungen des Geschehens glaubhaft erscheinen zu lassen. Böse Zungen behaupten sogar, dass die erste Staffel der Serie lediglich deshalb so megaerfolgreich war, weil sie zur Zeit der Rezession völlig unvermittelt mitten ins krisengebeutelte, vergangenheitsselige Herz der Zuschauer traf. Mag sein. Was Downton Abbey bei aller Kritik an Gegenwartsflucht und Kritiklosigkeit dennoch langfristig sehenswert macht, sind nach wie vor die liebevoll entwickelten, eigenwilligen Figuren und ein perfekt eingespieltes Darstellerensemble, angeführt von einer unverwüstlichen Maggie Smith als kühlem Familienoberhaupt und Königin der schnippischen Bemerkungen, das von Bruces lückenlosem Fachwissen über die Etikette der britischen Monarchie und ihres Adels zehrt. „Es ist ein Nischengeschäft“, weiß Bruce, der unter anderem auch bei The King’s Speech als Berater tätig war und obendrein für Sky News sämtliche königlichen, religiösen und nationalen Ereignisse kommentiert, „aber solange Downton Abbey steht, werde ich selbstverständlich auch zur Verfügung stehen.“