Das Geschehen in der Comedy-Serie „Community“ besteht zu einem großen Teil aus popkulturellen Verweisen und Witzen, die auf diversen Meta-Ebenen angesiedelt sind. Urkomisch ist das Ganze trotzdem.
Die sagenhaft erfolgreiche Sitcom Friends hat es vorgemacht. Man nehme ein Ensemble junger Erwachsener und pferche es an einem Ort, meist einer Stammkneipe, zusammen. In knapp 25-minütigen Folgen werden dann über mehrere Staffeln hinweg allerlei amouröse Verkettungen, berufliche Kalamitäten und familiäre Konflikte mit Hilfe von geschliffenen Screwball-Dialogen durchgespielt. Das Tempo ist möglichst hoch, die Punchline-Frequenz enorm. Zuletzt knüpfte How I Met Your Mother als würdige Erbin an Friends an. Das Bedürfnis nach alltagsgeplagten Figuren, die stellvertretend und humorvoll die Konflikte durchmachen, die man ganz ähnlich auch aus dem eigenen Erleben zu kennen glaubt, scheint ungebrochen.
Friends gestattete sich nur selten einen Ausflug in die Selbstreflexivität. Hin und wieder durften die Figuren den artifiziellen Charakter des Formats Fernsehserie ihrem Publikum in Erinnerung rufen, das so vielleicht auch vor Überidentifikation bewahrt werden sollte. Der Verweis auf die eigene Gemachtheit blieb punktuell und hinderte Friends nicht daran, mit den letzten drei Staffeln mehr und mehr auf Romantic Comedy zu bauen. Community, deren erste Staffel nun endlich im deutschsprachigen Raum auf DVD erschienen ist, bedient sich einer ähnlichen Ausgangssituation wie die Sitcoms der Friends-Schule. In einem Community-College – einer amerikanischen Bildungseinrichtung, deren Ansehen knapp über dem der österreichischen und deutschen Volkshochschulen rangiert – findet sich eine denkbar disparate Gruppe von Gescheiterten zusammen: Jeff, ein narzisstischer Ex-Anwalt, Britta, eine selbstgerechte Politaktivistin, Troy, ein schwarzer Ex-Highschool-Footballstar, Anni, eine Streberin, die sich mit einer mittelschweren Medikamentenabhängigkeit ihre College-Karriere vermasselt hat, Shirley, eine frisch geschiedene Hausfrau, Abed, ein semi-autistischer Nerd und – last but not least – ein zotiger alter Sack namens Pierce. Die beste Voraussetzung also für ein medial erzeugtes Surrogat eines Freundeskreises, in dem man den eigenen punktuell wiedererkennt.
Community allerdings sperrt sich mit aller Kraft gegen jede identifikatorische Regung und operiert von Anfang an auf der Metaebene. Der Nerd Abed funktioniert als fleischgewordene Verweismaschine, die das laufende Geschehen derart unablässig kommentiert, dass es seinen Freunden mitunter zu viel wird:
Abed: „I thought you were more like Bill Murray in any of his films, but you are more like Michael Douglas in any of his films.“
Jeff: „Yeah?! Well, you have Aspergers.“
Direkter kann man dem Zuschauer nicht auf die Augen reiben, dass er es mit artifiziellen Figuren zu tun hat, die mit realen Menschen nicht verwechselt werden sollten.
Die von den Figuren selbst immer wieder hervorgekehrte Konstruiertheit des Geschehens macht es anfangs schwer, mit der Serie warm zu werden. Zumal man das konstante Sperrfeuer aus Zitaten, Anspielungen und Verweisen, das hier nicht nur Beigabe ist, sondern das Zentrum des Vergnügens bildet, nachvollziehen können muss, um überhaupt noch mitzukommen. Ähnlich wie den Simpsons gelingt es der Serie allerdings, ihre Zuschauer auf verschiedenen Ebenen abzuholen. Man kann das alles auch einfach nur lustig finden. Aber trotzdem: Am meisten Spaß macht Community dem, der möglichst viele der zahllosen Referenzen erkennt und intuitiv zuordnen kann.
„either I’m god or truth is relative“
Es bleibt nicht bei der einfachen Anspielung. Gleich die erste Folge ist John Hughes, dem großen Melancholiker unter den Regisseuren des Teenagerfilms gewidmet – und natürlich entgeht Abed nicht, dass die Ausgangskonstellation (eine Gruppe von denkbar unterschiedlichen Charakteren sitzt in einer Schulbibliothek), an The Breakfast Club erinnert. In Hughes’ Filmen wurden die Leiden der Adoleszenz noch mit den klassischen Mitteln des amerikanischen Erzählkinos verhandelt: Figurenbindung, Emotionalisierung des Zuschauers, eine klar kommunizierte Moral am Ende. Community verweigert derartige Eindeutigkeiten weitgehend. Gemeinsam ist allen Figuren hier nur, dass sie nicht wie realistisch gezeichnete Menschen wirken sollen, sondern wie Genrefiguren, die um ihre Genrehaftigkeit wissen; wobei Realismus natürlich auch nur wieder ein weiteres Genre ist: „How’s film class?“ – „It’s cool. Our first assignment is to make a documentary. It’s like real movies, but with ugly people.“
Von diesem Punkt aus gelingt es dann doch wieder, die Wirklichkeit in satirischer Form zu kommentieren – eine Wirklichkeit, in der medial erzeugte Bilder längst nicht mehr wie einst an exklusive Orte wie das Lichtspielhaus gebunden, sondern in der alltäglichen Wahrnehmung konstant präsent sind. In Community läuft das Wissen um das Nicht-Naturhafte menschlichen Zusammenlebens immer mit. Ständig wird darüber gesprochen, wie man sich durch die soziale Welt, die einem hier als eine vor allem diskursiv erzeugte zur Anschauung gebracht wird, bewegt. Neben immer wieder ironisch gebrochenen Exkursen in die Moralphilosophie („I discovered at a very early age that if I talk long enough, I can make anything right or wrong. So, either I’m God or truth is relative. In either case: Booya!“) arbeitet sich die Serie vor allem an rassistischen Sprachcodes ab und bringt dabei immer wieder Dialoge hervor, die mehrere kulturwissenschaftliche Seminare ersetzen können:
Jeff: „You’re a football player! It’s in your blood!“
Troy: „That’s racist.“
Jeff: „…in your soul?“
Troy: „That’s racist.“
Jeff: „Your eyes?“
Troy: „That’s gay.“
Jeff: „That’s homophobic!“
Troy: „That’s black.“Jeff: „That’s racist.“
Troy: „Damn!“
So geht es von der reflexiven Meta-Ebene wieder zurück zur handfesten Sozialsatire, die hier deswegen so ungemein gut funktioniert, weil die Serie sich jeder Form von Naivität verweigert und noch die eigene Reflexivität reflexiv kommentiert. Schwer zu sagen wie, aber Community ist es gelungen, der postmodernen Referenzhölle so etwas wie eine hochkomische Weltbeobachtung zweiter Ordnung abzuringen. Vielleicht führt erst von der Meta-Meta-Ebene wieder ein Weg zur Wirklichkeit außerhalb des Fernsehbildes. Das Schlusswort überlassen wir Abed: „Of course the illusion only lasts until someone says something they would never say on TV, like how much their life is like TV. There, it’s gone.“
