„Homeland“, die exzellent besetzte und bereits mehrfach ausgezeichnete Serie der Stunde, kreist um unterschiedliche Spielarten von Verrat und hinterfragt die US-Politik im Mittleren Osten vehementer, als man es von Produktionen für eine breite (amerikanische) Öffentlichkeit gewohnt ist.
Nur weil Sie nicht paranoid sind, heißt das noch lange nicht, dass niemand Sie in die Luft sprengen will. So – oder so ähnlich – sagt man wohl. Wenn man, beziehungsweise eine ganze Gesellschaft, jedoch von kollektiver Paranoia heimgesucht wird, wie dies im sogenannten Westen seit der September-Zäsur vor elf Jahren der Fall ist, lässt sich das auch am medialen Output dieser Gesellschaft ablesen. Besonders am Beispiel 24 war unschwer zu analysieren, wie weit ein verletztes Sicherheitsgefühl und eine großzügige Auslegung des Patriot Act gegen die Bedrohung von außen zu gehen bereit sind. Nun hat Jack Bauer sich nach acht Staffeln in die Abstrusität zurückgezogen, das Interesse der Serienmacher Howard Gordon and Alex Gansa an der Thematik aber blieb bestehen. Und so entwickelten sie aus einer israelischen Vorlage nicht nur Barack Obamas neue Lieblingsserie und eine der momentan meistdiskutierten Fernsehproduktionen, sondern auch das gelungenste Beispiel kultureller Übersetzung seit langem.
Wir befinden uns in Bagdad. Kurz bevor er exekutiert wird, verrät der Bombenbauer des Al-Kaida Chefs Abu Nazir der CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes), dass ein amerikanischer Kriegsgefangener die Seiten gewechselt habe. Als der acht Jahre lang verschollene Marine Sergeant Nicholas Brody (Damien Lewis) bei einem Militärschlag befreit wird, ist Carrie überzeugt, dass es sich bei ihm um die angekündigte nationale Bedrohung handelt, und beginnt, ohne ihre Vorgesetzten davon in Kenntnis zu setzen, Brody zu überwachen. Was sich daraufhin über die zwölf Folgen der ersten Season von Homeland entspinnt, vereint die Vorzüge eines klassischen Spionage-Thrillers mit genauen Charakterstudien, veritablem Familien-Drama und führt zu dem Schluss, dass es im Krieg gegen den Terror keine Helden mehr gibt.
Da die Serie von der Ungewissheit des Gesehenen und zu Glaubenden lebt, von zumeist unerwarteten Wendungen, der Komplexität der dramatischen Struktur und dem Spiel mit Stereotypen und Vorurteilen, soll an dieser Stelle nicht zu viel Handlungsrelevantes verraten werden. Rasch wird klar, dass keinem der Protagonisten vertraut werden kann, nicht ihren Worten, Handlungen und selbst ihren Erinnerungen nicht immer. Während Brodys Ausführungen dem widersprechen, was in seinen Flashbacks sichtbar wird, lassen sich lange weder die Motive für seine Lügen noch die Tragweite seiner posttraumatischen Belastungsstörung ermessen. Carrie derweil ist getrieben von der Obsession, nicht noch einmal Entscheidendes zu übersehen – „wie damals“ – und bereit, sich über Gesetze, Karrierechancen und selbst ihren Mentor Saul Berenson (Mandy Patinkin) hinwegzusetzen. Hinzu kommt eine psychische Erkrankung, die sie, um ihren Job nicht zu verlieren, heimlich medikamentös behandelt: Die Grenzen zwischen der professionellen, paranoiden Manie einer Agentin und Symptomen einer bipolaren Störung sind zunehmend schwerer auszumachen.
How long would you wait?
Während Homeland von der Spannung der Jagd lebt und das Prinzip Verrat auf unterschiedlichen Ebenen untersucht, erzählt das israelische Original Hatufim (hebräisch: entführt, im englischsprachigen Raum unter dem Titel Prisoners of War ausgestrahlt), geschrieben und inszeniert von Gideon Raff, was mit und in den Heimkehrern und ihrer Umgebung nach dem vermeintlichen Happy End ihrer Befreiung geschieht. In Hatufim wird das Problem des für seine Familie unbekannt gewordenen Soldaten, der sich in Gefangenschaft mit Hilfe eines Bildes am Leben erhalten hat, das wiederum so nicht mehr existiert, anhand dreier Figuren und deren Umfeld beschrieben. Nach siebzehn Jahren palästinensischer Haft und Folter werden infolge eines Deals Nimrod Klein und Uri Zach freigelassen und die sterblichen Überreste von Amiel Ben Horin übergeben. Nimrod kehrt wie Brody zu seiner Frau und zwei Kindern heim, Uris Freundin Nurit hat inzwischen eine Familie mit dessen Bruder gegründet; Amiel wurde angeblich unter ungeklärten Umständen getötet und teilt als Halluzination den Alltag seiner trauernden Schwester.
Brody erfüllt relativ schnell die öffentliche Erwartung des schmucken, strammstehenden Helden mit Symbolcharakter, Nimrod und Uri dagegen sind gebrochene Männer, die kläglich daran scheitern, sich in der Normalität zurechtzufinden. Auch unterscheiden sich die Serien in der porträtierten Rolle der Regierung – darin, um wie viel grausamer man als Zuseher in Hatufim die Verhöre und Überwachung der Prisoners of War nach ihrer Rückkehr empfindet. Von einer drastischeren Darstellung der Folterszenen ganz zu schweigen. Vor allem aber ist der gesellschaftliche Stellenwert des Themas ein anderer: Während die US-Armee ein Berufsheer und somit nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist, müssen alle israelischen Bürger einen verpflichtenden Militärdienst absolvieren – Männer drei, Frauen rund zwei Jahre lang. Die Nation wird als gleichbedeutend mit der eigenen Familie beschrieben; stößt einem Soldaten im Dienst für sein Land etwas zu, so nimmt jeder Haushalt daran Anteil. Umgekehrt erwartet die Öffentlichkeit von den Partnern und Familien, Hoffnung und Treue zu bewahren. In Hatufim wird dies so weit zugespitzt, dass eine Zeitung unter dem Titel „Cheating on an entire nation“ von Nurits Hochzeit berichtet. Raff spricht von einer offenen Wunde der Nation, immerhin leben in Israel ungefähr 1.500 ehemalige POWs, für die im Gegenzug geschätzte 10.000 palästinensische Gefangene freigelassen wurden. Bürgerkampagnen, die die Regierung an ihre Verantwortung erinnern sollen, und tägliche Berichterstattung prägen das Leben, allerdings häufen sich auch die Schuldgefühle der Befreiten, ausgelöst durch jeden neuen terroristischen Akt eines „eingetauschten“ palästinensischen Attentäters.
Im Lauf der Episoden verschiebt sich der Fokus von Homeland mehr und mehr auf jene politischen Spielchen, Strategien und Vertuschungen, die Einsatzleiter zu Direktoren des CIA befördern und Direktoren zu Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten. Darauf, wie mit Symbolen der Hoffnung und des Triumphs inhaltslose Politik einen Anstrich der Relevanz bekommen und nebenbei die Rekrutierungsmaschine in Gang gehalten werden soll. Am Ende der ersten Season steht zwar nicht mehr die Frage, ob Brody nun … oder doch nicht, wohl aber, ob es den Machern gelingen wird, die hohen Erwartungen an die Zukunft zu erfüllen und die Spannung aufrechtzuerhalten. Oder ob man sich mit der Zeit (Claire Danes hat einen Sieben-Jahres-Vertrag unterschrieben) auf das Suchen und Finden von (bereits angedeuteten) Maulwürfen beschränken wird. Ein Topos, den man gut und gerne mit Jack Bauer in Rente hätte schicken können.
