An großen Vorbildern orientiert, Realismus suggerierend und daran interessiert, etwas im Erzählkino Neues zu zeigen: Marvin Krens Gangsterstory „4 Blocks“.
Dem Sehen voraus ging auch hier der – wenngleich überschaubare – Hype. Fast jede deutschsprachige Serie der letzten Jahre, die man nicht gleich wieder ausschalten wollte, war von einem Diskurs begleitet, der sie in Bezug setzte zu den großen amerikanischen Fixpunkten. Wenn nach Babylon Berlin, zuletzt nach Bad Banks und eben nach 4 Blocks in den Foren und Kommentarspalten mit Superlativen herumgeworfen wurde, dann präformierte offenbar das Bedürfnis nach einem nationalen Quality TV den Blick auf das Geschehen. Dementsprechend unklar schienen zumeist die Kriterien. Besser ist, man spart sich den „Wir sind wieder wer“-Einschlag. Bis auf Weiteres gilt schlicht und einfach: „Die beste deutsche Serie aller Zeiten“ ist immer gerade die, bei der man nicht nach fünf Minuten vor Fremdscham im Boden versinken und zu Netflix oder ins Kino flüchten möchte.
Und davon gab es in den letzten Jahren doch immerhin ein paar. Unter anderem, und damit kommen wir jetzt zu den Bildern und lassen den diskursiven Ballast weg: 4 Blocks. Die Voraussetzungen waren vielversprechend. Regisseur Marvin Kren hat mit Rammbock 2010 einen effektiven, nervenzehrenden Zombiefilm gedreht, geglücktes Horrorkino, das in gerade einmal einer Stunde und mit erkennbar viel Freude am Genre seine simple Geschichte erzählte. 2013 folgte Blutgletscher, ein weiterer Film, der nicht mehr sein wollte als einfach effektive Phantastik.
Die erste Staffel von 4 Blocks hingegen setzt nun auf die Suggestion von Realismus. Eine Gangstergeschichte, die nicht nur Genre-Erwartungen erfüllen, sondern auch ein wirklichkeitsgesättigtes Bild deutscher, genauer: Neuköllner Wirklichkeiten bieten will. Der Clanchef Ali „Toni“ Hamady (benannt nach Tony Montana aus Brian de Palmas Scarface, gespielt von Kida Khodr Ramadan), vor einem Vierteljahrhundert aus dem Libanon geflohen, kämpft an verschiedenen Fronten: gegen eine deutsche Rockergang, den eigenen unkontrollierbar-jähzornigen Bruder, die Ausländerbehörden, die ihm die Staatsbürgerschaft verwehren. Von der größten Bedrohung ahnt er nichts: Vince (Frederick Lau), ein Neuköllner Jugendfreund, der für den Clan damals in den Knast gegangen ist, und die Hamadys jetzt als verdeckter Ermittler infiltriert.
Nimmt man 4 Blocks einfach als Serienunterhaltung, funktioniert das alles weitgehend. Insbesondere die ersten beiden Folgen und die letzte legen gut Tempo vor, und auch wenn eigentlich nie etwas wirklich Überraschendes passiert, trägt einen der Plot durch das Geschehen. Zumal das Ganze wunderschön gefilmt ist – Neukölln in Sonnenlicht getaucht, die verdreckte Schönheit der Stadt konterkariert das destruktive Treiben ihrer Bewohner. Das ist, nicht nur für eine Fernsehproduktion, sondern auch in kinematografischer Hinsicht, immer wieder virtuos inszeniert.
Ramadan und Lau schaut man gerne zu, schon weil man hier agierende Körper vor Augen hat und keine Schauspieler, die nur ihre Sätze aufsagen. Die Körperlichkeit der Gewaltszenen, sowohl Intensitäts-Motor wie auch Realismus-Marker im Gangstergenre, orientiert sich an den Filmen Martin Scorseses, Good Fellas und Casino vor allem. Und wie auch bei Scorsese soll das Gangstersetting hier als Konzentrat von verborgenen gesellschaftlichen Realitäten fungieren. Die Kamera nimmt in 4 Blocks gleichsam eine soziologische Haltung ein. Jedes Bild teilt dem Zuschauer implizit mit, dass es um mehr als nur einen Plot geht, es geht darum, etwas zu zeigen, das noch nicht im Erzählkino zu sehen gewesen sein soll. Auf dieser Ebene ist 4 Blocks von einem Detailreichtum, der verspricht, dass hier wirklich etwas zur Anschauung kommen möchte.
Überraschender Detailreichtum
Der Ausgangspunkt ist eine etablierte Genrefigur – Toni, der melancholische Gangster, der eigentlich in die Gesellschaft hinein und aus dem Verbrechen hinauswill. Hier soll eine Immobilie den Ausweg ermöglichen, ein Hochhaus, das Toni allerdings nicht kaufen (und dann wahrscheinlich zu den standardisiert überteuerten Berliner Preisen vermieten) kann, so lange er die entsprechenden Papiere von der Behörde nicht bekommt. In diesem Punkt balanciert die Serie haarscharf an der Apologie vorbei: Der Clan-Chef, der eigentlich keiner mehr sein will, funktioniert hier genau so gut als Identifikationsfigur wie die eigentliche Heldenfigur, der verdeckte Ermittler; so weit, so richtig. Dass es aber nicht – zumindest nicht in erster Linie – um gescheiterte Integration, sondern um Gewaltverbrechen geht, daran muss man sich als Zuschauer dann hin und wieder selbst erinnern.
Die Details und die Nebenfiguren, die die nah am Klischee gebauten drei Hauptstränge der Erzählung akzentuieren und ergänzen, sind das Beste an 4 Blocks. Die eigentliche Gewalt des Clans zeigt sich nicht, wenn die Gangs ihre Revierkämpfe austragen oder wenn Toni von einem Hipster, der hier die Gentrifizierung des Stadtteils personifizieren soll, Schutzgeld erpresst. Sie zeigt sich im Detail, zum Beispiel anhand von zwei jungen Dealern im Görlitzer Park, eigentlich noch Kinder, die für die Hamadys Drogen verkaufen und von denen der eine durch den Clan zugrunde geht. Da wird dann spürbar, auf welchem unerbittlichen Zwang dieser soziale Zusammenhang basiert, der die Kälte und Empathielosigkeit auch gegenüber den eigenen Leuten hinter einem entleerten Ehrbegriff verbirgt.
Genau beschrieben sind auch die Clan-Frauen, die in einem Fall versuchen, ihren Männern zu entkommen, und sich im anderen dem Islam zuwenden. Oder die zumindest punktuelle Machtlosigkeit der Polizei, die nicht skandalisiert, sondern nüchtern in den Blick genommen wird. Ohne dass die Serie die paranoische Phantasie, der deutsche Staat hätte „die Kontrolle verloren“, reproduzieren würde. Wer am Ende das Sagen hat, ist in 4 Blocks immer klar: Der Einfluss der kriminellen Gewalt beschränkt sich tatsächlich auf das titelgebende Gebiet. Das sind, schlimm genug, ein paar Straßen; während die Staatsgewalt in dieser Welt relativ frei und damit willkürlich entscheiden kann, wem man welchen Status gewähren kann und wem nicht.
Die oft überraschenden und vor allem genauen Details sind, wie gesagt, das eigentlich Fesselnde an 4 Blocks. Warum es im eigentlichen Plot dann hingegen immer wieder so schematisiert zugehen muss, ist nicht ganz klar. Die Ermittlergeschichte ist vorhersehbar, und irgendwie scheint es nach wie vor schwierig, Figuren in deutschen Produktionen mit mehr als zwei Charakterzügen auszustatten. Da liegt im Übrigen auch, um dann doch noch einmal darauf zurückzukommen, der Unterschied zu einem großen Vorbild wie The Sopranos. Die Figuren in 4 Blocks sind von der ersten Folge an ausdefiniert. Was weniger an den Fähigkeiten der Drehbuchautoren liegen mag – viele der Dialoge sind toll geschrieben –, sondern an einer eingefleischten Vorsicht gegenüber einem Zuschauer, dem man am Ende dann doch nicht allzu viel zuzutrauen scheint. Auch in einer vergleichsweise offensiven Produktion wie 4 Blocks nicht.
