Die BBC-Miniserie „Sherlock“ holte den berühmten Detektiv in die Gegenwart – und machte Benedict Cumberbatch zum Star.
Staffel 3 ist gerade abgedreht. Anfang September 2013 verkündete die BBC die letzte Klappe und zugleich eine Ausstrahlung 2014. Die Debatten, die nach Ausstrahlung des Staffel-2-Finales The Reichenbach Fall 2012 begannen und von Co-Autor Mark Gatiss kräftig angeheizt wurden mit der Bemerkung, alle Fans hätten den Hinweis auf die Lösung des „letzten Rätsels“ bislang übersehen, dürften also noch fortdauern. Bekannt ist jedenfalls schon, dass es in Staffel 3 um Motive wie Ratte, Hochzeit und Bogen gehen soll und dass Lars Mikkelsen die Rolle des Kontrahenten Charles Augustus Magnussen übernommen hat.
Seit der Erstausstrahlung im Sommer 2010 (der ORF zog erst ein Jahr später, im Sommer 2011, nach) ist Sherlock in 180 Länder verkauft worden. Die sechsteilige BBC-Miniserie um den auf eigene Faust ermittelnden „Consulting Detective“ und seinen Assistenten trifft offenbar einen Nerv – was nicht nur an der „dashing performance“ des mit dieser Rolle zum Star gewordenen Benedict Cumberbatch liegen kann (zu dessen Wandlungsfähigkeit siehe Seite 88). Ein Detektiv, der mit allen Mitteln der modernen Medien ermittelt und gleichzeitig die Sehnsucht nach klassischer britischer Krimikunst erfüllt – das ist eine Mischung, die offenbar besser ankommt als Guy Ritchies Martial-Arts-Materialschlacht Sherlock Holmes von 2009, die den Detektiv in klassisch viktorianischem Gewand porträtierte.
Der heutige Sherlock ist ein Meister der SMS, recherchiert selbstverständlich im Internet, bietet seine Detektiv-Dienste per Blog an und geht mit Smartphone und GPS ausgestattet auf Verbrecherjagd, während Dr. Watson gerade kriegstraumatisiert aus Afghanistan zurückgekehrt ist. Schon Arthur Conan Doyle hatte seinen Protagonisten 1887 auf der Höhe der technischen Entwicklung gezeichnet: Holmes kommunizierte damals per Telegramm, und als das Telefon eingeführt wurde, stand bald auch eins in Baker Street 221B. Man merkt den Drehbuchautoren und Doyle-Fans Steven Moffat und Mark Gatiss in jeder Szene den Spaß daran an, zeitgenössische Äquivalente zu Sherlocks traditionellen Attributen zu finden – so wird aus dem pfeifenrauchenden Detektiv ein mit Nikotinpflastern hantierender Tabaksüchtiger, der statt eines „three-pipe-problems“ ein „three-patch-problem“ lösen muss, und aus Dr. Watsons Memoiren wird ein ausgesprochen beliebter Internet-Blog. Das Spiel mit Originalzitaten und -motiven liefert eine Fülle raffinierter Insider Jokes für die Sherlock-Community – kein Wunder, dass der „Independent“ die BBC-Version in den höchsten Tönen rühmte: Sie sei „dem Original in manchen Aspekten dramatisch untreu, aber wunderbar loyal in allen Punkten, auf die es ankommt“.
Und doch, bei aller Vorliebe für Blogs und SMS: Benedict Cumberbatchs Sherlock ist kein Computernerd, der vom Schreibtisch aus mithilfe einer Net-Community verborgene Regierungsgeheimnisse offenlegt (auch wenn es eine gewisse Konsequenz hat, dass der britische Jungstar gerade in Inside Wikileaks den selbsternannten Datendetektiv Julian Assange spielt). Sein Sherlock bleibt eine geheimnisvoll zeitlose Gestalt, wenn er mit wehendem Mantel durch Londons nächtliche Straßen eilt, daheim in der sympathisch angeschmuddelten Baker-Street-Wohnung mit Pistole oder Harpune hantiert und in dunklen Momenten zur Violine greift. Den bei aller Modernität immer wieder spürbaren Rückgriff auf das Original erklären die Autoren Moffat und Gatiss mit der „viktorianischen Welt, die unserer innewohnt“: Immer noch sind Londons viktorianische Townhouses beliebte Wohnquartiere, und auch stilistisch gibt es reizvolle Anknüpfungspunkte. Cumberbatchs dunkler, lose geschnittener Belstaff Coat verkauft sich seit Ausstrahlung der Serie wieder ausgesprochen gut.
Nein, der Kern von Sherlocks Aktualität liegt im Charakter. Dieser hyperintelligente, sozial gestörte Überflieger, den der „Guardian“ als „cold, techie, slightly Aspergerish“ beschrieb, passt zu einer Generation, die virtuell permanent mit aller Welt kommuniziert und deren soziale Kompetenzen dabei auf der Strecke zu bleiben drohen. Nicht umsonst stellte „Die Welt“ in einer Kritik Sherlock als Fernsehikone des beginnenden 21. Jahrhunderts in eine Reihe mit Jack Bauer aus 24 und Dr. Gregory House. Ein „Superhirn mit der Arroganz der Ignoranz“, das die Tatsache, dass die Erde um die Sonne kreist, kurzerhand als nutzloses Schulwissen abtut und von ihrer geistigen Festplatte löscht, um sich mit aller Gehirn-Kapazität der Verbrecherjagd widmen zu können. Und sich mit Begeisterung auf das Spiel des Gegners einlässt, der Menschen als lebendige Bomben präpariert, als gelte es nur, in einem Computerspiel das nächste, schwierigere Level zu erreichen.
Intensive Männerfreundschaft
Kein Wunder, dass diesem Superhirn mit Dr. Watson eine Art moralischer Kompass an die Seite gestellt werden wird, der warnend ausschlägt, wenn Sherlocks Freude an der Jagd nach Serienmördern allzu offensichtlich das Mitgefühl mit den Opfern überstrahlt: Martin Freeman verleiht diesem Dr. Watson eine geerdete, selbstbewusste Eigensinnigkeit, die ihn weit über eine Assistentenrolle hinaus zu Sherlocks ebenbürtigem Widerpart macht. Mit ihm bekommt die Serie ihren Herzschlag: Denn jenseits aller komplexer Verbrechen, die es in Regierungskreisen, internationalen Schmuggelbanden und Militärforschungslabors aufzudecken gilt, ist es der Subtext einer ungewöhnlichen, intensiven Männerfreundschaft, der die Serie so reizvoll macht: Die Hobbydetektive, die der damals 28-jährige Arthur Conan Doyle 1887 erfand, sind auch in der Fassung von 2010 glaubhaft zwei junge Männer, die aus einer chaotischen WG-Freundschaft erst langsam eine loyale Beziehung entwickeln – Verwirrungen um sexuelle Orientierung und daraus folgende Krisen in der Freundschaft inklusive.
Doch das eigentliche Ereignis der BBC-Serie ist ihre visuelle Form. Fabian Wagners Highspeed-Kamera übersetzt Sherlocks spektakulär schnelle Deduktionsfolgen mit spielerischer Leichtigkeit ins Visuelle. Mit einer Vielzahl von spiegelnden Flächen, Fensterdurchblicken, Lichteffekten entsteht das Bild einer zersplitterten, multiperspektivischen Welt, wie sie dem Charakter der Hauptfigur entspricht. Es ist ein gefilmter „Stream of Consciousness“, wenn Sherlocks rasante Deduktions-Monologe in ebenso schnellen Schnitten und Schwenks visualisiert werden, wenn SMS-Botschaften als Schrift im Bild erscheinen und sich Worte wie in einer Computercloud an die Indizien heften. Die Kamera übernimmt die Rolle des Detektivs, wenn sie in unmerklichen Übergängen ihre objektive Position verlässt und Sherlocks Blickwinkel einnimmt, wenn sie in geschmeidigem Tanz den Detektiv umkreist und sich dann immer wieder, entsprechend seinem souveränen Überblick, auf die Höhe der Vogelperspektive erhebt. Verbunden ist das mit einem ausgesprochen eleganten Schnitt, der mit Überblendungen in der einen Hälfte des Screens schon in die nächste Szene springt, und die Bildübergänge an Konstanten wie vertikalen Türrahmen oder einer Träne, die im nächsten Schnitt zum Regenschauer wird, ausrichtet. Geschwindigkeit ist die Droge, die Sherlock Holmes’ Mastermind antreibt und Sherlock zum absolut zeitgemäßen Fernsehgenuss macht, der nicht hinter Kult-Filmen wie der Bourne-Trilogie zurückstecken muss. Wer zu langsam denkt oder schaut, bleibt zurück.
