Unbelievable

Serie | Unbelievable

Keine Krokodilstränen

| Marietta Steinhart |
Mit „Unbelievable“ hat Netflix endlich eine radikale True-Crime-Serie mit einem seltenen Maß an Empathie geschaffen.

Ich wurde vergewaltigt.“ Das ist der erste Satz, der in Unbelievable fällt. In den ersten Minuten der Netflix-Serie folgen wir der 18-jährigen Marie Adler (Kaitlyn Dever), einem ehemaligen Pflegekind, das in einem Übergangsheim für sozial schwache Jugendliche in einem Vorort von Seattle lebt, während sie einem Polizisten ihre Vergewaltigung schildert. Sie ist unter einer Decke zusammengekauert und erzählt ihm von dem maskierten Fremden, der in ihre Wohnung eingebrochen ist, sie sexuell missbraucht und gedroht hat, sie zu töten, wenn sie schreit. Die junge Frau, fast noch ein Mädchen, erzählt die Geschichte dann einem anderen Beamten, dann der Ärztin im Krankenhaus, dann muss sie aufs Polizeirevier fahren, wo sie der gleiche Polizeibeamte (Eric Lange) bittet, den Angriff ein weiteres Mal zu beschreiben. Und dann, obwohl sie zwölf Stunden zuvor durch die Hölle gegangen ist und es bereits vier Mal nacherleben musste, wird sie darum gebeten, alles detailliert aufzuschreiben.

Als Marie an diesem Punkt über Kopfschmerzen klagt, rollt der Polizist mit den Augen. Ihre Geschichte ergibt für ihn keinen Sinn. Trug der Angreifer einen Pullover mit oder ohne Kapuze? Hat sie tatsächlich um Hilfe gerufen, während sie gefesselt war oder nachdem sie sich befreit hatte? Der Tatort ist zu sauber. Es gibt keinerlei DNA-Spuren, und Marie verhält sich für ihn nicht so wie ein „typisches“ Vergewaltigungsopfer. Sie hat auch eine lange Geschichte als Gör, sagt ihre Pflegemutter (Elizabeth Marvel), und verlangt ständig nach Aufmerksamkeit. Und plötzlich fangen alle an, an Maries Geschichte zu zweifeln. Ihre Tränen sind gespielt. Sie lügt ganz offensichtlich.

Also wird sie quasi dazu gezwungen, ihre Aussage zu widerrufen, und gibt an, sie hätte sich das Verbrechen nur ausgedacht. Sie wird dann wegen Falschaussage verurteilt und hat keine Ahnung, dass in einem anderen Bundesstaat zwei andere starke und belastbare Frauen bald unnachgiebig an Fällen arbeiten werden, die ihrem sehr ähnlich sind.

Die erste Folge der achtteiligen True-Crime-Miniserie, die auf einem realen Fall in den USA basiert, ist eine ziemliche Wucht. Die Vergewaltigung, auf die häufig zurückgeblitzt wird, wird in Bruchteilen von Sekunden dargestellt, aber sie ist immer noch mächtig und trostlos. Das Kreativteam hinter der Serie, darunter die Schöpfer und Drehbuchautoren Susannah Grant (Erin Brockovich), Michael Chabon („Wonder Boys“) und seine Ehefrau, die amerikanisch-israelische Schriftstellerin Ayelet Waldman, verfolgen einen Ansatz, der in diesem Genre eher selten ist. Sie untersuchen eher die Auswirkungen der Brutalität als die Brutalität selbst und vermeiden so die ausbeuterische Art und Weise, wie mit Vergewaltigungen in Film und Fernsehen oft umgegangen wird.

Mehr als alles andere befasst sich Unbelievable mit den Opfern des Vergewaltigers. Tatsächlich ist der Mann kaum zu sehen, und wenn er es ist, darf er nicht viel sagen. Zu oft werden Serienverbrecher interessant, ja sogar glamourös gemacht. Wir werden als Zuseher aufgefordert, auf Zehenspitzen durch ihre traumatischen Hintergrundgeschichten zu tapsen, ihnen bei der Planung ihres nächsten Angriffs über die Schulter zu schauen. Unbelievable bleibt stattdessen ganz nah bei seiner verletzten Heldin.

Es ist ein wirklich beachtenswerter Ansatz, gleich nach dem Erscheinen einer zweiten, großartigen Mindhunter-Staffel im August aus dem Hause Netflix, zusammen mit mehreren aktuellen Projekten, die sich der Berühmtheit von Ted Bundy und dem unwiderstehlichen Charisma von Charles Manson widmen. So unterhaltsam diese Projekte auch sein mögen, Unbelievable fühlt sich im Vergleich dazu fast radikal an. Es ist eine frische, feministische Herangehensweise an das Erzählen von Kriminalgeschichten.

HERZZEREISSENDE LEISTUNG

Ab der zweiten Folge beschleunigt sich das Tempo, und Unbelievable entfaltet sich auf zwei Spuren: Während wir verfolgen, wie Marie 2008 wegen der „Lüge“ ihren Job, ihre Freunde und ihre Wohnung verliert, verschiebt sich die Erzählung nach  Colorado, 2011, wo die Polizistin Karen Duvall (Merritt Wever) einen Vergewaltigungsfall bearbeitet, der dem von Marie sehr ähnlich ist, aber Duvall hat keine Möglichkeit, das zu wissen. Eine Studentin namens Amber (Danielle Macdonald) wurde von einem Mann vergewaltigt, der in ihre Wohnung eingebrochen ist und dafür gesorgt hat, dass die Szene absolut frei von DNA-Spuren ist. Während Duvall behutsam und geduldig mit Amber umgeht, wird eines schnell klar: Die Kommissarin ist viel sensibler und kann einfach besser mit einem Opfer umgehen als die Detektive im Fall von Marie. Als weitere Vergewaltigungen stattfinden, schließt sich Duvall mit Grace Rasmussen (Toni Collette) zusammen, einer Polizistin, die in einem anderen Bezirk von Colorado arbeitet und ähnliche Fälle untersucht.

Eine der großen Attraktionen von Unbelievable ist es, diese beiden feinen Schauspielerinnen bei ihrer Arbeit zu beobachten. Sowohl Wever (Nurse Jackie) als auch Collette (United States of Tara) schaffen authentische Frauen, die Integrität versprühen, aber auch genügend Unsicherheiten und Fehler haben, um wie echte Menschen zu wirken. Toni Colette brilliert als harte, desillusionierte Polizistin, die für die jüngere Kollegin fast so etwas wie ein Vorbild ist, während Merritt Wever so viel Stärke und Trotz wie zehn Sonnen ausstrahlt. Kaitlyn Dever, die kämpferische Loretta McCready aus Justified, bietet als die beschädigte Marie eine außerordentliche, herzzerreißende Leistung, die auf jener Verwundbarkeit aufbaut, die die Schauspielerin auch in Olivia Wildes Booksmart zeigt (Filmstart: 14. November).

Viel Anerkennung gilt freilich auch denen hinter den Kulissen. Susannah Grant, Lisa Cholodenko (The Kids Are Alright) und der TV-Veteran Michael Dinner (Wunderbare Jahre, Justified) sind für die Regie zuständig und geben den humanistischen, zurückhaltend feministischen Ton für die Serie vor, welche jedwedes Spektakel vermeidet. Zwar gibt es Rückblenden zu den Vergewaltigungen und anschauliche Beschreibungen dessen, was mit jeder Frau passiert ist, aber die Serie wird nie zum Schmerz-Porno.

Viel mehr ist Unbelievable an den Kleinigkeiten interessiert, die mit Detektivarbeit zu tun haben, wie den späten Nächten, in denen stundenlange Aufnahmen von Verkehrskameras durchgesehen werden, oder dem Flackern der Angst in Maries Augen, wenn sie von männlichen Polizisten verhört wird. Der Angreifer von Marie machte Fotos von ihrem nackten Körper und anderen Frauen. Wir sehen sie nie – nur die geballte Wut in Wevers Gesicht, als Duvall die Kamera des Täters findet. Anders als bei der Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht gibt es hier keinen Grund zur Freude und keinen Sinn dafür, dass die Pein einer jungen Frau von Natur aus unterhaltungsträchtig ist.

Die mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Geschichte der echten Marie, so ihr Kryptonym, wurde im Jahr 2015 von zwei Journalisten aufgeschrieben. T. Christian Miller und Ken Armstrong untersuchten falsche Vergewaltigungsvorwürfe, als sie über den Fall von Marie stolperten. Unbelievable verleiht dem berechtigten Empörungsgefühl auch eine ermutigende Note des Optimismus – nicht nur für das Erzählen von Geschichten, sondern auch für die Darstellung von Frauen, die sich ihrer Realität stellen, anstatt sich ihr zu unterwerfen.