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Wiederholungstäter

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Warum US-Remakes skandinavischer Serienwunder den Erfolg der „Nordic Noirs“ nicht kopieren können

Die Amerikaner leiden seit jeher an einer Untertitel-Phobie (mehr noch als an einer Aversion gegenüber Synchronisationen). Ferner wird ein untertitelter Film meist auf den Status eines Kunstfilms beschränkt. Deshalb, und aus Mangel an Stars, werden nordische Stoffe mit viel Geld für den US-Markt nachgebaut. Doch nicht selten kommt es vor, dass Hollywood die Originale verhunzt. Geschehen in dänischen Fällen wie Nattevagten (Nightwatch) oder Brødre (Brothers). Und obwohl Let Me In ein anständiges Remake des schwedischen Vampirfilms Låt den rätte komma in war und der norwegische Thriller Insomnia Christopher Nolans dunkle Seite antippte, sind es doch bloß Abziehbilder. Warum soll man sich mit einer „minderwertigen“ Kopie zufrieden geben, wenn man auch das Original haben kann?

Der Weg für Forbrydelsen (Kommissarin Lund – Das Verbrechen), Bron/Broen (Die Brücke) und Borgen (Borgen – Gefährliche Seilschaften) als untertitelte Serienwunder aus Dänemark wurde geebnet von Stieg Larssons Millennium-Trilogie (wäre David Finchers The Girl with the Dragon Tattoo ein Gassenhauer geworden, hätten wir auch ein Sequel bekommen) und BBCs Adaption der Wallander-Serie. Während die dänische Polizei-Trilogie (Rejseholdet, Ørnen: En krimi-odyssé und Livvagterne) mit CSI-Anleihen und NYPD Blue-Echo Anfang der Jahrtausendwende großen Erfolg hatte, kam der internationale Durchbruch erst mit der von Søren Sveistrup kreierten Kriminalserie Forbrydelsen. Die Aneignung US-amerikanischer Produktions- und Erzählweisen hat dazu geführt, dass diese mit dem europäischen Autorenkino versöhnt wurden. Ingmar Bergman trifft David Simon oder so. Es liegt also eine gewisse Ironie darin, dass die Skandinavier das Modell der Amerikaner studierten und ihre Serien nun so gut sind, dass sie von den Amerikanern gekauft werden. Ihre Macher schätzen Projekte mit ausufernden Soziotopen wie The Wire, aber Forbrydelsen ist auch Teil eines Phänomens, das „Nordic Noir“ genannt wird. Es ist zum Synonym für realistisch anmutende Verbrechen, feinsinnige Figuren und grimmige Atmosphäre geworden. Die von gängigen Klischees befreiten weiblichen Charaktere rechtfertigen außerdem mehr Aufmerksamkeit. Diese Serien waren wichtige Meilensteine in Europa, aber ihre Klone sorgten kaum für Furore.

The Killing, die Neuauflage von Forbrydelsen, war nicht die erste Adaption einer dänischen Serie: Stephen King kreierte 2004 mit Kingdom Hospital ein Remake von Lars von Triers Riget, doch die US-Version floppte. Die Adaption von Den som draeber (Those Who Kill) mit Chloë Sevigny als Serienmörder-Jägerin im feuchten Pittsburgh, wurde (so wie ihr dänisches Pendant) nach zehn Folgen abgesetzt. Keine einzige Theorie erklärt, warum so viele Remakes scheitern, aber ein Stück fremde Sensibilität geht in der Übersetzung verloren und die Konkurrenz unter den Serien ist auf dem US-Markt größer als in Europa, wo die Serienwunder sich offenbar stärker vom Rest der Fernsehlandschaft absetzen.

AUS LUND WIRD LINDEN

Forbrydelsen war also ein Straßenfeger und so transferierte AMC die Geschichte um eine Kopenhagener Polizeistation nach Seattle. Die US-Version besteht im Gegensatz zum Original nicht aus drei, sondern vier Staffeln. Aus Kommissarin Sarah Lund (Sofie Gråbøl) wurde Detective Sarah Linden (Mireille Enos). Aus Nanna Birk Larsen wurde Rosie Larsen. Deren Ermordung bestimmt im Lauf von zwei Staffeln mit jeweils 13 Episoden die Leben von drei Gruppen: zwei ungleiche Ermittler, eine trauernde Familie und eine politische Kampagne. Das künstlerische Konzept der ersten Staffel folgt ziemlich genau (manchmal unerträglich genau) der Vorlage, wird aber der Kultur des Landes angepasst. Eine Amerikanisierung ist zum Beispiel ein Casino in einem Indianerreservat als gewichtiger Tatort. Beide Sarahs beginnen damit, dass sie ihren Dienst der Liebe wegen verlassen wollen. Der Sohn wird ebenso vernachlässigt wie der Verlobte. Der Strickpullover ist intakt. Was in Forbrydelsen angedeutet wird, wird in The Killing auserzählt (die Amerikaner neigen eher zu einer Psychologisierung ihrer Figuren) wie beispielsweise die Idee, dass die Heldin nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Das wäre nicht nötig gewesen.

Ein hervorragendes Element ist Lindens Partner Stephen Holder, der von dem schwedischen Schauspieler Joel Kinnaman gespielt wird. Die dänische Originalfigur Jan Meyer war ungefähr so tief wie der Neusiedlersee (und Søren Malling konnte erst als TV-Nachrichtenchef in Borgen sein Potenzial ausschöpfen), aber mit Kinnaman investieren wir gern in Holder. Er hat lila Taschen unter seinen schmeichelnden Augen und trägt sein Herz auf einer rollenden Zunge. Es ist die Chemie zwischen den beiden, die uns bei Laune hält, wenn sie in Zigarettenqualm hocken und durch die verregnete Windschutzscheibe ihres Autos starren (ein gefühltes Drittel der Serie), während sie über ihre Neigung zu falschen Fährten plänkeln.

Es gibt ausreichend bestechliche Politiker, obsessive Polizisten, blauschwarze Luft und viel tränkenden Regen in The Killing. Man hatte die ominöse Musik von Frans Bak integriert, Søren Sveistrup engagiert und eine Werbekampagne geschaltet, die ein Echo von Twin Peaks katalysierte. Doch Showrunner Veena Sud machte damit ein Versprechen, das sie nicht einlösen konnte: dass ihre Serie in derselben Liga spielt. Die Zuseher gingen davon aus, die Frage „Who killed Rosie Larsen?“ werde mit dem Finale der ersten Staffel beantwortet, doch das wurde sie nicht. Es folgte eine Welle der Verachtung und der Verlust von mehr als dreißig Prozent der Zuschauer. Eine Kritikerin der Huffington Post „hasste das Finale von The Killing mit der brennenden Intensität von 10.000 weißglühenden Sonnen“. Davon hat sich die Serie nie erholt.

Man brachte eine zweite, langwierige Staffel über die Bühne, entlarvte den Täter und setzte die Serie ab – um sie dann wiederzubeleben. Staffel drei bewegte sich weg von der politischen Dimension des Originals hin zum Serienmord an Mädchen. Obwohl abermals jeder verdächtig sein musste und die Exploitation von Sexualverbrechen nicht neu war, gelang die dritte Staffel besser, u.a. wegen Schauspielern wie Peter Sarsgaard und spannenderen Nebenhandlungen. The Killing wurde aber nicht nur einmal, sondern gleich zwei Mal abgesetzt, bis Netflix der Serie schließlich eine wenngleich verlotterte Finalseason mit mageren sechs Folgen zugestand. Es stellt sich heraus, dass Linden noch unfähiger bei der Vertuschung von Verbrechen ist als bei deren Lösung. Die vierte Staffel wirkt routiniert und gehetzt. Sie mündet in ein seltsames Happy End, das die Vorlage ein für allemal verkehrt. 

WÜSTENSONNE STATT WINTERKÄLTE

Forbrydelsen ebnete den Weg für Bron/Broen, welche nicht nur eine, sondern gleich zwei Adaptionen inspirierte: den britisch-französischen Ableger The Tunnel und die US-Version The Bridge. Der dänische Entwurf eröffnet mit einer Leiche auf der Öresundbrücke an der Grenze zwischen Dänemark und Schweden. Die US-Adaption platziert den Body zwischen Mexiko und den USA. Die Leiche besteht aus zwei Frauenhälften: der obere Teil gehörte einer US-Richterin, der untere Teil einer Mexikanerin. Detective Sonya Cross (Diane Kruger) übernimmt mit Marco Ruiz (Demián Bichir) die Ermittlungen. Wie The Killing bleibt The Bridge seiner Vorlage in der ersten Season treu, doch ist es stark vom mexikanischen Setting geprägt, von Drogenkartellen und Grenzprostitution. Der blaugrüne Stich in Bron/Broen wird gegen eine warme Optik ausgetauscht, der Schnee gegen Wüstensand. Sonya Cross hat wie Saga Norén (Sofia Helin) eine Art Asperger-Syndrom, das es ihr schwer macht, ihre Mitmenschen zu verstehen. Wieder wird die Figur stärker psychologisch erklärt als im Original, wird tief in traumatischer Vergangenheit gewühlt.

In Staffel zwei zeigt Krugers Polizistin kaum eine Spur von Autismus im Gegensatz zu Saga Norén, die Beziehungsratgeber liest und bewusstlose Zeugen links und rechts watscht. Man vermisst Noréns zerschmetternde Ehrlichkeit und den netten Humor, der aus der Beziehung zu ihrem Kollegen Martin Rohde entspringt. Wie jener ist auch Marco Ruiz zunächst eher der gemütliche Typ und seiner Frau gelegentlich untreu, aber er ist viel stoischer und nicht so sensibel wie die Inkarnation des Dänen Kim Bodnia. In The Bridge sind die Nebenhandlungen zu längeren diffusen Handlungssträngen ausgebaut, die in eine zweite Staffel münden, die sich so weit von Bron/Broen entfernt, dass sie nicht mehr Remake genannt werden kann. Von „Nordic Noir“ ist nur wenig geblieben, das macht aber nichts, weil die Serie getrost den Serienmörder hinter sich lassen und sich nun auf die Grenzproblematik konzentrieren kann. Während es in Dänemark/Schweden um Ökoterrorismus geht, dreht sich hier alles um ein Drogenkartell. Sonja Cross ist ein wenig wässrig im Vergleich zu Saga Norén, aber wenn man aufhört, die beiden Serien zu vergleichen, ist die zweite Staffel von The Bridge ganz schön ambitioniert. Derart ambitioniert nämlich, dass sie fast über das Ziel hinaus schießt mit ihren Gewaltexzessen und einer bizarren Killerin, gespielt von Franka Potente. Es gilt: Wer nichts vom Original weiß, den könnte die Kopie entzücken.

 

Auch von Borgen (siehe Seite XY) ist ein US-Remake geplant und AMC will noch in diesem Jahr ein Remake der schwedischen Science-Fiction-Serie Real Humans ausstrahlen. Während sich Schweden auf die Verfilmung erfolgreicher Literatur fokussiert und Dänemark eine Vorreiterrolle in Sachen Serien einnimmt, arbeiten die Norweger an eigenen Konzepten, wie sie ja schon mit der Crime-Comedy-Serie Lilyhammer bewiesen haben. Die Amerikaner haben sich die Rechte für den Krimi Mammon und die Komödie Neste sommer gesichert. Die Dänen Ole Madsen und Anders Thomas Jensen haben unterdessen das Serienkonzept ihres arktischen Western Blood & Ice direkt an Hollywood verkauft. Damit erübrigt sich auch die Frage nach einem entbehrlichen Remake.