Twelve Monkeys – Planet der Affen

Planet der Affen

| Roman Scheiber |

Von „Vertigo“ über „La Jetée“ zur Serie „12 Monkeys“ – eine kleine Zeitreise durch die Filmgeschichte.

Vertigo, wieder einmal. Vertigo, immer wieder gern. In Vertigo (1958) ist der von James Stewart gespielte Privatdetektiv Scottie bekanntlich in der Zeit gefangen. Er ist verliebt, jedoch nicht in die Frau, die er observieren soll, sondern in das Bild dieser Frau. Nachdem er Madeleine (Kim Novak) verloren hat, ist er davon besessen, an ihrem Bild festzuhalten, es wieder zum Leben zu erwecken. Zwanghaft versucht er, eine scheinbar andere Frau nach ihrem Bild zu modellieren. Um einen Kreis zu schließen, durchlebt Scottie in der Gegenwart noch einmal die Vergangenheit und gerät in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale.

Viele waren beeindruckt von Vertigo, entlarvte Hitchcocks Meisterwerk den Kinogänger doch imposant in der eigenen Rolle als obsessiver Voyeur. Besonders beeindruckt war der französische Essayfilmemacher Chris Marker. In Markers La Jetée (Am Rande des Rollfelds, 1962) wird ein namenloser Mann durch die Zeit geschickt, um der postapokalyptischen Gesellschaft seiner Gegenwart zu helfen. Sein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen prädestiniert ihn für die mentalen Strapazen der Zeitreise. Wie Scottie kriegt auch dieser Mann das Bild einer Frau nicht aus dem Kopf. Als Kind hat er sie auf einem Flughafen gesehen.

Eingefrorene Zeit

La Jetée variiert mehrere Motive von Vertigo, ist jedoch eine ganz eigenwillige, formal avancierte Science-Fiction-Phantasie, ein Abgesang auf die Menschheit, strukturiert als Fotoroman: Der Film zerlegt die Zeit in Einzelmomente. Standbilder sind in ausgeklügeltem Rhythmus aneinandergereiht oder ineinandergeblendet, deutschsprachiges Wissenschaftergemurmel als Nebengeräusch, während der Held aus dem Off erzählt. Mit bedeckten Augen begibt er sich auf Zeitreisen und begegnet dabei, wie dermaleinst im abgedunkelten Kinosaal der Besucher von Vertigo, einer betörenden Frau (Hélène Chatelain), deren Profil und Frisur mitunter an Madeleine erinnern. In einer ausführlichen Bildfolge ist er mit ihr in einem Museum der Naturgeschichte zu sehen. (Einmal stehen sie einem majestätisch blickenden Affen gegenüber.) Eingefrorene Zeit auch in den Körpern der ausgestopften Tiere, es ist, als könnte der Held nur in einer versunkenen Traumwelt mit der Frau zusammen sein.

Marker war offenbar obsessiv verliebt in Vertigo. Wie Scottie scheint er Madeleine noch einmal ganz neu begegnen zu wollen, gewissermaßen auf die andere Seite der Vertigo-Leinwand treten und die Frau nach seinem persönlichen Bild von ihr gestalten. Doch irgendwann in La Jetée kommt ein Moment des Erwachens. Die Szene, in der ein Foto sich plötzlich bewegt, der Moment, in dem die Frau aufwacht und uns Voyeuren die Augen öffnet. Es ist ein Erwachen im dreifachen Sinn: Das Bild lernt laufen, das begehrte Objekt erhebt sich zum Subjekt und der Zuseher ist schlagenden Herzens gezwungen, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.

Ähnlich selbstreflexiv wie La Jetée meditiert zwanzig Jahre später Markers Meisterwerk Sans Soleil (Unsichtbare Sonne, 1983)  – ein Wendepunkt im modernen Kino – über die Natur der Erinnerung und die Kraft der Bilder. Darin heißt es, der Filmemacher habe Vertigo 19-mal gesehen. Bis zum Lebensende Markers 2012 könnten noch einige Male hinzugekommen sein.

Von einem anderen planeten

Geschichte wiederholt sich, Geschichten wiederholen sich. Wie der namenlose Mann als Kind auf der Aussichtsplattform von Paris-Orly eine Frau leben und einen Mann sterben sieht, sieht James Cole (Bruce Willis) als Kind in einem Flughafen-Terminal eine Frau leben und einen Mann sterben. Wie jener muss auch Cole am Ende das Paradoxon begreifen, dass er selbst der Ermordete ist. Doch das Dazwischen ist aus einer anderen Zeit, schlechterdings von einem anderen Planeten. Von La Jetée (und natürlich von Vertigo) inspiriert, schrieben David Webb Peoples und Janet Peoples ihr Drehbuch zu Terry Gilliams Zeitreisethriller Twelve Monkeys (1995). Der Film hat selbstverständlich nichts mit Markers Idee, den Bilderfluss durch Standbilder zum Stocken zu bringen, zu tun; in ihm strömen die Bilder unentwegt. Und doch: Auf seine überschießende Art wollte auch Gilliam, der ungekrönte König des Wahnsinns im Kino, die Menschen zu einer anderen Wahrnehmung der Welt bewegen. Einer Welt, die in seinen Augen unübersichtlich und labyrinthisch geworden ist, die Abermillionen echter und falscher Bilder, unbestimmbare Identitäten, jede Menge Fieberträume und wenige Wahrheiten zu bieten hat. Schon die titelgebende „Army of the Twelve Monkeys“ ist nichts als eine falsche Fährte. Cole wird aus dem Jahr 2035 in das Jahr 1996 geschickt, um den Ausbruch eines Virus zu verhindern, der die Menschheit nahezu vollständig vernichtet und ihren kargen Rest unter die Erde verbannt hat. Cole könnte aber auch schlicht geisteskrank sein.

Die schöne Frau, die zur Beschützerin des Zeitreisenden avanciert, wird gespielt von Madeleine (!) Stowe. Sie hat sich im Vergleich zu ihren „Vorgängerinnen“ emanzipiert. Vom bloß begehrten Objekt bei Hitchcock ist sie zu einem selbständig denkenden und handelnden Menschen geworden, zur Wissenschafterin Dr. Kathryn Railly. Immerhin.

Den vollständigen Text können Sie in unserer Printausgabe lesen.