Anlässlich der Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum: zur Heutigkeit der Filme von Rainer Werner Fassbinder.
„Ich möchte ein Haus mit meinen Filmen bauen.“
(Rainer Werner Fassbinder)
Die Telefone haben Wählscheiben, und nicht jeder hat eins. Geschrieben wird auf der Schreibmaschine oder mit der Hand. Computer sind unförmige, riesige Klötze und rar wie die Einhörner.
Der VW Käfer ist ein beliebtes und weit verbreitetes Automodell. Ein Mercedes signalisiert Reichtum. Beide fahren durch oftmals kopfsteingepflasterte Straßen.
Will eine Frau ihre emanzipierte Gesinnung zeigen, trägt sie eine Latzhose. Männer tragen Hüte. Coole Kerle tragen Schlaghosen.
Es kommt nicht jeden Tag Fleisch auf den Tisch, aber es wird noch selber gekocht. Alle rauchen überall auf Teufel komm’ raus. Es ist undenkbar, im Biergarten eine Halbe zu bestellen.
Arbeiter heißen Arbeiter und Putzfrauen heißen nicht Reinigungsfachkräfte. Bei dem Begriff „Human Resources Management“ hätten vermutlich nicht wenige an Menschenversuche gedacht und sich gefürchtet; so weit weg von der Wahrheit wären sie damit auch gar nicht gewesen.
Es gab keine Lonely-Planet-Reiseführer, im Urlaub fuhr man nach Jesolo, und was „political correctness“ sein sollte, davon hatte auch keiner eine Ahnung. Mit dem Englischen war es ja allgemein nicht so weit her.
Es gab keine Smartphones, kein Internet, keine Emails und keine sogenannten Sozialen Medien. Und niemand albträumte von der Digitalisierung und einer globalisierten Welt.
Die Welt in den Filmen des Rainer Werner Fassbinder ist die Welt der siebziger Jahre in der BRD: bundesrepublikanische Wirklichkeit im geteilten Deutschland. Es ist, um genau zu sein, die Welt von 1966, als sein erster Kurzfilm Stadtstreicher entstand, bis 1982, als mit Querelle Fassbinders letztes großes Opus in die Kinos kam. Das macht sechzehn Jahre, die Pi mal Daumen ein halbes Jahrhundert her sind und mittlerweile so weit entfernt wie der Mars. Der beschleunigte Mensch der Gegenwart wäre nun womöglich versucht zu sagen: gute alte Zeit. Und: Damals war alles viel besser. Und: Da war die Welt noch in Ordnung. So wie seinerzeit eben die ewig Gestrigen an ihren Stammtischen hockten und vom Adolf fabulierten, der aufgeräumt hätte mit dem Gschwerl und mit der Putzfrau und ihrem Ausländer und dem Griech’ aus Griechenland.
Was würde Fassbinder, der am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen geboren wurde und am 10. Juni 1982 im Alter von gerade einmal 37 Jahren in München starb, sagen zu unserer Gegenwart? Und was sagen seine Filme heute uns? Hören wir ihre Stimmen noch, die von so weit her und wie aus einem fernen Land zu kommen scheinen? Verstehen wir noch, wovon sie erzählen, wenn sie von der Macht berichten, die ungleich verteilt ist und die Menschen korrumpiert? Und von der Liebe, die festhalten will und dadurch tötet? Und vom Geld, das meist mit der einen einhergeht und die andere zu kaufen sucht?
Geld – Liebe – Macht. Diese drei. Die das kapitalistische System dem Trio des Korintherbriefes entgegenschlägt: Glaube, Hoffnung und Liebe. Aber was sollen wiederum diese drei mit den Filmen Fassbinders zu schaffen haben? Der Filmemacher führte bekanntlich kein sehr gottgefälliges Leben, eher im Gegenteil.
Rainer Werner Fassbinder war wie Baal, den er in Volker Schlöndorffs Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Bert Brecht spielte, ein rücksichtsloser Verführer, der den Exzess liebte und diesen, sich selbst nicht schonend, auch lebte. Er machte keine halben Sachen und er war keiner von den Lauwarmen, er stürzte sich in die Vollen und nahm Grenzen allenfalls zur Kenntnis als zu überwindendes Hindernis. Er versammelte um sich her ein Truppe von Getreuen – Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Geliebte, Freundinnen, Freunde und Gleichgesinnte – und drehte und drehte und drehte wie ein Berserker. Er fand folgerichtig den von nicht wenigen Kollateralschäden gepflasterten Weg ins frühe Grab. Sechzehn Jahre dauerte Fassbinders kreativer Rausch und zeitigte die stattliche Anzahl von 40 Spielfilmen. Das muss ihm erstmal einer nachmachen, das muss sich erstmal einer trauen.
Trauen muss man sich auch erstmal einen Satz wie den, den das Österreichische Filmmuseum seiner auch die TV-Arbeiten sowie die Theaterfilme umfassenden Retrospektive des Fassbinder’schen Œuvres vorangestellt hat: „Ich möchte für das Kino das sein, was Shakespeare fürs Theater, Marx für die Politik und Freud für die Psychologie war: jemand, nachdem nichts mehr so ist wie zuvor.“ Für dergleichen Großmäuligkeiten war der Mann ja bekannt; von Fassbinder stammen auch die unvergleichlichen Sager „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ und „Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme.“ Er konnte es sich leisten, die Klappe aufzureißen. Schließlich war er ein unermüdlicher Arbeiter in Gottes Weinberg, stetig darum bemüht, die bestehende Ordnung umzugraben, die Herrschaftsstrukturen zu unterminieren, das revolutionäre Werk voranzutreiben, die Verhältnisse umzustürzen.
Und wenn es schon nicht gelang, die wieder satten und wieder selbstzufriedenen Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Bundesdeutschen aus ihren Fernsehsesseln direkt auf die Barrikaden zu schrecken, so wollte er ihnen doch den Weg dorthin erleuchten, wollte ihnen erklären, warum es nötig war, diesen Weg zu gehen. Oder zumindest doch die Richtung dorthin einzuschlagen. Tat für Tat, Tag für Tag.
Dazu war es notwendig, die vorgefundenen Verhältnisse zu beschreiben. Den Ist-Zustand des Gesellschaftlichen ins Auge zu fassen. Und dort dann aufzuzeigen, was fehlt. Die Traurigkeit und das Unglück der Menschen, von denen Fassbinder oft erzählt, sind ihm allerdings nicht Anlass zum Miserabilismus, sondern Werkzeug der Kritik. Einer Kritik am Bestehenden, die nicht über die Köpfe der Menschen – jene sprichwörtlichen „einfachen Leute“, die die Helden und Heldinnen seiner Filme sind – hinweggeht, sondern die diejenigen, über die gesprochen wird, auch direkt anspricht. Fassbinder analysiert in seinen Filmen die miesen Zwangssituationen, in denen die Menschen stecken, und auch wenn dann da nicht immer ein Ausweg ist, ist da zumindest eine Perspektive, die auf eine mögliche Lösung hinweist. Diese Perspektive ist im Blick des Filmemachers selbst aufgehoben; einem Blick, der auch dann noch voll Mitgefühl bleibt, wenn er sich auf die Schlechtigkeit richtet, auf Missgunst und Geltungssucht, auf Egoismus und Gier. Weil Fassbinder wusste und nicht verurteilte, wie es um das menschliche Wesen im kapitalistischen Ausbeutungszusammenhang bestellt ist: dass zwischen dem Wollen und dem Können mitunter eine Kluft sich auftut, die nicht zu überbrücken ist. Weil der Mensch meist schwach ist, und das System, in dem er lebt, ist es nicht. Wieder und wieder zeigt Fassbinders Werk, wie dieses übermächtige System zusammengesetzt ist aus lauter ohnmächtigen Rädchen, und es zeigt, wie diese ineinander greifen und es am Laufen halten. Es zeigt, wie die Kräfte der Zwänge wirken und wo diese ihren Ursprung haben.
In Gestalt von harschen Sozialstudien wie Warum läuft Herr R. Amok? (1970) oder Händler der vier Jahreszeiten (1972). In reich geschmückten Literatur-Adaptionen wie Fontane Effi Briest (1974) oder Querelle (1982). In teuren Großproduktionen wie Lili Marleen oder Lola (beide 1981). In wuchtigen Melodramen wie Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972) oder In einem Jahr mit 13 Monden (1978). In formverliebten Gesellschaftsanalysen wie Chinesisches Roulette (1976) oder Die Dritte Generation (1979). In autobiografischen Reflexionen wie Warnung vor einer heiligen Nutte (1971) oder Faustrecht der Freiheit (1975). In Geschichtslektionen wie Deutschland im Herbst oder Die Ehe der Maria Braun (beide 1978). In Gangsterfilmen (Liebe ist kälter als der Tod, 1969) und Western (Whity, 1971) und Science-Fiction (Welt am Draht, 1973) und Fernsehserien (Acht Stunden sind kein Tag, 1972–73).
Und eigentlich ist es ungerecht, aus diesem ungeheuer vielfältigen Werk einzelne Filme hervorzuheben. Weil sie alle der verzwickten Frage nachgehen, ob nun das Sein das Bewusstsein bestimmt, oder das Bewusstsein das Sein. Immer in völliger Klarheit darüber, dass es auf diese Frage keine einfache Antwort gibt.
Da ist es dann auch vollkommen egal, ob ein Mensch im analogen oder im digitalen Zeitalter lebt. Weil sich an den Strategien der Unterdrückung nichts geändert hat; die systemische Gewalt nimmt ihren Ausgang immer noch, nach wie vor in den Köpfen und in den Herzen und in den Seelen ihrer Opfer, die zugleich ihre Baumeister sind.
Fassbinders Filme mögen alt sein, doch sie sind nicht veraltet. Das Land, in dem sie angesiedelt sind, mag es so nicht mehr geben, die Geschichten aber, die sie erzählen, lassen sich ohne Mühe auch in unserer Gegenwart wiederfinden. Was damit zusammenhängt, dass eines ihrer zentralen stilistischen Merkmale eine Prise Brecht’scher Verfremdungseffekt ist: die minimale Theatralik im Sprachduktus, in Mimik und Gestik der Schauspieler, die Artifizialität der Bewegungen im Raum, die Sorgsamkeit der Kadrage, ihr hoher ästhetischer Anspruch, die Denkpausen und die Assoziationsräume. All diese Elemente heben Fassbinders Filme aus der raumzeitlich konkreten Situation ihrer jeweiligen Entstehung heraus, arbeiten jenem Realismus entgegen, der sie tatsächlich hätte historisch werden lassen, und machen sie auf der Ebene ihrer Kernidee zeitlos. Am besten ist, man schaut sie sich jetzt an, und zwar alle.
„Also ich sehe auch heute wieder einen Bürger, der lieber wieder Ruhe, Ordnung und Zucht haben möchte, und das in einer Gesellschaft, die eigentlich in vielem auf eine negative Art und Weise zerfällt – und nicht auf eine produktive Art und Weise. Es gibt ja einen Zerfall, der ein produktiver Zerfall sein kann. Es gibt Brüche, die zu neuen Ergebnissen führen. Aber es gibt eben auch einen Zerfall der Phantasie und der Individualität, und der führt dann eben zu – das hört sich nur so simpel an – zu ängstlichen Menschen.“ (Rainer Werner Fassbinder, 1980, im Gespräch mit Hans Günther Pflaum)
ÖSTERREICHISCHES FILMMUSEUM IM SEPTEMBER
Neben der Retrospektive Rainer Werner Fassbinder, die von 31. August bis 25. Oktober auf dem Programm steht, zeigt das Österreichische Filmmuseum unter dem Titel „Land der Vernichtung“ eine Auswahl außergewöhnlicher Filme über die Konzentrationslager (16. bis 21. September). An den jeweiligen Abenden werden Werke in direktem Dialog miteinander präsentiert, die in Summe einen Abriss wesentlicher filmischer Wendepunkte in der Beschäftigung mit dem Holocaust bis 1989 bilden. Die Filmreihe findet in Kooperation mit dem „Mauthausen Memorial“ statt, das am 17. und 18. September das 10. Dialogforum Mauthausen in der KZ-Gedenkstätte abhält.
Am 23. September ist erneut Michael Pilz’ Dreiteiler Triptychon und Coda zu sehen. Pilz begleitet den in der Südsteiermark lebenden Maler Gerald Brettschuh beim Arbeiten und Leben, am Hof und unterwegs. Gedacht wurde das Werk ursprünglich als Installation für vier möblierte Räume, in denen man stundenlang mit dem Film leben kann. Im Filmmuseum wird daraus nun ein sequenzieller Langfilm: Es ist jedoch ganz im Sinn des Filmemachers, dass man kommen, gehen und wiederkommen kann, wie es einem beliebt.
„Da capo: The Real Eighties“ (28. September bis 20. Oktober) ist quasi ein Nachschlag zur Filmmuseums-Retrospektive vom Mai/Juni 2013, die sich einer nach wie vor vielerorts verfemten Ära der US-Filmgeschichte widmete. Das gleichnamige Buch, das im Mai dieses Jahres bei FilmmuseumSynemaPublikationen erschien, ist Anlass für einen weiteren Streifzug durch die unergründlichen Weiten der American Eighties. Die Buchpräsentation am 28. September findet in Anwesenheit der Herausgeber (und Kuratoren der Schau), Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky, statt.
