In seiner meisterlichen Miniserie „Das Verschwinden“ erzählt Hans-Christian Schmid von verlorenen Kindern und ratlosen Eltern und einer ganzen ohnmächtigen Region gleich mit.
Janine, Manu und Laura. Drei junge Frauen an der Schwelle zur Selbständigkeit, gemeinsam aufgewachsen in Forstenau, einer bayrischen Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze, beste Freundinnen von Kindheit an. Gerade eben waren sie noch Mädchen, unbeschwerte Teenager und keiner Party abgeneigt, und immer hatte es geheißen: „Eine für alle, alle für eine“. Doch der Zusammenhalt bröckelt, als Drogen Einzug halten im Leben der Freundinnen und immer mehr Raum einnehmen, besonders in Manus. Als die Handlung von Hans-Christian Schmids von ARD Degeto für das öffentlich-rechtliche, deutsche Fernsehen koproduzierte Miniserie Das Verschwinden einsetzt, ist Manus erster Entzug in einer Schweizer Klinik bereits gescheitert. Ihren gutsituierten Eltern im durchdesignten Beton-und-Glas-Eigenheim ist das allerdings noch nicht klar geworden. Sie gehen mit ihrer Tochter zur Familientherapie, weil man das so macht und weil sie es sich leisten können, und lassen sich dort von ihr dreist ins Gesicht lügen. Viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sehen sie den Wald vor lauter Bäumen nicht. Das geht hier mehr oder weniger allen Figuren so, nicht zuletzt, weil sie eben alle mittendrin stehen, im Wald.
Es ist dann aber Janine, die eines Nachts – es ist die Nacht ihres Zwanzigsten Geburtstages – verschwindet. Ihr Auto wird verlassen in einem Acker unweit der Grenze gefunden, doch die Polizei wiegelt ab: Bestimmt würde sich die junge Dame alsbald wieder anfinden, wahrscheinlich sei sie bloß in der tschechischen Partyzone gleich gegenüber versackt; das mit dem Auto sei zwar seltsam, würde sich aber schon irgendwie erklären lassen. Junge Leute halt … man kennt das ja … business as usual … undsoweiter. Janines Mutter Michelle hingegen – die sich kurz zuvor noch mit ihrer Tochter gestritten hat, weil die aus scheinbar heiterem Himmel ihre Ausbildung hinschmiss – glaubt kein Wort und lässt sich nicht ruhig stellen. Wenn die Polizei gerade mal eine Vermisstenanzeige zu den Akten nimmt und dann die Hände in den Schoß legt, macht sie sich eben allein auf die Suche. Und so beginnt es, das große Aufdröseln, das der eigentliche Gegenstand von Das Verschwinden ist.
Die alleinerziehende Krankenpflegerin Michelle Grabowski, die auch nur 19 Jahre älter ist als ihre verschwundene Tochter und die zudem noch ein weiteres kleines Mädchen aus einer anderen, gleichfalls gescheiterten Beziehung hat, ist so etwas wie eine Privatdetektivin mit Mission oder eine Kommissarin ohne Befugnis in diesem Kriminalstück, das zugleich ein Sittengemälde ist, eine Milieustudie und ein Gesellschaftspanorama. Im Verlauf seiner acht aufeinanderfolgenden Handlungstage im Oktober 2016 bringt Das Verschwinden etwas zum Vorschein: Den Entwurf eines Gemeinwesens, samt Darstellung sozialer Strukturen und Hierarchien wie (grenzüberschreitender) politischer Gegebenheiten. Denn es ist das in Tschechien billig hergestellte Crystal Meth, das seit der Öffnung der Grenzen nahezu unkontrollierbar den Weg ins bayrische Nachbarland und weiter in den europäischen (Schengen-)Raum findet, das jenes Verhängnis auslöst, welches schließlich nicht weniger als fünf durchschnittlich gefestigte Mittelschichts-Familien mit sich reißen wird. Wobei Drogenhandel und Drogenmissbrauch wiederum als Anknüpfungspunkte fungieren für eine weitere, grundsätzlichere Erzählung, die vom Unverständnis zwischen den Generationen handelt, von der Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Kindern, vom Vertrauensverlust, dem Mangel an Perspektiven und der Flüchtigkeit der Lebensträume.
Und die von Julia Jentsch so präzise wie leidenschaftlich gestaltete Figur der vor Sorge schier verzweifelnden Mutter Michelle, die hartnäckig und bis an den Rand ihrer Kräfte nach einer Erklärung für das Verschwinden Janines sucht, nimmt all dies eben nicht lediglich passiv wahr, sondern treibt das Geschehen aktiv voran. Sie zieht sozusagen an einem Faden und trennt das ganze Gewebe auf, das ganze Gespinst aus Lügen und Geheimnissen, Verbotenem und Verdrängtem – bis man am Ende vor der erschütternden Wahrheit steht. Wobei sich herausstellt, dass auch Michelle Grabowski Teil hat an der Schuld, die hier auf zahlreiche Schultern verteilt ist. Denn alle haben Dreck am Stecken, wenn es um Familiengeheimnisse geht, bekanntlich die bestgehüteten und auch die gefährlichsten. Und alle lügen wie gedruckt. Die Kinder wie die Eltern, die Eltern aber ganz besonders.
Das ist eine Menge Holz, das einem nicht in Form von Zahnstochern serviert wird, sondern mitunter knüppeldick daher kommt. Das Behagen der Zuseherin bzw. des Zusehers und das, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen gemeinhin unter „guter Unterhaltung“ versteht, stehen auf Schmids Agenda nicht sehr weit oben. Hier wird nicht kursorisch horizontal dahinfabuliert und mal dies und mal jenes schwierige Thema aufgegriffen und wieder fallen gelassen, noch bevor es richtig wehtun könnte, hier wird in die (Un)Tiefe gebohrt: Wurzelbehandlung am Allgemeinmenschlichen, am provinziellen Charakter. Soll heißen: Manchmal zerreißt einem Das Verschwinden schier das Herz, weil es sich so aufrichtig um die Wahrheit bemüht, eine Wahrheit, die ohne unbedingtes Mitgefühl und Verständnis noch für den elendesten Hanswurst nicht zu denken ist. Den Verantwortlichen auf Redaktions- und Produktionsseite jedenfalls gebührt Respekt für den Mut, den sie mit dieser Fernseharbeit beweisen, und Dank dafür, dass sie das Publikum endlich einmal nicht unterschätzen.
Dafür, den Faden, der das narrative Gewebe zusammenhält, auf eine Weise aufzudröseln, die zugleich das Gewebe als Ganzes schützt und erkennbar macht, braucht es einen langen Atem, eine ruhige Hand und ein gutes Auge. Dass Hans-Christian Schmid über all dies verfügt, beweisen seine Kinofilme: Lichter (2003) beispielsweise, in dem er im deutsch-polnischen kleinen Grenzverkehr der Nachwendezeit die großen Umwälzungen sichtbar macht, die in den kommenden Jahren Europa insgesamt ergreifen werden; Requiem (2006), der religiöse Inbrunst und psychische Labilität vor dem Hintergrund kleinbürgerlicher Bigotterie zusammenspannt (und Sandra Hüller zum Star machte); und zuletzt Was bleibt (2012), das fein ziselierte Porträt einer verdämmernden Familie, das entlang von Brüchen von verloren gegangenen Harmonien und von der Trauer über deren Verlust erzählt. Insofern ist Das Verschwinden also auch das geglückte Ergebnis einer idealen Kombination von Stoff und Autor. Schmid, der das Drehbuch gemeinsam mit Bernd Lange schrieb und an dem Serienprojekt insgesamt vier Jahre gearbeitet hat, zieht nicht nur simpel den verklärenden Schleier der Biederkeit und des Wohlanständigen beiseite, um einen dahinter liegenden Sumpf des Verbrechens zu beleuchten – denn dass das Leben in der Provinz heil ist, glaubt ohnehin schon lange keiner mehr. Schmids und Langes Aufmerksamkeit gilt vielmehr jenen, die eigentlich nichts Böses im Schilde führen, die aber in unterschiedlichen Zwängen gefangen sind, die von Ängsten beherrscht und von unerfüllten Hoffnungen geplagt werden. Sie bringen uns eine Gemeinschaft nahe, die mal solidarisch ist und empathisch und dann wieder fragil und jederzeit gefährdet. Sie erzählen vom Dasein der Menschen, jetzt und hier.
