Unhinged – Außer Kontrolle

Filmkritik

Unhinged – Außer Kontrolle

| Jörg Schiffauer |
Ein Amoklauf erscheint als Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten.

Es ist eine eigentlich harmlose und völlig unbedeutende Handlung, die Rachel (Caren Pistorius) eines Morgens setzt. Als nämlich die allein erziehende Mutter, die zudem gerade auch noch beruflichen Stress hat, ihren Teenager-Sohn zur Schule fährt, gerät sie zunächst in einen Stau, ehe sie, schon deutlich verspätet, hinter einem riesigen SUV zu stehen kommt. Der Wagen bewegt sich auch nicht vom Fleck als die Ampel von Rot auf Grün umschaltet. Also tut Rachel, was wohl viele machen würden – sie trügt kräftig auf die Hupe. Doch damit löst sie eine Reaktion aus, mit der sie in ihren schlimmsten Albträumen nicht gerechnet hätte. An der nächsten Ampel hält nämlich besagter SUV neben ihrem Wagen, der Mann hinter dem Steuer fordert von ihr für das seiner Ansicht nach unbotmäßige Verhalten Rachels eine Entschuldigung. Während ihr Sohn das richtige emotionale Gespür hat und rasch merkt, dass man sich mit dem etwas merkwürdigen Fremden besser nicht anlegt, verweigert die genervte Rachel jedes Einlenken – um daraufhin zu Ziel eines Wutrausches zu werden, der längst völlig außer Kontrolle geraten ist.

Denn bereits die vor eingangs erwähnten Ereignissen stattfindende Eröffnungssequenz hat klar gemacht, dass sich der Mann hinter dem Steuer, der sich selbst Tom Cooper nennt, in jenem extremen emotionalen Zustand befindet, bei dem man bereit ist, wirklich alle Grenzen zu überschreiten. Ohne zu zögern läutet Cooper (Russell Crowe) eines Nachts die beiden Bewohner – mutmaßlich seine Ex-Frau und ihr neuer Lebensabschnittspartner – eines Reihenhauses heraus, um ihnen sogleich die Schädel einzuschlagen. Womit Regisseur Derrick Borte jene Unerbittlichkeit, die sich konsequent durch Unhinged zieht, zu etablieren versteht. Denn dieses Szenario ist nur die Ouvertüre eines Amoklaufs, mit dem sich lang aufgestaute Wut und Frustration gnadenlosen ihren Weg brechen. Der mächtige SUV, dessen vor dem Kühler montierte Wildfang wie ein Rammbock erscheint, mutiert zu einer Art Streitwagen für Tom Cooper, mit dem er in die Schlacht gegen alles und jeden zieht.

Es zählt zu den Qualitäten guter Genrearbeiten im Verlauf ihrer Geschichten – wie dramatisch, gruselig oder phantastisch diese auch immer sein mögen – einen Subtext zu etablieren, der ein Sensorium für gesellschaftliche Spannungsfelder und Bruchlinien entwickelt. So hat etwa kaum ein Film die in den Vereinigten Staaten der fünfziger Jahre vorherrschende paranoide Stimmungslage – geprägt durch den Kalten Krieg und die Umtriebe des berüchtigten Senators Joseph McCarthy – so auf den Punkt gebracht wie Don Siegels Sci-Fi-Thriller Invasion of the Body Snatchers (1956). Unhinged erweist sich auch bald schon als weitaus mehr als ein aktionsgeladener Road-Rage-Thriller, wenngleich Bortes Inszenierung durchaus konventionelle dramaturgische Pfade beschreitet. Doch anhand des Protagonisten Tom Cooper bekommt man einen verstörenden Eindruck von jener Wut, die sich in Teilen der US-amerikanischen Bevölkerung aufgestaut und wohl dazu beigetragen hat, dass die Präsidentschaftswahl 2016 mit einem eher überraschenden Ergebnis endete. Mag diese Wut durchaus diffuse Ursprünge haben, der daraus resultierende Verlust an Vertrauen in die Institutionen des Staates gepaart mit der Angst vor dem sozialen Absturz ergeben eine fatale Mischung.

Zwar liegt der Auslöser, nämlich die Trennung von seiner Frau, im Fall von Tom Cooper im privaten Bereich, doch sein daraus resultierendes Gefühl, seine ganze Lebensleistung werde – wie er es selbst beschreibt – überhaupt nicht mehr geschätzt, samt der damit einhergehenden Frustration und der sich immer mehr steigernden irrationale Wut, hat durchaus umfassenderen Charakter. Russell Crowe beeindruckt zunächst allein durch die physische Präsenz, mit der er diesen Charakter verkörpert, doch es ist vor allem die latente Bedrohlichkeit dieser Figur, die Crowe auf Furcht einflößende Art und Weise darzustellen versteht. Selbst in jenen Szenen, in denen Tom Cooper äußerlich ruhig erscheint, spürt man förmlich wie dieser Mann vor Aggression vibriert und eine Wut in sich trägt, die nur noch auf Zerstörung ausgerichtet ist. Und es besteht schon bald kein Zweifel darüber, dass Cooper vor nichts mehr halt machen wird, weil das Ende seiner Raserei ohnehin durch seinen Exitus Triumphalis bestimmt ist.

Dass Unhinged die erste größere US-Produktion ist, die nach den pandemiebedingten Beschränkungen aller Art zu einem Kinostart kommt, verleiht dem Film eine geradezu prophetisch anmutende Dimension. Denn in einer Zeit, in der grundlegende Bürgerrechte durch Verordnungen im Wochentakt eingeschränkt werden können – Christoph Grabenwarter, Präsident des Verfassungsgerichtshofes, befand „ so ziemlich alle Grundrechte massiv beeinträchtigt, wie es das seit 1945 in diesem Land nicht gegeben hat“ und Existenzangst kein diffuses Gefühl sondern weltweit für Millionen Menschen eine höchst reale Bedrohung ist, steht zu befürchten, dass diese Gemengelage eine (psychische) Ausnahmesituation hervorbringt , an der bald hinter jeder Ecke ein Tom Cooper lauern könnte.