United 93 – Und das Trauma geht weiter

Und das Trauma geht weiter

| Holger Römers |

Mit „United 93“ rekonstruiert Paul Greengrass die schicksalhaften Stunden des einzigen 9/11-Fluges, der durch das Eingreifen
der Passagiere sein Ziel verfehlte. Die Reaktionen des US- Publikums schwanken zwischen Empörung und Begeisterung.

Mit United 93 hat Hollywood dazu beigetragen, den Opfern des 11. September 2001 ein Denkmal zu setzen. Und zwar buchstäblich. Zwei Jahre lang war eine geplante Gedenkstätte an der Absturzstelle des vierten gekaperten Flugzeuges, auf einem Feld in Pennsylvania, von einem republikanischen Kongressabgeordneten blockiert worden, der befürchtete, dass die amerikanischen Steuerzahler einen allzu großen Teil der Baukosten übernehmen müssten. Erst als Universal Pictures zehn Prozent jener 11,5 Millionen Dollar spendete, die Paul Greengrass’ neuer Film am Startwochenende an amerikanischen Kinokassen einspielte, erschien dem störrischen Unterausschuss-Vorsitzenden die Summe privater Sponsorengelder ausreichend. Nun kann das Monument zu Ehren der Entführungsopfer an Bord des United Airlines Fluges 93 gebaut werden.

Das Studio dürfte mit dieser Millionenspende freilich eigene Zwecke verfolgt haben. Denn während Hollywood seine Profitgier in der Regel gar nicht verhehlt, galt es in diesem Fall, den Eindruck einer rein kommerziellen Unternehmung unbedingt zu vermeiden. Zudem ließ sich die Verfilmung der Geschichte jenes Unglückflugs am besten als Variante eines Denkmals legitimieren. Und solch eine Rechtfertigung hatte United 93 offenbar dringend nötig.

Lob und Vorurteil

Wie Newsweek berichtete, rief in New York und Los Angeles bereits der Trailer empörte Reaktionen bei Kinobesuchern hervor, die es als Zumutung empfanden, dass das traumatische Thema überhaupt – oder jedenfalls so früh – zum Gegenstand eines Spielfilms gemacht wurde. In einem auffallend distanzierten Bericht von der New Yorker Premiere zitierte die Washington Post einen Zuschauer, der es sarkastisch als Zeichen technischen Fortschritts deutete, dass der 11. September schon nach fünf Jahren kommerziell ausgeschlachtet werde, während das im Falle Pearl Harbors sechzig Jahre gedauert habe. Der selbe Artikel relativierte gleich noch die primäre Legitimationsstrategie der Filmemacher, die sich vor Produktionsbeginn des Einverständnisses der Hinterbliebenen aller Entführungsopfer versichert hatten: Ohne diese Zustimmung, so hieß es bissig, würde der Film ja wohl „als Gipfel des schlechten Geschmacks erscheinen.“ Obwohl die Geschichte des Fluges 93 bereits als Stoff für zwei TV-Movies gedient hatte, schien die Verfilmung fürs Kino also besonderen Anstoß zu erregen.

Paradoxerweise hat sich jedoch gerade das weit verbreitete Misstrauen womöglich positiv auf die Rezeption des Films ausgewirkt. Als er landesweit startete, sahen sich viele Kritiker jedenfalls veranlasst, festzustellen, dass die negativen Erwartungen sich nicht erfüllt hätten. Von den großen US-Tageszeitungen über neokonservative Kampfblätter wie National Review und Weekly Standard bis hin zu Film Comment wurde United 93 ausdrücklich attestiert, nicht sensationsheischend und nicht obszön zu sein, sondern insgesamt einen dem sensiblen Thema angemessenen Ton zu treffen. Und mit diesem fast einstimmigen Geschmacksurteil hat die amerikanische Filmkritik auch recht. Der eigentliche Schwachpunkt von Greengrass’ Film deutete sich indes in den politischen Kommentarspalten an, deren Thema United 93 bald wurde.
Jene Artikel verloren zwar ebenfalls kaum noch ein böses Wort über den Film, doch sie interpretierten ihn bezeichnenderweise völlig gegensätzlich. In der New York Times identifizierte Frank Rich zum Beispiel als die (regierungskritische) „Botschaft“ darin, dass Greengrass uns in Erinnerung rufe, wer die wahren Gegner im Krieg gegen den Terror seien: nämlich radikale Islamisten und nicht jene „säkularen Faschisten im Irak“, auf die die Bush-Regierung die Aufmerksamkeit der US-Öffentlichkeit abgelenkt habe. George F. Will erklärte es in der Washington Post dagegen zur „Bürgerpflicht“, ins Kino zu gehen, weil die (regierungskonforme) „Botschaft“ des Films darin bestehe, dass jeder einzelne sich urplötzlich im besagten Krieg an der Front wiederfinden könne, so wie die Flugpassagiere, die ihre Entführer zu überwältigen versuchten.

Hilfloses Chaos

Tatsächlich lässt sich keine der beiden messages schlüssig aus dem Film ableiten. Aber solch konträre Lesarten sind durchaus gewünscht. Greengrass nennt United 93 nämlich „die Filmversion eines Rorschach-Tests“. Er hofft, dass sein Film „genug Struktur und Rigidität, Offenheit und Durchlässigkeit besitzt, damit man hineinprojizieren kann, was man will, aber auch in seiner Meinung herausgefordert wird“. Das ist natürlich ein Widerspruch in sich – weshalb der Film denn auch nur den ersten Teil der zitierten Absicht seines Regisseurs und Drehbuchautors einlösen kann.

Das Zitat bezieht sich aber wohl ohnehin nur auf die Handlung an Bord des Flugzeugs, während ein zweiter, parallel verlaufender Handlungsstrang die Reaktionen in verschiedenen Einsatzzentralen auf Flughäfen, bei der nationalen Flugsicherheitsbehörde FAA und bei der US-Luftwaffe schildert. Und wie einem weiteren Kommentar in der Washington Post zu entnehmen war, besitzt dieser zweite Erzählfaden einen durchaus konkreten Informationsgehalt: John Farmer, ein Mitglied der offiziellen „9/11 Commission“, den die Filmemacher konsultiert hatten, betonte, dass United 93 das hilflose Chaos, das an jenem Tag in den Planungsstäben am Boden herrschte, wahrheitsgetreuer darstelle als alle regierungsamtlichen Verlautbarungen.

Greengrass hat indes nicht nur den Rat von Farmer und anderen Mitgliedern der „9/11 Commission“ gesucht, sondern mehrere Fluglotsen sowie die Leiter der zuständigen Luft-waffen- und FAA-Abteilungen dafür gewonnen, sich selbst zu spielen. Dabei bietet sich kaum ein Grund zur Annahme, dass die Laiendarsteller ihre damaligen Handlungen wesentlich beschönigt hätten, denn obwohl Lotsen einzelne Situationen intuitiv richtig deuten und die leitenden Männer Führungsstärke demonstrieren, lässt der Film keinen Zweifel, dass am 11. September in den Einsatzzentralen insgesamt Orientierungslosigkeit herrschte. (Aus dieser Darstellung kann man übrigens, weil ein echter Luftwaffenmajor mehrfach beklagt, dass vom Präsidenten nicht die nötigen Befehle zu erhalten seien, leise Regierungskritik herauslesen.)

Rätsel und Widersprüche

Während Einsatzprotokolle und Befragungen es ermöglichten, die Ereignisse am Boden recht genau als Dokudrama zu rekonstruieren, blieb die Nachinszenierung des Geschehens an Bord auf Spekulation angewiesen, denn die Black Box des Flugzeugs, Funksprüche aus dem Cockpit und telefonische Nachrichten der Passagiere ergeben nur ein bruchstückhaftes Bild. Doch indem Greengrass Erzählperspektive und Inszenierung so anlegt, dass sie einen kompletten Überblick über die Entwicklung gar nicht erwarten lassen, befreit er sich von der Notwendigkeit, allzu viele Handlungslücken durch Mutmaßungen und Fantasie zu schließen.

Barry Ackroyds betont agile Handkamera erweckt den Eindruck, als reagiere sie auf ein unkontrolliert ablaufendes Geschehen, während eine hohe Schnittfrequenz zusätzlich dazu beiträgt, dass visuelle Impressionen und Gesprächsfetzen wie beiläufig aufgeschnappt wirken. Indem er niemandem den herausgehobenen Status einer Hauptfigur verleiht, entspricht Greengrass dem Wunsch der Hinterbliebenen der 40 Entführungsopfer, die Toten nach Möglichkeit gleichberechtigt zu würdigen. Nach eigenen Angaben wurde der Filmemacher davon überzeugt, dass der Versuch, die Terroristen zu überwältigen, kollektiv unternommen worden sei und daher alle gleichermaßen Helden geworden seien – aus dieser Erzählperspektive folgt nun allerdings, dass uns alle Figuren fremd bleiben. Wir hören kaum einen Namen und bekommen keinen der Passagiere und Besatzungsmitglieder in privatem Umfeld zu sehen. Wir erfahren über sie nicht mehr als das, was sich aus dem beiläufig aufgeschnappten Smalltalk unter Reisenden oder unter flüchtig bekannten Kollegen erschließt.

Ähnlich distanziert bleibt Greengrass auch gegenüber den Tätern. Großaufnahmen vor dem Start und vor der gewaltsamen Übernahme der Maschine suggerieren, dass der rätselhafteste und widersprüchlichste der Terroristen, der Todespilot Ziad Jarreh, gezweifelt oder zumindest gezögert habe. Ansonsten erfahren wir nichts über diese vier Männer, abgesehen davon, dass sich ein diffuses religiöses Motiv daraus ableiten lässt, dass sie in der aller ersten Szene beim Gebet zu beobachten sind. Eine Konsequenz aus dieser beharrlichen Distanz ist freilich, dass der Film auch darauf verzichtet, die Terroristen plakativ zu denunzieren. Denkt man an Bloody Sunday (2002) zurück, an den Film, mit dem Greengrass international bekannt wurde, so fällt auf, dass dort das Massaker an nord-irischen Demonstranten wesentlich eindeutiger moralisch bewertet wurde, weil die britischen Täter sich zuletzt durch eigene Aussagen selbst diskreditierten.

Letzte Hoffnung

Diese Zurückhaltung ist umso erstaunlicher, als umgekehrt auch die Darstellung des Widerstands der Entführungsopfer auf jegliche konventionelle Heroisierung verzichtet. Uns Zuschauer hindert zwar nichts daran, deren Verhalten heldenhaft zu finden; doch keine Großaufnahmen entschlossener Blicke, keine markigen Worte fordern uns zu solch einer Lesart auf. Klischeehaft ist bloß, dass im entscheidenden Augenblick eine verzweifelte Stewardess von einem männlichen Fluggast zur Raison gebracht werden muss. Das legendär gewordene „Let’s Roll!“ als Startschuss zum Widerstand wird indes geradezu beiläufig gemurmelt.

Freilich hat die Untersuchung der 9/11 Commission ergeben, dass die Worte „Let’s Roll“ wahrscheinlich gar nicht gefallen sind und dass die nachgewiesene Aufforderung „Roll it!“ womöglich eine prosaische Bedeutung hatte. Auch in anderen Details weicht Greengrass von der Faktenlage ab, vor allem betreffend der Fragen, wann welche Crewmitglieder von den Terroristen umgebracht wurden und inwiefern diese schließlich ihrerseits von den Entführten überwältigt wurden. Als Ergebnis eines notwendigerweise konfusen und hektischen Entscheidungsprozesses, in dem vage Überlebenshoffnungen offenbar mindestens ebenso schwer wiegen wie Opferbereitschaft, erscheint das ungestüme und weitgehend unkoordinierte Losschlagen der Passagiere und Crewmitglieder aber durchaus plausibel.

Wenn dabei zuerst der Sabotageversuch eines (deutschen!) Passagiers unterbunden werden muss, geschieht das beinahe en passant. Und doch ruft gerade diese kuriose Marginalie schließlich das eigentliche Manko des Films ins Bewusstsein. Denn bei dieser Nebensächlichkeit handelt es sich um einen seltenen Augenblick, der interpretationsbedürftig bleibt. Sie lässt sich beispielsweise als Metapher auf Gefahren lesen, die von vermeintlichen Befürwortern eines „Appeasements“ gegenüber islamistischem Terror ausgehen mögen; und die politische Schlussfolgerung aus solch einer Lesart mag man teilen oder nicht. Der bloße Interpretationsbedarf, der in dieser Szene besteht, führt jedenfalls plötzlich vor Augen, wozu United 93 dem Publikum sonst kaum Anlass bietet: nämlich eine Haltung zu dem Dargestellten einzunehmen. Die Nachinszenierung des Überlebenskampfes an Bord mag inhaltlich plausibel sein, formal schlüssig und im Ton angemessen diskret. Letzten Endes bleibt sie aber auch bloß illustrativ.