Hope

Hope

Unruhe vor dem Sturm

| Alexandra Seitz |
In seiner hemmungslosen Krawallorgie „Hope“ stellt der südkoreanische Action-plus-Tiefgang-Spezialist Na Hong-jin einmal mehr die Frage, wer eigentlich das Monster ist.

Irgendwo und irgendwie nimmt schließlich eine jede Alien-Invasion ihren Ausgang. Nicht immer beziehen riesige Untertassen Stellung über Großstädten und eröffnen das Feuer auf nationale Wahrzeichen. Manchmal beginnt es eher bescheiden, sozusagen, und in irgendeiner Ecke, die niemand auf dem Schirm hat. An einem abgelegenen und zugleich abgehängten kleinen südkoreanischen Ort wie Hope Harbor zum Beispiel, situiert in der Grenzregion zu Nordkorea, wo es wenig attraktiv ist und die Möglichkeiten überschaubar sind, die Bedrohung, die vom Nachbarn ausgeht, dafür umso realer erscheint. Die Gefahr kommt dann aber nicht von jenseits der Grenze, sondern aus dem tiefen, dunklen Wald.

Beziehungsweise liegt erst einmal ein übelst zugerichteter Ochse mitten auf der Landstraße und zwingt ein paar Freizeitjäger dazu, den zuständigen Polizeipostenleiter, Bum-seok, zu rufen, denn dergleichen Vorkommnis muss gemeldet werden und alles seine Ordnung haben. Dann stehen alle herum und fluchen inbrünstig. Die einen, weil sie ja eigentlich zum Jagen wollten und nun aufgehalten sind. Bum-seok, weil ihn grundsätzlich alles nervt, was dem Schieben einer ruhigen Kugel zuwider läuft. Zudem sind ihm die Waffen der Jäger suspekt: Wurden diese hochmodernen Dinger wirklich vorschriftsmäßig registriert? Man lebt immerhin in einer Gegend, in der das Arsenal der im Umlauf befindlichen Wehrzeuge von großer Bedeutung ist und dementsprechend überwacht werden muss.

„Ein derart kleinteiliges und dabei noch flächendeckendes Chaos aus regelrecht zermalmten Gegenständen und Lebewesen sieht man selten. Hut ab vor der Ausstattung und all den Helferlein, die die Straßen dekorierten!“

Wer hat nun aber den im Weg liegenden Ochsen zerfetzt? Es muss der Tiger sein, der alle paar Jahre um diese Zeit die Region unsicher macht, behauptet einer der Jäger. Der Polizeipostenleiter hat davon noch nie gehört und wittert einen Scherz. Die darin immanente Respektlosigkeit ärgert ihn, sicherheitshalber macht er sich dann aber doch auf den Weg, den Gewährsmann dieser Information zu befragen. Und des Fluchens wird schon bald kein Ende mehr sein.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in unserer Printausgabe 04/26.

Die Eröffnung des Films Hope von Na Hong-jin vollzieht sich mustergültig ökonomisch. Ein paar Leute, ein rätselhaftes Ereignis, ein paar Minuten, dann ist das Eine auf der Flucht und das Andere nimmt die Verfolgung auf. Zurück im kleinen Örtchen nämlich stößt Bum-seok auf eine Spur der Verwüstung. So etwas hat es hier noch nie gegeben! Der wackere Ordnungshüter traut seinen Augen nicht. Welcher Wahnsinnige hat das Gemeinwesen, für dessen Wohlergehen er mit verantwortlich ist, in Schutt und Asche gelegt?! Beziehungsweise in Kleinholz verwandelt. An dieser Stelle sei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie sonstigen Beschäftigten der Abteilung für Trümmerfeld-gestaltung gedankt, denn sie haben ganze Arbeit geleistet. An ihr können sich die SFX-Departments von Superhelden-Filmen, in denen ja auch immer allerhand zu Klopp geschlagen wird und Szenarien der Zerstörung für „Ah!“ und „Oh!“ sorgen, ein paar Scheiben abschneiden. Ein derart kleinteiliges und dabei noch flächendeckendes Chaos aus regelrecht zermalmten Gegenständen (und Lebewesen) sieht man selten. Hut ab vor der Ausstattung und all den Helferlein, die die Straßen dekorierten! (Oder meinethalben die Computerwizards, die das errechnet haben.) Der bestürzende Anblick jedenfalls wirft unmittelbar zwei Fragen auf: Wie groß ist dieser Tiger? Und warum ist er so wütend? Kopfschüttelnd und schlimme Verwünschungen ausstoßend heftet Bum-seok sich an seine Fersen, denn das kann er nicht auf sich sitzen lassen.

Der südkoreanische Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Na Hong-jin, Jahrgang 1974, geboren in Seoul, absolvierte zunächst ein Studium am Institut für Handwerkstechnik der Hanyang University, arbeitete danach kurzzeitig in der Werbebranche, beschloß dann aber Filme zu machen und schrieb sich an der Korea National University of Arts ein. Nach drei Kurzen – Five Minutes (2003), A Perfect Red Snapper Dish (2005), Sweat (2007) – legte er mit The Chaser (2008) ein fulminantes Langfilmdebüt vor, das, wie auch alle seine weiteren Filme beim Festival in Cannes ihre internationale Premiere hatten. The Chaser, kommerziell ebenso erfolgreich wie von der Kritik gefeiert, ist ein mustergültiges, aufs Essenzielle verdichtetes Beispiel jenes koreanischen Actionkinos, das dem Westen zu jener Zeit mit seiner hemmungslosen Rasanz in Kombination mit einer kompromisslos düsteren Weltsicht bereits seit einer Weile den Atem verschlug. Zu denken ist da insbesondere an die Rache-Trilogie ­– Sympathy for Mr. Vengeance (2002), Old Boy (2003) und Sympathy for Lady Vengeance (2005) –, mit der Park Chan-wook seine internationale Karriere begründete. Oder an den Genre-Bastard The Good, the Bad, the Weird (2008) aus dem gleichen Jahr, ein Rekurs auf den sogenannten „mandschurischen Western“, mit dem Kim Jee-woon für hochgezogene Augenbrauen sorgte. Kim wiederum hatte zuvor unter anderem mit der buchstäblich mörderischen Komödie The Quiet Family (1998) und dem beinharten Psycho-Horror-Thriller A Tale of Two Sisters (2003) mehr als nur Aufmerksamkeit erregt.

Auf The Chaser lässt Na mit The Yellow Sea (2010) einen Film folgen, der die Düsternis zur Finsternis vertieft, und neuerlich gönnt er weder den Figuren noch dem Publikum eine Verschnaufpause. Außerdem wird deutlich, dass der Filmemacher, der auch diesmal wieder ein eigenes Drehbuch inszeniert, weder von der Polizei als einer der Gesellschaft dienenden Ordnungsmacht noch von glücklichen oder auch nur guten Ausgängen sonderlich viel hält. Als darüberhinaus bedeutsam erweisen sich die jeweiligen Schauplätze. So wie die unübersichtliche Siedlung am steilen Hang in The Chaser ­– Mangwon-dong in Seouls Mapo Distrikt –, in deren engen verwinkelten Sträßchen und Gäßchen und inmitten eines unablässigen Auf und Ab Täter, Opfer, Jäger gefangen sind wie in einem Labyrinth. Zur unheimlichen Wirkung trägt bei, dass es eben jenes Viertel war, in dem der sogenannte „Raincoat Killer“ (dessen Verbrechen den Stoff für den Film lieferten) mordete und 2004 endlich verhaftet wurde.

Die Tragödie von The Yellow Sea nimmt hingegen ihren Anfang in Yanji, einer kreisfreien Stadt des “Autonomen Bezirks der Koreaner”, Yanbian, in der an der Grenze zu Nordkorea gelegenen chinesischen Provinz Jilin. Diese Gegend bringt ihren ganz eigenen ethnischen Einschlag mit sich. Nicht zuletzt sind die Gangster, die von dort kommen, aus besonders hartem Holz geschnitzt und nahezu nicht totzukriegen. Das muss auch der korrupte südkoreanische Bankier im feinen Anzug feststellen, dem zu spät erst klar wird, mit wem er sich anlegt, als er den Liebhaber seiner Frau ermorden lässt. Die ganze Geschichte ist sehr verwickelt, um nicht zu sagen unübersichtlich, und auch dies ist eine Gemeinsamkeit der Arbeiten Na Hong-jins: ihr Faible für Verästelungen, Abschweifungen, Hintergrundinformationen, Bonusmaterial; gerne en passant eingeworfen in ein mit Hochgeschwindigkeit voranpreschendes Narrativ.

In seinem folgenden Film allerdings, The Wailing (2016), schaltet Na einen Gang zurück. In Sachen Tempo, nicht hinsichtlich Komplexität. The Wailing ist ein ungewöhnlich Grauen erregendes Werk, das eine böse spirituelle Kraft faktisch in eine ländliche Gemeinschaft herniederfahren lässt und nüchtern interessierten Blicks den entstehenden hilflosen Tumult unter den menschlichen Spielbällen aufzeichnet: In der abgelegenen Region rund um den Ort Goksung beginnt die Gerüchteküche zu brodeln, als sich kurz nach der Ankunft eines Fremden unerklärliche Todesfälle zu häufen beginnen. Die einen munkeln von giftigen Pilzen, die anderen sehen dämonische Mächte am Werk. Dorfpolizist Jong-gu – in Sachen unerbittliche Gegenwehr auf verlorenem Posten ein Vorgänger von Bum-seok – ermittelt im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten ebenso wacker wie tapfer. Angesichts des immer weiter um sich greifenden Schreckens sieht er sich jedoch alsbald nicht nur überfordert, sondern schließlich sogar direkt bedroht. Was sich also abspielt, ist ein metaphysisch-religiöser Großkampf, in dem die koreanische Tradition des Schamanismus auf japanische animistische Vorstellungen trifft und auch die katholische Kirche ein Wörtchen mitzureden hat. Letztere erweist sich als wenig hilfreich: „Die Kirche kann nichts für sie tun“, bescheidet ein zu Rate gezogener Priester Jong-gu und offenbart damit das Unvermögen eines aufgeklärten Christentums, den hier virulenten, tief in der Volkskultur verwurzelten Ängsten gerecht zu werden. Lediglich die hin und wieder ins Geschehen montierten, spektakulären Landschaftstotalen verschaffen kurze Atempausen. Doch während man noch ihre Schönheit bestaunt, erweist sie sich schon als trügerischer Rahmen, innerhalb dessen wild die Genres schillern. Krimi, Thriller, Geister- und Horrorfilm führen einen Veitstanz auf, alldieweil das Familiendrama um die kleine Tochter des Polizisten seinen herzzerreißenden Verlauf nimmt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagen die Einen. Die Anderen halten es mit Dante Alighieri: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.“ Dazwischen bewegt sich Na Hong-jin mit seinen wuchtigen Filmen, in denen nicht nur die Figuren zahllosen Belastungsproben unterworfen werden, sondern auch die Genreregeln selbst. Na treibt das Geschehen auf die Spitze, geht aufs Ganze und bis ans Äußerste und findet im Darüberhinaus ebensowohl spektakuläre Schauwerte wie tiefe Erkenntnis. Und er bleibt immer – das kann man unter den gegebenen, gewaltsamen Umständen durchaus erstaunlich finden – empathisch und respektvoll den existenziellen Nöten der Agierenden gegenüber. Übrigens: In Hope Harbor handelt es sich dabei nicht um einen Tiger.