Fernsehserien: Based on Serials. Ein Dossier

Unschuld ist Nebensache – Die US-Serie „The Night Of“ und ihr britisches Vorbild

| Marietta Steinhart |
Die HBO-Miniserie „The Night Of“ ist ein US-Remake der britischen Krimiserie „Criminal Justice“ – nur besser.

„Zur Hölle mit der Wahrheit! Sie hilft dir nicht“, sagt der Verteidiger zu seinem Klienten. Erfolglos versucht der zu erklären, was wirklich mit einer jungen Frau geschehen ist, die er beschuldigt wird ermordet zu haben. Unschuld sei jetzt Nebensache, sagt der Jurist.

Der Angeklagte ist Nasir „Naz“ Khan (Riz Ahmed), ein gut erzogener College-Student, sexuell unerfahren und schüchtern. Er ist der Sohn pakistanischer Einwanderer und lebt noch bei seinen Eltern (Peyman Moaadi und Poorna Jagannathan) in Queens, New York City. Eines Abends wird er endlich von den „coolen“ Kids an seiner Uni auf eine Party eingeladen. Seine Eltern sind dagegen, also wartet er bis sie schlafen und nimmt, ohne zu fragen, das Taxi seines Vaters, um nach Manhattan zu fahren.

An diesem Punkt beginnt so ziemlich alles schief zu gehen, was nur schief gehen kann. Er wird es nie zu dieser Party schaffen und alles, was er tut, wird später gegen ihn verwendet werden. Eine junge Frau (Sofia Black-D’Elia), die denkt, er sei ein gewöhnlicher Taxifahrer, weil er das „Außer Dienst“-Licht abzustellen vergessen hat, hüpft auf seine Rückbank. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr, sie ist aufgewühlt, aber weil sie hübsch und aufregend ist, lässt Naz sich auf die Fremde ein. Sie fahren zum Fluss und schlucken Pillen. Bald schnauben sie Kokain von ihren Händen, trinken Tequila und spielen gefährliche Messer-Spielchen in ihrer Wohnung. Er landet in ihrem Bett und sie haben Sex. Als Naz am nächsten Morgen aufwacht, ist seine Gastgeberin tot, ihr Körper blutüberströmt von Stichwunden, doch er hat keinerlei Erinnerung an die Geschehnisse der Nacht. In Panik läuft er mit der vermeintlichen Mordwaffe in seiner Jackentasche weg und sogleich in die Hände der Polizei – letztlich in jene von Dennis Box (ein großartiger Bill Camp), einem Detektiv am Rande des Ruhestandes, der überzeugt davon ist, den richtigen Mann erwischt zu haben.

Naz‘ Aussichten sind düster. Er hat kein Alibi und keine Antworten. Sein einziger Verbündeter ist zunächst Jack Stone (John Turturro), ein Bezirksanwalt, der sich auf Prostituierte und Kleinkriminelle spezialisiert hat. Schäbige Outfits und ein schuppiger Ausschlag an den Füßen, der ihn dazu zwingt offene Sandalen zu tragen, ekeln die Menschen an, bevor er überhaupt anfängt zu reden. Aber Stone ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der Fall ist zwei Nummern zu groß für ihn, aber wer weiß, vielleicht kann er seinen Ruf wiederherstellen und sogar groß abkassieren – so denkt er irrtümlich. Tatsächlich können sich Naz‘ Eltern keine angemessene Verteidigung leisten.

Von hier taucht The Night Of ein in das grimmige New Yorker Strafjustizsystem, ein monotoner Kreislauf von festgefahrener Bürokratie, Korruption, Rassismus und institutioneller Ohnmacht. Die Polizisten und Anwälte sind alle im Grunde nur daran interessiert, den Fall flott durch das System zu boxen und einem schnellen Urteil zuzuführen. Es ist leicht zu sehen, warum: Jeder ist überfordert und je aufwändiger der Prozess, desto zeit- und kostspieliger wird die ganze Sache. Wie Naz schon früh klar gemacht wird, spielt es keine Rolle, ob er das Verbrechen begangen hat oder nicht, es geht einzig darum, die Geschworenen von seiner Geschichte zu überzeugen. Wir wissen nicht, ob er wirklich unschuldig ist. Die Erzählung will, dass wir so denken, und wir wollen es glauben, weil wir ihn mögen. Während Stone mit der Hilfe einer indischen Junior-Anwältin (Amara Karan) nach weiteren Verdächtigen sucht, gerät Naz hinter Gittern unter die Fittiche eines schwarzen King Pins und ehemaligen Box-Champions (Michael Kenneth Williams aus The Wire und Boardwalk Empire). Das Gefängnis wird ihn hart machen.

Kulturpolitische facette

Zugegeben, das alles mag ein bisschen klischeehaft klingen, aber auch wenn man so ähnliche Geschichten schon gesehen hat, hat man sie selten so gut erzählt gesehen. Wie zum Beispiel die hervorragende Serie The Wire (siehe „ray“ 09/12) zeigt auch The Night Of die Allmacht dysfunktionaler Machtstrukturen. Sie basiert auf der ersten Season der britischen Serie Criminal Justice (2008), die von dem Engländer Peter Moffat geschaffen und vom US-Bezahlsender HBO von fünf auf acht Episoden erweitert wurde. Nicht selten geht so etwas schief, aber in diesem Fall ist das Remake von den Drehbuchautoren Richard Price (der auch – wenig überraschend – für The Wire schrieb) und Oscar-Preisträger Steven Zaillian (Schindler‘s List, American Gangster, Moneyball u.v.a.), der hier auch Regie führte, besser als das ohnehin schon ausgezeichnete Original.

Viele Elemente der Handlung gleichen einander. Ein entscheidender Unterschied ist jedoch, dass der Hauptcharakter in Criminal Justice ein weißer Engländer (Ben Whishaw) ist, der beschuldigt wird, ein schwarzes Mädchen (Ruth Negga) getötet zu haben; im Gegensatz zu Naz, einem muslimischen Amerikaner, der beschuldigt wird, eine junge, reiche, weiße Frau abgeschlachtet zu haben. Beide stammen aus Arbeiterklassefamilien, aber in The Night Of ist der Aspekt des Kulturkampfes wichtiger. „Wenn ich dich auf den Kopf stellen würde, wie viel Gras würde aus deinen Taschen herausfallen?“ fragt ein Anwalt einen schwarzen Zeugen. Der selbe Schwarze hatte zuvor Naz auf der Straße provoziert: „Hey, Mustafa, hast du deine Bombe zu Hause vergessen?“ Naz ist ein Muslim, der in einem New York nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 lebt, was dem Ganzen eine kulturpolitische Facette hinzufügt, die in der britischen Version natürlich fehlt.

Riz Ahmed ist großartig als Naz; charismatisch und liebenswert mit seinen großen, braunen Knopfaugen. Alle Indizien deuten darauf hin, dass er es getan hat, aber es fühlt sich nicht wahrscheinlich an. In Stone sind wir ähnlich investiert, er ist ein zerknautschter Außenseiter, verschluckt von einem Trenchcoat, den Columbo hätte tragen können. Die Rolle war ursprünglich für Sopranos-Star James Gandolfini geschrieben worden. Nach dessen Tod vor fast vier Jahren wurde Robert De Niro für die Rolle in Erwägung gezogen, aber glücklicherweise ging sie an John Turturro, der wunderbar weltmüde wirkt und Humor beweist, wenn er verschiedene Heilmittel für seine unansehnlichen Füße probiert (eine kurze Szene zeigt ihn bei einer Hauterkrankungs-Selbsthilfegruppe) oder eine Katze adoptiert, obwohl er allergisch ist.

Es ist schwierig, nicht in diese kiesige, dunkle, melancholische Welt hineingezogen zu werden, eine gelungene Verschmelzung von Ästhetik und Narration. Die Sonne scheint nie in diesem trostlosen New York City, das in verschiedene Schattierungen von Grau, Blau und Braun getaucht ist. Die Kamera- und Erzähltechnik wird genutzt, um auf mögliche wichtige Details zu verweisen: Was ist mit dem blutverschmierten Elchkopf? Oder dem ominösen schwarzen Kerl an der Tankstelle? Price und Zaillian spielen gekonnt mit Erwartungen, erweitern die Perspektive, manipulieren die Stimmung meisterhaft. Hat Naz die junge Frau umgebracht? Die bittere Wahrheit ist, dass es am Ende keine Rolle spielt.