Unter Kontrolle

Filmkritik

Unter Kontrolle

| Alexandra Seitz |

Sauber aufgeräumte Kernkraftanlagen in sauber aufgeräumter deutscher Provinz: Horror- oder Dokumentarfilm?

Unter Kontrolle trägt den Untertitel Eine Archäologie der Atomkraft, sammelt Orte und Stimmen und setzt sie zu Sachverhalten zusammen: Zu sehen sind Innen- und Außenansichten von Reaktoren in Betrieb; von fertigen, aber nie ans Netz gegangenen Reaktoren, die als Schulungszentren oder Ersatzteillager dienen; von im Rückbau befindlichen Reaktoren; von Reaktoren-Ruinen; von Reaktoren, die zu Vergnügungsparks umgewandelt wurden. Zu sehen sind auch Aufnahmen aus End- und Zwischenlagern, aus der Internationalen Atomenergiebehörde, aus Forschungsinstituten und von der Jahrestagung Kerntechnik. Zu hören sind Schulungsleiter und PR-Manager, Ingenieure und Verwalter, Wissenschaftler und Mitarbeiter – der Nuklearbetrieb wird von Männern beherrscht. Zu hören sind auch das Scheppern von Werkzeugen, das Brummen von Turbinen, das Summen im Kern.

Es hallt und es dröhnt, und manchmal auch hört man: nichts. Unheimliche Stille herrscht auf menschenleeren Fluren, kontrolliert die Räume, in denen Messinstrumente, Ventile, Schlösser, Schleusen und Verriegelungen zu sehen sind: Haufenweise Bilder von Dingen, deren Bezeichnung und Funktion man bei einem Fachmann erst erfragen müsste. Doch um das Wie-funktioniert-eigentlich-ein-Atomkraftwerk? geht es Volker Sattel nicht.

Sein Interesse gilt dem Widerspruch zwischen einer hoch komplizierten und gefährlichen Technologie und der Behauptung ihrer Macher und Überwacher, eben diese Technologie sei beherrschbar, sei: unter Kontrolle. Sattel macht diesen Widerspruch nicht deutlich, indem er das Gezeigte mit Kommentaren und Erklärungen versieht. Er macht ihn sichtbar in dem, was er zeigt, und indem er das, was er zeigt, über die Montage miteinander kommunizieren lässt. Es liegt eine gewisse Perfidie darin, dass dabei beiläufig auch der Begriff des „schönen Bildes“ ad absurdum geführt wird. Denn das Unbehagen ist profund, das einen angesichts der sorgsam kadrierten, klug komponierten Einstellungen von Unter Kontrolle beschleicht – die tödlichen industriellen Anlagen die Aura des Erhabenen verleihen.

Bis ganz am Ende in sämtlichen, im Simulatorzentrum der Kraftwerksschule Essen nachgebauten Kontrollräumen alle Alarmleuchten zu blinken beginnen und die Sirenen losheulen. Und weit und breit kein einziger Mensch. Es folgt der Abspann: Schwarz, in dem schließlich ein grün-gelblicher Schimmer zu pulsieren beginnt; das Filmmaterial wurde mit Gamma-Strahlen belichtet. So also sieht sie aus: die
Zukunft