Tav Falcos erster Spielfilm „Urania Descending“ wird im Juni im Wiener Metrokinokulturhaus gezeigt.
So wie es, selten, aber doch, Universalgelehrte gibt, ist der in Phildaelphia geborene, in Arkansas aufgewachsene und später nach Memphis, Tennessee, und nach New York „ausgewanderte“ Gustavo Antonio („Tav“) Falco ein Universalkünstler. Dafür halten sich viele, aber bei ihm stimmt es auch – will heißen: Was immer er künstlerisch anpackt, das macht er auch konsequent, bis er es beherrscht. Am bekanntesten ist er zweifellos als Musiker und Sänger mit seiner Band Panther Burns (so etwa bei der „ray“-Fünf-Jahres-Feier im Jahr 2010 auf dem Wiener Badeschiff). Panther Burns, das ist bis heute vor allem Tav Falco, egal, wer die oft wechselnden Bandmitglieder sind. Im Moment sind das vor allem junge Musikerinnen und Musiker aus Frankreich und Italien, bei der jüngsten USA-Tournee aber schon auch einmal der durchaus illustre Toby Dammit, langjähriger Mitstreiter von Nick Cave und Iggy Pop.
Entdeckt wurde Tav Falco von Alex Chilton („The Letter“), als er 1978 bei einem Live-Konzert eine Gitarre mit der Motorsäge bearbeitete. Aus der fruchtbaren Kooperation mit Chilton ging eine Handvoll prächtiger Alben wie „Behind the Magnolia Curtain“, „The World We Knew“ oder „Shadow Dancer“ hervor. Das Besondere daran war, dass Falco nicht nur eigene Songs und Blues- und R&B-Klassiker (etwa Leadbellys famosen „Bourgeois Blues“ oder Muddy Waters’ „Blind Man“) aufnahm, sondern sich, darin liegt quasi ein historisches Verdienst, mit großer Liebe unbekannten, vergessenen oder „nur“ lokal bekannten Musikern aus dem US-amerikanischen Süden, vor allem aus Arkansas, widmete. Mit seinem wachsenden Ruhm als Musiker und wohl auch dank seines charismatischen Auftretens und Äußeren (eine gewisse Ähnlichkeit zu Charles Chaplin lässt sich nicht leugnen, das Image des gebildeten Südstaates-Gentlemans pflegt er sorgsam) kamen auch kleinere Rollen als Schauspieler, so etwa in Jim McBrides fulminantem Jerry-Lee-Lewis-Biopic Great Balls of Fire (1989). Tav Falco reüssierte darüber hinaus aber auch als Autor, sein Buch „Ghosts Behind The Sun/Mondo Memphis: Volume 1“ ist eine Art Sub-Geschichte der legendären Stadt. Und er ist ein ausgezeichneter Fotograf. In seinem 2015 erschienenen Bildband „Iconography of Chance: 99 Photographs of the Evanescent South“ versammelte er Aufnahmen aus seiner Heimat, dem Süden der USA.
Schon in den siebziger Jahren hatte Tav Falco Videoporträts von lokalen Musikern gemacht, und in den neunziger Jahren drehte er einige Kurzfilme, mit denen er damals auch in der Cinémathèque in Paris vertreten war. Das Medium Film ist ihm also nicht fremd, und so konnte es nicht wirklich überraschen, dass er irgendwann – zwei Jahre ist das schon wieder her – auch Lust verspürte, einmal einen Spielfilm zu drehen. Das eklektische erste Resultat dieser Bemühungen heißt Urania Descending und war im Dezember 2014 schon einmal im Wiener Metrokino (damals noch ohne „Kulturhaus“) zu sehen. Von hier aus ging es weiter, unter anderem nach Paris – wo sonst als in David Lynchs schrägem Nachtclub, dem „Silencio“, könnte ein solcher Film aufgeführt werden? – und nach Italien, aber auch in die USA. Kürzlich war der Film endlich da zu sehen, wo auch die Story ihren Ausgang nimmt, nämlich in Little Rock, und zwar im wunderschönen Ron Robinson Theater am Ufer des Arkansas River.
Eine junge Amerikanerin namens Gina Lee (gespielt von der US-Poetin und Performerin Via Kali, mit der Falco auch schon bei seiner Band Panther Burns zusammengearbeitet hatte) hat genug vom Shopping-Mall-Paradies USA und kauft ein Billigflugticket nach Europa – wie der „Zufall“ es will, landet sie in Wien, wo sich auch der Regisseur, zunächst in den neunziger Jahren, aber auch in letzter Zeit immer wieder aufgehalten hat. Und je länger der Film dauert, desto mehr wird klar, dass Wien bzw. der Attersee – die zweite wichtige Location – die idealen Settings für Urania Descending sind. Gedreht auf 16mm-Schwarzweißfilm und im Geiste und im Stil der berühmten „Serials“ (Vampires, Fantômas) des französischen Regisseurs Louis Feuillade (1873–1925), entspinnt sich ein Abenteuer, das zwar in der Gegenwart spielt, aber deutliche Anklänge an die Stummfilmära und auch an gewisse Nachkriegs-Spionagefilme mit Wien als Schauplatz hat. Gina Lee lernt in Wien (das Café Central und das einschlägig berühmte Hotel Orient faszinierten den Regisseur offenbar besonders) den geheimnisvollen Agenten Diego Moritz (Tav Falco himself) kennen, der sie allmählich in eine mysteriöse Intrige um einen angeblichen Nazi-Goldschatz verwickelt, der sich auf dem Grunde des Attersees befinden soll. Ihre Bekanntschaft mit dem aristokratischen Lebemann Karl-Heinz von Siegl (Peter Reisegger, übrigens HNO-Arzt im Hauptberuf und leidenschaftlicher Tangotänzer) führt sie schließlich ins Salzkammergut, in die Klimt-Villa am Attersee, wo sich ihr Schicksal entscheiden soll.
Mit 68 Minuten Länge fällt Urania Descending ein wenig zwischen die Kino-Stühle, ist nicht mehr Kurzfilm und doch kein voller abendfüllender Spielfilm, jedenfalls nach heutigem Empfinden. Nicht nur deswegen plant Tav Falco bereits eifrig für seinen zweiten Film Erato Renounced, der zusammen mit dem ersten einen quasi zweiteiligen „Gesamtfilm“ ergeben soll. Letztlich soll aus dem Ganzen ein Tripytchon werden, aber soweit ist es noch nicht. Erst einmal heißt es, für Erato Geld aufzustellen. Die französische Produktionsfirma Lamplighter Films, die auch schon an Urania Descending beteiligt war, wird wohl wieder dabei sein, sagt Falco. Er ist aber noch auf der Suche nach einer österreichischen Partnerfirma. Wer den umtriebigen Musiker/Autor/Fotografen/Filmemacher kennt, zweifelt nicht daran, dass ihm das auch gelingen wird.
