James McTeigues V for Vendetta ist eine Adaption von Alan Moores genialer Graphic Novel. Das Drehbuch haben die Matrix-Brüder Larry und Andy Wachowski beigesteuert.
Remember, remember, the fifth of November, gunpowder treason and plot. I see no reason why the gunpowder treason should ever be forgot.“ Am 5. November 1605 wollte eine Gruppe von Verschwörern um den verdienten katholischen Offizier Guy Fawkes das britische Parlament in die Luft jagen, um König James I. und seinen Klüngel aus Adligen, Politikern und Bischöfen zu töten oder zu stürzen. Unzählige Fässer mit Schwarzpulver hatten sie bereits in den Kellern des Gebäudes deponiert, als der „plot“ verraten wurde. Fawkes und seine Mitverschwörer wurden gefasst, der Hauptverantwortliche am 31. Jänner des Jahres 1606 auf besonders grausame Weise hingerichtet. Der 5. November spielt bis heute in England eine Rolle in der Folklore – mit Umzügen, Feuerwerken und der Verbrennung von Guy-Fawkes-Puppen wird des „Verrats“ gedacht.
Der maskenmann
Mit den berühmten Zeilen aus dem volkstümlichen Gedicht beginnt auch der Film, eine recht ungewöhnliche und erfrischende Variante von Comics-Verfilmung. Zeit und Ort: England in einer nicht allzufernen Zukunft. Ein faschistisches Regime unter dem „High Chancellor“ Adam Sutler (brillant: John Hurt) unterdrückt Land und Leute. Als die junge Evey Hammond (Natalie Portman) am Abend des 5. November die nächtliche Ausgangssperre missachtet, wird sie von zwei brutalen Schergen aufgegriffen und (auch sexuell) bedroht. Da kommt ihr ein Mann (Hugo Weaving) zu Hilfe, dessen Kleidung und Maske an den historischen Guy Fawkes erinnern, mit einem tief eingekerbten V (für Vendetta = Rache) im Gesicht. Eveys Versuche, ihrem Retter zu danken, gehen ins Leere, denn der Maskenmann hat noch etwas vor an diesem Abend: Er lässt den Turm des berühmten Londoner Gerichtshofs Old Bailey in die Luft fliegen. Das Regime wankt zwar kurz, aber es fällt noch lange nicht: Sutler und seine üblen Spießgesellen (seine rechte Hand Creedy, mit eisiger Kälte dargestellt von Tim Pigott-Smith, die gleichgeschalteten Medien und die Polizei) lügen den Anschlag postwendend um: Der Old Bailey solle durch ein modernes Gerichtsgebäude ersetzt werden, die Sprengung sei also amtlicherseits erfolgt.
Die Bevölkerung in diesem seltsam düsteren, freudlosen Eng-land ist zwar nicht ganz mundtot, aber eingeschüchtert bis zur Paralyse. Nach und nach enthüllt der Film die brutalen Methoden, mit denen missliebige Personen liquidiert oder als medizinische Versuchskaninchen missbraucht und Angst und Schrecken zur täglichen Norm erhoben wurden. Als V, der Maskenmann, das zentrale Fernsehstudio stürmt, in dem die faustdicken Lügen fabriziert werden, beginnt sich langsam, sehr langsam, etwas zu bewegen.
Politische Comics
Der Auftakt ist fulminant, und fulminant bleibt der Film die meiste Zeit über, sieht man von kleinen dramaturgischen Schwächephasen ab, in denen recht wortreich erklärt wird, was ohnehin mit Händen zu greifen ist: V for Vendetta ist ein Appell an die Zivilcourage, an die Eigenverantwortung, an die Überlegenheit des menschlichen Geistes gegenüber Gesinnungsterror und Tyrannei. Die Wachowski-Brüder haben ganze Arbeit geleistet und folgen der Vorlage von Alan Moore (Text) und David Lloyd (Illustrationen) relativ genau; diese zu „verbessern“, hat man wohl nicht gewagt, und das war vermutlich auch gut so. Moore, Schöpfer genialer Comics wie From Hell (bereits verfilmt), The League of Extraordinary Gentlemen (bereits verfilmt), Watchmen (Verfilmung folgt), Miracleman u. a., gilt als nicht gerade pflegeleichter Zeigenosse. Der heute 53-Jährige, der mit Strips für Zeitschriften begann und sich rasch als innovativer Autor einen Namen machte, war noch mit keiner Leinwandadaption seiner Werke zufrieden – er verachtet, wie er selbst sagt, das heutige Kino, das den Zuschauern keinen Freiraum für Phantasie lasse. Auch mit V for Vendetta wollte er nichts zu tun haben, was in gewisser Weise verständlich ist: Hollywoods Protz-Produzent Joel Silver trat gleich bei einer ersten Pressekonferenz voll ins Fettnäpfchen, als er die geplante Premiere für den 5. November 2005 anlässlich der „100. Wiederkehr“ des „gunpowder plot“ ankündigte und ein Einverständnis mit Moore behauptete, das dieser nie gegeben hatte. Die von Moore geforderte Entschuldigung für diese „dreiste Lüge“ blieb aus.
V for Vendetta entstand zwischen 1982 und 1988, zunächst für das kleine englische Magazin Warrior, dann für den US-Comics-Giganten DC. Die ursprünglich schwarzweißen Illustrationen wurden nachkoloriert. 1986 schrieb Moore für DC seine wohl berühmteste Arbeit, die Watchmen. Danach wandte er sich zunehmend von konventionellen Superhelden-Comics ab und trieb seine Texte immer weiter in eine bitterböse politische Richtung – vor allem gegen die Macht der Verdummung und der Einschüchterung. Vendetta ist ein Musterbeispiel dieser Tendenz, geschrieben in der Ära Thatcher-Reagan und des brachial unpolitischen Yuppietums. Assoziationen wie die zu George Orwells 1984 oder Aldous Huxleys negativer Utopie Brave New World sind durchaus legitim.
Wir sind das Volk
Dass die Verfilmung sehr spät, gerade eben vorliegt, erhöht indes ihren Reiz: Die Bush-Blair-Achse des Blöden, ein von der Regierung vorgegaukelter Krieg, der sich in Wahrheit gegen die eigene Bevölkerung gerichtet hatte, der 11. September, ja sogar die Hysterie um die Vogelgrippe (!) tragen ganz wesentlich zur Aktualität und zur Zeitlosigkeit von McTeigues Film bei. Die Rolling Stones mit Streetfightin‘ Man zu Beginn des Nachspanns – das ist fast schon zuviel der Sophistication, macht aber ebenso Spaß wie die vielen popkulturellen Anspielungen (vom Grafen von Montechristo über Ray Bradburys/François Truffauts Fahrenheit 451 bis hin zu Zorro und Clive Barkers Candyman (1992), einem ähnlich rachedurstigen Systemopfer) und wie die bisweilen eingestreuten Irritationen: Ist ausgerechnet der TV-Komiker Gordon Deitrich (Stephen Fry), der sich als eine Art Hofnarr des Regimes fast alles (aber eben doch nicht alles) erlauben darf, der Mann mit der Maske? Nein, er ist es nicht, und eines der vielen schönen Dinge an diesem Film, ist, dass wir nie erfahren werden, wer hinter der Maske steckt, weil das, so V, völlig unerheblich sei: Wir alle, so die Message, sind V oder müssen V werden, oder, anders gesagt: Wir dürfen uns nicht alles einreden lassen, was Politik und Medien uns vorkauen und vorsetzen. Bis zu dieser recht schlichten Schlussbotschaft unterhält der Film des ehemaligen Matrix-Regieassistenten McTeigue mit einer Fülle sehenswerter Details, handfester Action und einem Best-of-British-Cast, aus dem man vielleicht noch den gebürtigen Nordiren Stephen Rea als zunächst regimetreuen, aber immer mehr ins Zweifeln geratenden Polizeiermittler hervorheben sollte.
V for Vendetta bzw. Alan Moore drücken sich aber auch nicht um die grundlegende Frage, die sich politischer Widerstand immer wieder stellen und stellen lassen muss: Ist Gewalt ein adäquates und gerechtfertigtes Mittel, um Gewalt zu bekämpfen, vor allem dann, wenn dadurch auch „Unschuldige“ in Mitleidenschaft gezogen werden? Der bekennende Agnostiker Moore gibt darauf eine unmissverständlich klare Antwort: Sie ist es. Das Hinhalten der anderen Wange ist für ihn ganz entschieden keine Option.
