Aufrechte Männer in einem aufrechten Film: „Operation Walküre“ und die US-amerikanische Sicht auf den 20. Juli 1944.
Das Geschrei im Vorfeld war groß. Wie könne er es wagen!? Ausgerechnet er! Und dann auch noch am Originalschauplatz?! Niemals! Kommt ja gar nicht in Frage, dass ein Scientology-Obermotz, der in Talkshows liebestoll auf Sofas herumspringt, in einem Hollywood-Film das Andenken eines echten deutschen Helden in den Dreck zieht! Und schon gar nicht am Originalschauplatz!
Aber Tom Cruise war hartnäckig. Er hatte sich diese Rolle in seinen Thetanen-Schädel gesetzt und nun würde er sie auch spielen! Er, der große Cruise, wollte diesen Film gedreht wissen, und zwar am Originalschauplatz! Und so gab es denn ein in den deutschen Medien lang ausgebreitetes Hin und Her und erbittertes Für und Wider und schließlich lenkten die zuständigen Stellen ein und erteilten die Drehgenehmigung für den Bendlerblock. Ein graues abweisendes Gebäude zwischen Landwehrkanal und Tiergarten, heute zweiter Sitz des Verteidigungsministeriums der BRD sowie der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Seinerzeit unter anderem Sitz des Allgemeinen Heeresamtes und Ort der Hinrichtung Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenbergs, der am 20. Juli 1944 als Ausführender einer weit reichenden Verschwörung versucht hatte, Adolf Hitler in die Luft zu sprengen und der für diese mutige, wenngleich spät kommende Tat bereits um kurz nach Mitternacht des Folgetages mit dem Leben büßte. „Operation Walküre“, Stauffenbergs schlaues Vorhaben, einen Plan zur militärischen Niederschlagung innerer Unruhen zum Werkzeug eines Staatstreiches zu machen und damit gegen seine Erfinder zu wenden, war schief gegangen.
Auch der Film Operation Walküre (Valkyrie im Original), der diese Geschichte erzählen sollte, schien unter keinem guten Stern zu stehen. Während der Dreharbeiten stürzten Komparsen von einem schlecht gesicherten Lastwagen und kamen zu Schaden, Szenen mussten nachgedreht werden, weil das Labor Filmmaterial falsch entwickelt hatte, sodann zog sich aus unklarer Ursache die Postproduktion in die Länge, der Starttermin des Films wurde wieder und wieder verschoben. Unterdessen brodelte die Gerüchteküche, in der Hollywood-Verächter und Tom-Cruise-Hasser, Bedenkenträger und Geschichtswächter unermüdlich die Messer wetzten. Kaum einer wäre überrascht gewesen, wenn der vormalige world’s biggest movie star Cruise und Regisseur Singer, bei dem man inzwischen leider eher an das X-Men-Franchise denn an The Usual Suspects denkt, ihren Film in den märkischen Sand gesetzt hätten. Wenn tatsächlich ein oberflächlicher, effektlastiger Actioner das Licht der Leinwand erblickt und alle Vorurteile bestätigt hätte. Es sah so aus, als hätten Tom Cruise und Bryan Singer, als hätte Operation Walküre bereits verloren, bevor noch irgendjemand auch nur einen Meter des fertigen Films zu Gesicht bekommen hatte. Schließlich konnte nicht sein, was nicht sein durfte, dass nämlich ausgerechnet ein Scientology-Obermotz, der in Talkshows liebestoll auf Sofas herumspringt, in einem Hollywood-Film das Andenken eines echten deutschen Helden bewahrt.
Und dann das!
Zur allgemeinen, nicht unbeträchtlichen Überraschung bekommt man es dann aber mit einem konzentrierten Drama zu tun, einem über weite Strecken wie ein Kammerspiel wirkenden Ensemblestück, einer sorgfältig recherchierten Schilderung der Ereignisse, die ihr Hauptaugenmerk auf die äußeren Abläufe, die Mechanik des versuchten Coups legt und sentimental-verkitschtes Nachempfinden heroischen Seelenlebens auf ein Minimum reduziert. Freilich ist das auch eine Frage des schauspielerischen Stils und in dem Zusammenhang kann die Entscheidung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, Tom Cruise, an dem der Glamour des Filmstars klebt wie Pech, mit einer ganzen Batterie hochkarätiger britischer (und einiger weniger deutscher) Schauspieler zu umgeben. Kenneth Branagh, Bill Nighy, Tom Wilkinson, Terence Stamp, Tom Hollander – nicht zu vergessen Christian Berkel und Matthias Schweighöfer, die auch nicht eben für ihre Exaltiertheit bekannt sind – nehmen Cruise in ihre Mitte und mildern das dem Heldendarsteller nun einmal wesenseigene heldische Strahlen, das der nur dämpfen, nicht aber selbst löschen kann. Statt sich also über unangemessen pathetisches Agieren der Hauptfigur zu erregen, ertappt man sich beispielsweise bei der Überlegung, was zur Hölle wohl seinerzeit General Friedrich Olbricht dazu bewogen haben mag, vor Ingangsetzen der Operation Walküre erst einmal zum Mittagessen zu gehen und auf diese Weise zwei unwiederbringliche Stunden zu verplempern. Angst? Überforderung? Panische Lähmung? Bill Nighy in der Rolle Olbrichts gelingt es in diesem Moment, seinen ganzen Körper in eine einzige Geste militärischer Kontrolle unterliegender Nervosität zu verwandeln. Ein Widerspruch, der den Mann fast zerreißt, und der zugleich alles mitteilt über die Anspannung dieser Stunden.
Im Vorfeld wehrten Cruise und Singer die zahlreichen Angriffe auf ihr Film-Projekt des Öfteren mit dem Hinweis ab, sie wollten lediglich „eine großartige Geschichte erzählen“ und „einen Thriller drehen, der das Publikum unterhält“. Außerhalb Deutschlands mag Operation Walküre in der Tat auch als nicht mehr denn ein spannender Unterhaltungsfilm funktionieren; das gilt selbst dann, wenn man das traurige Ende der Stauffenberg-Verschwörer kennt. In Deutschland jedoch mag man im nur schwach skizzierten, ideologisch durchaus kritikwürdigen Hintergrund des Attentats eine Schwäche des Films erkennen; allerdings hätte man sich dessen extensive Reflexion wohl als Einmischung in die Deutungshoheit wiederum verbeten. Angesichts dieser Doublebind-Situation macht Operation Walküre das einzig Mögliche: Er stellt die Ereignisse vom 20. Juli 1944 nicht in ihrem Kontext von Nationalismus und Militarismus zur Debatte, er zeigt sie als Abfolge von Handlungen Einzelner. Handlungen, an die sich Hoffnungen knüpften. Einzelner, die dafür das größte Risiko eingingen.
