Wie Venedig trotz magelndem Staraufgebot sein Publikum vor Ort und digital zu versöhnen versucht.
Internationale Stars sind für ein Filmfestival wie das Salz in der Suppe. Ohne geht es kaum, schon gar nicht, wenn man auf dem Roten Teppich auffahren will. Und das will Venedig auch in diesem Jahr, Covid hin oder her. Mit Cate Blanchett als der Vorsitzenden der Internationalen Jury und einem Ehrenpreis für die stets schillernde schottische Schauspielerin Tilda Swinton hatte man bereits für einigen Glamour am Lido gesorgt. Doch ohne die üblichen Hollywood-Produktion im Programm und die entsprechenden Filmteams vor Ort schien es trotzdem schwer, den gewohnten Standard an Promi-Präsenz aufrecht erhalten zu können. Zu kompensieren versucht das Festival den Mangel an großen Namen in diesem Jahr deshalb unter anderem mit einer Reihe von digitalen Gesprächen mit Filmtalenten, die zum Teil auf dem Lido, zum Teil über Zoom aufgezeichnet werden und frei auf der Webseite des Festivals zur Verfügung stehen. Mit von der Partie sind unter anderem Demi Moore, Wim Wenders und Luca Guadagnino, dessen neuer Dokumentation Salvatore – Schuhmacher der Träume vor ein paar Tagen seine Premiere in Venedig feierte. Der italienische Auteur und Modefilmregisseur wirft darin einen faszinierenden Blick auf die märchenhafte Karriere des Star-Schusters Salvatore Ferragamo, von den Anfängen in Kalifornien bis zur Gründung seines gleichnamigen Labels.
Zu den „Gästen“ der Interviewreihe, die unter dem Namen „Life Through a Different Lens: Contactless Connections“ läuft und bis zum Ende des Festivals regelmäßig um weitere Gespräche erweitert werden soll, gehören auch die französische Regisseurin Claire Denis sowie der amerikanische Schauspieler und mittlerweile Oscar-Gewinner Sam Rockwell, der sich vor der offiziellen Aufzeichnung sogar Zeit für ein kurzes Gespräch mit „ray“ nahm. Gefragt nach seinem Durchbruch mit Confessions of a Dangerous Mind, gestand der gebürtige Kalifornier im Zwiegespräch, dass er George Clooney mehr als nur die Hauptrolle in dessen Regiedebüt verdankt: „George hat damals unheimlich viel für mich getan. Zumal ich gar nicht auf der Suche nach der großen Rolle war. Ich wollte einfach spielen.“ Was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass Rockwell in eine Schauspielerfamilie hineingeboren wurde und sozusagen zwangsweise schon sehr früh darin aufging, in diverse Rollen zu schlüpfen und sich in andere Figuren und Charaktere zu verwanden. Einer, der ihm darin sehr nahesteht und mit dem Rockwell heute gerne verglichen wird, ist Christopher Walken. Warum? „Wir tanzen beide gerne,“ schmunzelt Rockwell, „aber entscheidender ist vielleicht, dass wir beide bereits früh auf der Bühne bzw. vor der Kamera standen. Und wenn man schon als Kind schauspielert, wie beispielsweise auch Christian Bale, dann betrachtet man die Dinge aus einer anderen Perspektive – etwas abwegig und eigentümlich.“ Das hat auch Martin McDonagh erkannt, als er Walken und Rockwell unter seiner Regie zunächst gemeinsam am Theater spielen ließ und daraufhin gleich erneut in Seven Psychopaths castete. „Martin hat mein Leben verändert,“ erinnert sich der Schauspieler bei dem Gedanken daran, und wird dabei sogar ein bisschen sentimental. „Ich weiß nicht, womit ich das verdient habe, aber ohne ihn säße ich vielleicht heute nicht hier.“
Abseits der Stars und Star-Auteure des diesjährigen Festivals, gab es in den vergangenen Tagen weiterhin qualitativ recht hochwertige Filmkunst am Lido zu begutachten. Während im Wettbewerb scheinbar vor allem Vanessa Kirby mit einer herausragenden Performance in Kornél Mundruczós Pieces of a Woman punkten konnte und Quentin Dupieuxs absurde Komödie Mandibles um eine Riesenfliege die Kritiker (wenn auch nur „außer Konkurrenz“) begeisterte, fielen in der Reihe „Orizzonti“ vor allem die Kunstwelt-Satire The Man Who Sold His Skin der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania sowie das Spielfilmdebüt des Chinesen Wang Jing, The Best Is Yet to Come, ins Auge. Letzterer Film wurde von keinem geringen als Jia Zhangke produziert, für den Wang in der Vergangenheit als Regieassistent arbeitete, und die Versiertheit, mit der er in seinem Erstling ans Werk geht, zeigt, dass er einiges vom Meister gelernt hat. The Best Is Yet to Come ist eine erfrischende Mischung aus Charakterstudie und investigativem Thriller, der – zeitgemäß – während der SARS-Epidemie in China im Jahre 2003 spielt. Der aufstrebende Journalist Han Dong kommt nach Beijing, um seinen Traum vom engagierten Reporter zu verwirklichen, und gerät bald zwischen die Fronten von Korruption, medizinischem Betrug und seinem eigenen Gewissen. Es ist ein Film, der seine Geschichte nicht nur straff und stringent erzählt, sondern ebenso Gefühl zeigt und stets mit dem Herzen am rechten Fleck agiert. Dazu kommt, dass Jia Zhanke über den Produzententitel hinaus auch selbst ein kleines Cameo im Film hat – eine schöne Geste, mit der sich sein Protegé vielleicht dafür bedanken möchte, dass er ihn bei seinem Erstling nicht nur persönlich unterstützte, sondern ihm mit dem Kameramann Yu Lik-wai und Schnittmeister Matthieu Laclau zudem zwei seiner langjährigen Kollaborateure zur Verfügung stellte.
Weniger eine Zusammenarbeit als ein faustischer Pakt ist die Abmachung, die der syrische Flüchtling Sam Ali in The Man Who Sold His Skin eingeht, um auf diese Weise an ein Schengen-Visum zu gelangen. Das braucht er, um seiner Geliebten nach Belgien zu folgen, doch die Lage ist, wie so oft, kompliziert. Als Sam in seiner Not eher unfreiwillig einem Künstler in die Arme fällt, macht dieser ihm ein unmoralisches, aber verlockendes Angebot, dass der junge hilf- und mittellose Mann schließlich nicht ablehnen kann: Für Geld und besagtes Visum lässt er sich ein Bild auf seinen Körper tätowieren und wird daraufhin zu einem lebenden Gemälde, das zukünftig in Ausstellungen rund um die Welt präsentiert werden soll. Ähnlich wie Wang Jing sein Regiedebüt auf wahren Begebenheiten stützt, ist auch Kaouther Ben Hanias Film an einem real existierenden Kunstwerk orientiert und schafft über weite Strecken einen schweren Spagat zwischen verschiedenen Genres von Romanze und schwarzer Komödie bis hin zu Drama und Tragödie, um dabei etwas Neues, Originelles, Eigenes zu entwerfen. Und auch wenn die Prämisse an sich in ihrer Unverfrorenheit und Unmoral unweigerlich an Ruben Östlunds The Square erinnert und der Film durchaus auch stilistisch Parallelen aufweist, so gelingt es Ben Hania dennoch, eine individuelle Perspektive auf die Dinge zu werfen.
Unter die Haut geht The Man Who Sold His Skin dabei zwar nicht, zumal der Blick am Ende allzu oft zu oberflächlich bleibt und bisweilen sogar irritiert. Trotzdem wirft der Film ein paar durchaus interessante Fragen auf, denen man im Anschluss an die Sichtung im Kopf noch einige Zeit nachgeht, ohne selbst eine befriedigende Antwort zu finden. Fest steht allein, dass die diesjährige „Orizzonti“-Auswahl eine bemerkenswert hohe Anzahl an spannenden, sehenswerten und unterhaltsamen Filmen aufweist, die es verdienen, demnächst auch auf anderen internationalen Festivals gezeigt zu werden. The Best Is Yet to Come hat es zumindest schon mal auch ins begehrte Toronto Line-Up geschafft.
Die Gespräche der Interviewreihe „Life Through a Different Lens: Contactless Connections“ lassen sich unter folgendem Link abrufen: https://www.labiennale.org/en/cinema/2020/digital-conversations
