Venedig Tag 1

Von abgehoben bis aufgeschlagen

| Alexandra Zawia |

Wie jedes Jahr um diese Zeit steht der Lido in Venedig im Zeichen des Weltkinos. Bis 8. September berichten Alexandra Zawia und Thomas Abeltshauser für „ray“ aus der Lagunenstadt.

Abgehoben hat Gravity am ersten Tag der Internationalen Filmfestspiele in Venedig: Alfonso Cuaróns neue Arbeit eröffnete am Mittwoch die älteste Filmschau der Welt am Lido und erfuhr sofort eine Welle an hymnischer Resonanz, von Publikum und Kritikern gleichermaßen. George Clooney und Sandra Bullock gemeinsam im All – das klingt für Viele schon am Papier gut und Mister „Ich habe eine Villa am Comer See“ Clooney ist aus Venedig ohnehin schon lange nicht mehr wegzudenken: Mit Fotos von seiner Ankunft, er lächelnd und winkend am Speedboot alle Jahre wieder an der Anlegestelle vor dem Festival-Casino, könnte man allein eine Werkschau der Eitelkeiten veranstalten. Aber auch die Pressekonferenzen mit ihm bieten jedes Mal wieder zumindest einem Menschen aus der Kollegenschaft die Bühne, sich zum Affen zu machen. 
Vor zwei Jahren etwa strippte ein Kollege vor George – und versammelter internationaler Medienmannschaft – und musste von den Sicherheitskräften hinausgetragen werden. Dieses Jahr fühlte sich ein sichtlich mit Endorphin angereicherter Journalist aus den USA bemüßigt, nicht nur seine eigene Frage schon vorab als „wundervoll“ zu titulieren, sondern dann auch noch in einen (gefühlt) 27-minütigen Monolog über sich selbst und seine „awesome adoration for you, George, and you, Sandra“ zu verfallen. Glücklicherweise wurde ihm aber schon bei Sekunde 50 das Mikro abgedreht.

Clooney nahm’s lässig, und auch in Gravity ist er im Prinzip zu cool fürs All.  Als NASA-Ingenieur Matt Kowalski arbeitet er mit Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) gerade an der Behebung eines Schadens an der Raumstation, als ein kleiner Fehler ins große Desaster führt, was eine Kettenreaktion der Zerstörung auslöst. Cowboy Kowalski und die schusselige Stone (richtig, wer hier stereotype Geschlechterrollen vermutet) werden von der Station getrennt und driften zusammen durch den Weltraum, bis auch Kowalski verloren geht und Stone auf sich allein gestellt ist. Wie sie es schließlich schafft, durch Luft, Feuer und Wasser wieder auf die Erde zu gelangen, das weiß Cuarón spannend und visuell makellos, aber nicht frei von überdeutlichem Symbolismus und deplazierter Darwin-Analogie zu erzählen. Seine charakteristischen Spiegelungs-Bilder setzt er hier in einer erneuten Zusammenarbeit mit Kameramann Emmanuel Lubezki virtuos um, dennoch macht der Film immer wieder deutliche Kompromisse mit dem Mainstream: Das philosophische Potenzial zur Auslotung eines auf sich zurückgeworfenen Individuums im All – also in einem Nicht-Raum – wird nur selten angedeutet und spätestens dann wieder in einem lauten Score erstickt. Als Eröffnungsfilm aber erwies sich Gravity nicht nur durch seine Stars auf dem roten Teppich als genau so anziehend wie erhofft.

Im Wettbewerb dagegen sorgt ein ganz anderer Film momentan für die meisten Diskussionen: Philip Grönings Beitrag Die Frau des Polizisten behandelt das Thema häusliche Gewalt auf induktive Weise: In 59 Kapiteln (insgesamt drei Stunden lang) zeigt Gröning kurze, längere und wiederholte Momente eines Familienlebens, das von Zärtlichkeit und Brutalität im selben Maße bestimmt ist. Prätentiös finden manche seine emotive, stark an Terrence Malick erinnernde Erzählweise, unglaublich stark andere dagegen die Absenz jeglicher Didaktik. Die Frau des Polizisten ist bisher der zweifellos meist besprochene und auch der beste Wettbewerbsbeitrag bisher.

Denn auch wenn Filme wie etwa Joe von David Gordon Green mit Nicholas Cage in der Hauptrolle oder John Currans Tracks mit Mia Wasikowska bekannte Namen bringen, haben sie filmisch wenig zu bieten. Obwohl etwa Greens letzte Arbeit Prince Avalanche ganz bemerkenswert war, ist Joe bedeutungsloser Südstaaten-Miserabilismus, in dem Cage als rechtschaffener Typ (allerdings mit Killer-Hund) ein paar gute One-Liner hat. Tracks, basierend auf der Biografie von Marion Nelson, die in den siebziger Jahren als „Kamelfrau“ allein Australien durchquerte, schafft es ebenfalls nicht, Atmosphäre oder Tiefe zu generieren: Die omnipräsente Erzählweise erlaubt keine echten Einsichten und die Hauptfigur bleibt langweilig eindimensional.

Viele Schichten dagegen hat bekanntermaßen Lindsay Lohan, zumindest an gewissen Stellen. Sie ist wohl der einzige Grund, warum der Film The Canyons (läuft in der Reihe Orizzonti) überhaupt gedreht wurde, und was sie – oder Regisseur Paul Schrader – dafür tun mussten, legt der Film (geschrieben von Bret Easton Ellis) selbst nahe: L.A. als sumpfige Kloake, bevölkert von „Has-Beens“, die vorher einmal „Wannabes“ waren, dient Schrader hier für einige gute Ideen über Verarmung im Luxus und Verrohung im Überfluss. Meistens geht es hier ums Ficken und darum, wie man in einer Zeit, in der keiner mehr ins Kino geht, noch Filme drehen soll. Klingt nicht schlecht, aber leider ist Schraders Inszenierung allein bestimmt von der nach Aufmerksamkeit haschenden Lohan, die sich nahtlos in ein grottenschlecht spielendes Ensemble fügt. Am Ende der Pressevorführung am Freitag versank der Film in Gelächter und lauten Buh-Rufen, und das ist nicht einmal unfair. Zur Pressekonferenz war Miss Lohan freilich nicht erschienen, sie war ja nicht einmal an den Lido gereist. Er sei „endlich wieder ein freier Mann“ erklärte dann ein sichtlich erleichterter Schrader vor versammelten Journalisten. Die Arbeit mit Lohan sei „unvorstellbar anstrengend“ gewesen. „Nach dem Dreh fühlte ich mich wie aus einem Flugzeug gesprungen und ohne Fallschirm aufgeschlagen.“ Auch das nennt sich übrigens „gravity“.