Die mit Spannung erwartete Nochmals-Verfilmung von Stieg Larssons Romanknüller ist da: David Fincher und Steve Zaillian haben ausgeforstet, und das ist gut so.
Die schlechte Nachricht, ausnahmsweise, zuerst: Das absolut Fetzigste an David Finchers Neuverfilmung des schwedischen Krimiknüllers ist Trent Raznors und Atticus Ross’ schon aus dem Trailer bekannte Neuvertonung von Led Zeppelins „Immigrant Song“ zu einer schönen Titelsequenz, die Daniel Craig aus dem James-Bond-Fundus mitgebracht zu haben scheint. Warum dieser Song? Man weiß es nicht so genau. Vielleicht liegt es an der Textzeile „We come from the land of the ice and snow, from the midnight sun where the hot springs flow“. Eis und Schnee gibt es reichlich, denn Fincher hat bekanntlich darauf bestanden, seine Version der Story in ihrem Ursprungsland Schweden zu drehen – wegen der Authentizität und so. Das ist natürlich nachvollziehbar, aber dann hätte man sich – wie zuletzt David Cronenberg in „A Dangerous Method“, wo alle Briefe und Bücher, die im Bild waren, auf Deutsch zu lesen waren – vielleicht auch bemühen sollen, Zeitungen, Dokumente usw. schwedische sein zu lassen und nicht englische. Und die angloamerikanischen Darsteller und –innen stapfen, hat man den Eindruck, doch ein wenig „fremd“ durchs unwirtliche Winterszenario.
Geschenkt, mit solchen Lappalien muss man sich nicht aufhalten, wenn David Fincher sich eines so epochalen Romans annimmt. Worin seine Meisterschaft (und die des ungekrönten Drehbuch-Kings Steve Zaillian) liegt, und dafür kann man ihnen nicht genug danken, ist, dass sie das erzählerische Wirrwarr, unter dem die schwedische Verfilmung von vor zwei Jahren litt, entschlackt, die ausufernde Geschichte von einigen Seitensträngen gereinigt und sich auf das Wesentliche konzentriert haben: Das sind in erster Linie die beiden Hauptpersonen, die Hackerin Lisbeth Salander (1:0 hier für die Schweden, denn Noomi Rapace war einfach besser, kantiger und interessanter als Rooney Mara) und der Journalist Mikael Blomkvist (Ausgleich durch Daniel Craig, der seinem schwedischen Pendant Michael Nykvist zumindest das Charisma voraus hat). Was die beiden treibt, das Verschwinden einer jungen Frau in den sechziger Jahren vier Jahrzehnte später neu zu untersuchen und letztlich aufzuklären, das haben Fincher und Zaillian eindeutig besser herausgearbeitet: Es ist der ungestillte Hunger, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu erfahren, bei Lisbeth und ihrer verworrenen Vergangenheit, die Larsson ja in den restlichen beiden Teilen seiner „Millennium“-Trilogie ausführlich beschrieben hat, sowieso kein Wunder, bei Mikael, dem Musterbeispiel des integren Aufdeckungsjournalisten, auch nicht.
Viel weniger als 2009 erfährt man in Finchers Variante von der weit verzweigten, dekadenten Industriellenfamilie der Vangers (und es geht einem kaum ab), viel weniger von Blomkvists journalistischer Fehde mit dem korrupten Wennerström, viel weniger von seiner Beziehung zu der Herausgeberin Erika Berger, viel weniger auch von der gesamten Zeitung, nach der die Trilogie immerhin benannt ist. Dass der Film trotzdem 158 Minuten dauert, mag nach dem Gesagten verwundern, aber sie fallen nicht wirklich unangenehm auf. Zügig und schnörkellos geht es voran, das Ende ist bekannt (wenn man mit dem schwedischen Film und/oder dem Roman vertraut ist), und so bleibt alles in allem ein guter Eindruck (wenn man die Sinnhaftigkeit des ganzen Unterfangens, ein Buch binnen zwei Jahren zwei Mal zu verfilmen, nicht gänzlich negiert), unterstützt von beeindruckenden visuals (Jeff Cronenweth an der Kamera).
David Fincher hat in Interviews gemeint, man wolle den Erfolg des ersten Teils an den Kinokassen abwarten, bevor sich an die Verfilmung der anderen beiden Romane macht. Eine weise Entscheidung, denn – es muss eigentlich nicht sein. Schöner wäre es, würden die zehn messerscharfen sozialkritischen Sechziger-Jahre-Krimis von Maj Sjöwall und Per Wahlöö rund um Kommissar Beck mal schlüssig auf die Leiwand gebracht, von denen all die gefeierten schwedischen Kriminalautoren, darunter auch Stieg Larsson, abgekupfert haben. Fincher selbst jedenfalls wird nach der TV-Serie House of Cards erst einmal die Jules-Verne-Verfilmung 20,000 Leagues Under the Sea in Angriff nehmen. Wir sind wieder einmal gespannt.
