Vom alten Geschäft mit Fake News und der ewigen Liebe zur Literatur
Ein junger, schmächtiger Poet, verloren in die Natur und mit „einer Liebe für das Schöne“. Das ist Lucien de Rubempré (Benjamin Voisin), der bescheidene Druckereigehilfe und Kleinstadtdichter aus der Provinz Angoulême, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit seinen glühenden Versen das Herz der Aristokratin Louise de Bargeton (Cécile de France) erobert. Doch die Affäre bleibt nicht lange geheim, woraufhin Lucien beschließt, nach Paris zu gehen. Louise begleitet ihn zunächst, um dort sein Talent zu fördern. Aber das Großstadtleben birgt bei aller Faszination und Hoffnung auch jede Menge Gefahren für das ungleiche Paar – und nicht wenige Fallen und Fettnäpfchen für den unbeholfenen, mittellosen Lucien.
Dagegen fühlt sich Voisin, der erstmals in François Ozons Sommer 85 in Erscheinung trat, vor allem in diesen frühen Szenen von Xavier Giannolis Romanverfilmung am wohlsten. Er spielt Lucien, den Helden aus Honoré de Balzacs epischer Vorlage, mit einer Dringlichkeit und Bravour, die es ihm ermöglicht, dessen tiefe Leidenschaft für die Künste und den angestrebten Ruhm unbedingt glaubwürdig zu machen. Nur so kann er sich gegenüber Vincent Lacostes ungenierter Nonchalance behaupten, der Lucien in seiner Rolle als Boulevardjournalist Etienne Lousteau kurzerhand unter seine Fittiche nimmt. Und nur so gelingt es ihm, obendrein dem Alleskönner Xavier Dolan die Stirn zu bieten, der hier seit längerem wieder einmal vor der Kamera agiert und den berühmten Schriftsteller Nathan d’Anastazio verkörpert, der bald zu Luciens Erzfeind wird.
Zwischen diesem Dreigestirn aus jungen Talenten agiert Gérard Depardieu als ebenso zynischer wie einflussreicher Verleger Dauriat, der Kritiker konkurrierender Zeitschriften dafür bezahlt, widersprüchliche Rezensionen über die bei ihm erschienenen Bücher zu schreiben, um so die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben. Und so sehr er sich bemüht, auch Lucien kann sich schon bald dem Sog aus Korruption und Macht, Geld und Fake News, Drogenrausch und Liebe nicht mehr erwehren, der im Paris jener Jahre um sich greift. Er wird zeitweise sogar zu einer großen Berühmtheit in diesem neuartigen Kritikergeschäft – und kommt schließlich zu Fall, wie es die Vorlage verlangt.
„Aber wo bleibt bei all dem die Literatur?“ Die Frage, die Lucien Dauriat stellt, beantwortet Giannoli, indem er seinen Film fast ausschließlich aus dem Off erzählt und damit die Aufmerksamkeit zwangsläufig auf den Roman lenkt. Bei aller thematischen Brisanz und der aufwendigen Inszenierung, wirkt Verlorene Illusionen dadurch allzu oft als bloßes Mittel zum Zweck, als wäre der Film letztendlich nur eine aufwändige Illustration.
