Filmkritik

Verschwörung

| Roman Scheiber |
„The Girl in the Spider‘s Web: A New Dragon Tattoo Story“: ein düsterer Actionthriller um Lisbeth Salander, dessen Psychologie überfließt.

„It is time, already, to give this girl a rest“ – „soulless, bloodless product“ – „it exists almost solely to drive a stake in the ground for the further franchising of author Stieg Larssons „The Girl with the Dragon Tattoo“. Nur ein paar flapsigere Auszüge aus den überwiegend negativen Stimmen der US-amerikanischen Kritik zur Fortsetzung des Reloads der Millennium-Reihe. „The whole thing is a bummer“, konstatierte gar die „New York Times“, und das „Wall Street Journal“ vergab keinen einzigen Punkt für The Girl in the Spider‘s Web.

Ganz so schlimm ist es nicht, jedenfalls aus „ray“-Perspektive. Die Ingredienzen eines Action­thrillers finden sich, packende Verfolgungsjagden, dramatische Shootout-Action im Gegen­schnitt unter Countdown-Atmosphäre, überraschende Finten und Festnahmen, halt all das, was man auch in einer funktionierenden Ausgabe der Bond-, oder – womöglich treffender in ihrem Hackersujet – der Bourne-Reihe finden würde. Diesbezüglich hat Genre-Autorenregisseur Fede Alvarez, bekannt geworden durch eine Neuauflage von Sam Raimis The Evil Dead und den effektiv verdrehten Home-Invasion-Thriller Don‘t Breathe (dessen Sequel ebenfalls bereits in Planung ist), aus dem Vollen geschöpft. Nur dass die Actionheldin hier eben eine Frau ist, und deren Darstellerin zählt zu den wenigen Atouts, welche die Adaption des von David Lagercrantz fortgeschriebenen Romans vorzuweisen hat. Denn so blutig die Wunde, die Claire Foy als Lisbeth Salander bei ihrem Kampf gegen eine internationale Nuklear­verschwörung von Cyberkriminellen und im Einsatz für einen verwaisten Knaben symbolischer­weise punktgenau auf ihrer Tätowierung am Schulterblatt tragen muss, so blutleer ist diese Inszenierung. Foy spielt allerdings fantastisch und beweist in der Rolle der kindheits­traumatisierten Hackerin nach der Titelrolle in der Serie The Queen oder z.B. als verwirrte Zwangseingewiesene in Steven Soderberghs Unsane erneut ihre herausragende Diversität.

Statt Noch-Bond Daniel Craig wie im ersten Teil der von Steven Zaillian adaptierten und von David Fincher inszenierten US-Version steht Salander Sverrir Gudnasson (durchgebrochen als Björn Borg in Borg/McEnroe) als Investigativ­journalist Mikael Blomkvist zur Seite. Ob die Drehbuchautoren Steven Knight und Jay Basu eine Unterstützung für Alvarez‘ Sequel waren, bleibt indes fraglich, denn höchst diskutabel erscheint, wie Foys Figur angelegt ist: nicht nur offenherziger, längst nicht so verschlossen wie Naomi Rapace in der europäischen Trilogie oder auch Rooney Mara Salander verkörpern durften. Sondern noch im Unterschied zu Maras Salander in US-Teil eins, der 2011 übrigens deutlich bessere Noten verbuchte (und weltweit deutlich mehr als das Doppelte seines Budgets einspielte), in lähmender Psychologisierung.

Das Hauptproblem des Films sind denn auch seine übererklärenden Rückblenden, denen eine banale Prämisse zugrunde liegt: Dass Salander nämlich bei der Flucht von ihrem Missbrauchs­daddy eine ältere Schwester zurückgelassenen hat, die nun ihrerseits auf Rache sinnt – nicht an den Männern, sondern an der Schwester. In der misslungen verdichteten Einstiegs­sequenz wird der Grundstein für das verzwickte Verhältnis der beiden Frauen gelegt, dessen Auflösung am Ende in etwa so raffiniert wirkt wie der rotkäppchen­farbige Mantel der blonden Schwester (Sylvia Hoeks soll demnächst Porno­sternchen Sylvia Kristel verkörpern) aus der ansonsten eisgrau eingefilterten Industrie- und Schneelandschaft heraussticht. Lisbeth wird leider weiter machen, in welcher Personifizierung auch immer, solange die Figur lukrativ bleibt. Dabei wäre es Zeit, der gepeinigten jungen Frau mehr als nur eine Pause zu gönnen.