Viel zu tun

| Andreas Ungerböck |

Die Bärenjagd ist wieder einmal eröffnet: Berlin steht ganz im Zeichen der 66. Filmfestspiele.

So viele Filme, so wenig Zeit. Das existenzielle Drama, das professionelle und nichtprofessionelle Festivalbesucher alljährlich durchleiden, lässt sich in diesem Satz subsumieren. Dabei, auch das ist ist jedes Jahr das Gleiche, schauen die Dinge vorher oft vielversprechender aus, als sie letztlich sind, und so manches lange Anstehen vor dem Kinosaal bereut man schon zehn Minuten nach Filmbeginn, wenn man, eingepfercht in eines der (fast) immer restlos vollen Multiplex-Kinos am Potsdamer Platz, zu überlegen beginnt, was man man alles stattdessen hätte machen können – ein ausgesprochen müßiger Gedankengang natürlich, denn wer kann schon garantieren, dass man in einem anderen Saal besser unterhalten, intellektuell mehr gefordert oder zumindest weniger enttäuscht würde. Wie auch immer, es ist angerichtet – die schiefe Gastronomie-Metapher hat bei der Berlinale durchaus ihre Berechtigung, denn mit Festivaldirektor Dieter Kosslick, einem bekennenden Slow-Food-Fan, kehrte das Kulinarische, als eigener Programmpunkt, bei den Filmfestspielen ein.

Das Auf- und Angebot der Berlinale ist jedenfalls denkbar groß, und sich durch den Filmdschungel eine persönliche Schneise zu schlagen, auf der man in den zehn Festivaltagen unterwegs sein will, gehört zu den unabdingbaren Notwendigkeiten. Kernstück ist der Wettbewerb, der die Journalistinnen und Journalisten schon frühmorgens aus den Betten und in den unschönen, aber zweckmäßigen Marlene-Dietrich-Palast treibt. Um 9 Uhr, so will es die Tradition, erklingt die Festivalfanfare, wenn der Film lang ist, dann auch schon mal früher. Eröffnet wird das Festival mit dem neuen Film der Brüder Joel und Ethan Coen. Hail, Caesar! ist eine Satire über bzw. Hommage an das Hollywood der fünfziger Jahre, in der Josh Brolin als „Fixer“ („der Mann fürs Grobe“) für das Capitol Studio alle Hände voll zu tun hat, die Entführung eines Hauptdarstellers (George Clooney), die Schwangerschaft eines Jungstars (Scarlett Johansson) und das mangelnde dramatische Talent eines singenden Cowboys (Alden Ehrenreich) vor den Klatsch-Kolumnistinnen Thora und Thessaly Tacker (beide: Tilda Swinton) geheim- und den Laden generell am Laufen zu halten. Der Film läuft außer Konkurrenz, ebenso wie etwa Spike Lees Chi-Raq, eine in Chicago angesiedelte zeitgenössische Paraphrase von Aristophanes‘ „Lysistrata“. Frankreich ist, wie bei Kosslick üblich, stark im Wettbewerb vertreten, allen voran mit André Téchinés Quand on a 17 ans (Being 17), dafür klagt die deutsche Branche – wie üblich – über die magere Präsenz des heimischen Kinos. Neben einigen Ko-Produktionen ist Anne Zohra Berracheds Schwangeren-Drama 24 Wochen mit Julia Jentsch tatsächlich der einzige „deutsche“ Film, der um den Bären ringen darf.

Neben festivalerprobten Namen – Thomas Vinterberg, Jeff Nichols, Mia Hansen-Løve, Denis Côté, Gianfranco Rosi, Danis Tanovic, Rafi Pitts – setzt Kosslick auch in diesem Jahr auf Außenseiter, die man, wie die Erfahrung lehrt, bei der Berlinale nie unterschätzen darf. Die Beiträge von Mani Haghighi aus dem Iran (A Dragon Arrives), Tomasz Wasilewski aus Polen (United States of Love) und Yang Chao aus China (Crosscurrent) sind – schon aus politischen Gründen – unbedingt zu beachten, zumal es sich, zumindest via Vorankündigung, um spannende Filme handeln dürfte. Der ungewöhnlichste Wettbewerbsfilm ist sicherlich Lav Diaz‘ A Lullaby to the Sorrowful Mystery, der mit 485 Minuten Länge (plus 60 Minuten Pause) nicht nur die prominent besetzte Jury unter Vorsitz von Meryl Streep an die Grenzen der Belastbarkeit bringen dürfte. Diaz macht sich in seinem Schwarzweiß-Epos auf die Suche nach dem philippinischen Freiheitshelden Andrés Bonifacio y de Castro und dem Mythos, der ihn umgibt.

Dennoch: Der gewiefte Festivalprofi weiß natürlich, dass die wahren Schätze meist nicht dort lagern, wo am lautesten geschrien wird, und gerade bei der Berlinale lohnt es sich immer – nach genauem Studium des Programmheftes natürlich – sich auch in die zahlreichen anderen Festivalsektionen zu begeben. Dort finden sich diesmal unter anderem auch die österreichischen Beiträge: Siegfried Fruhaufs meisterlicher Vintage Print läuft im Kurzfilm-Wettbewerb, Ruth Beckermanns Die Geträumten und Nikolaus Geyrhalters Homo Sapiens im Internationalen Forum, Händl Klaus’ Kater und Patric Chihas schöner Dokumentarfilm Brüder der Nacht, der in die Subkultur junger bulgarischer Roma in Wien eintaucht, im Panorama. Hervorzuheben ist sicherlich auch die diesjährige Retrospektive, die sich, jubiläumsbezogen, dem in Aufbruchsstimmung befindlichen Kino des Jahres 1966 in DDR und BRD widmet; unbedingt sehenswert die Hommage an Michael Ballhaus, der vor allem dank seiner Arbeiten für Rainer Werner Fassbinder und später Martin Scorsese als einer der größten Kameramänner der Gegenwart gilt.

Und à propos Filmgeschichte: Bei der Berlinale sind jedes Jahr mehrere Klassiker in sorgfältig restaurierten Versionen zu sehen, heuer etwa Fritz Langs Der müde Tod (1921) oder Ozu Yasujiros Bakushu (Weizenherbst, 1951). Das Österreichische Filmmuseum zeigt in Berlin Robert Beavers’ frühes Schlüsselwerk From the Notebook of … (1971/1998). Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Entstehung hatte Beavers seinen Film überarbeitet und vom 16mm auf 35mm übertragen – mit teilweise unbefriedigendem Ergebnis. Ausgehend von dieser „Fassung letzter Hand“ führte das Filmmuseum eine digitale Restaurierung durch, deren Resultat nun ebenfalls auf 35mm-Film vorliegt.