Ruben Östlund gewinnt seine zweite Goldene Palme, und Cannes feiert sich selbst. Ein Fazit.
Um eines gleich vorweg zu nehmen: Triangle of Sadness ist kein schlechter Film. Die neue Kapitalismus-Farce von Ruben Östlund spielt in der Welt der Mode, der Welt der Schönen und Reichen, und sie bringt im Laufe der Handlung etliche Gesellschaftskonflikte auf den Tisch. Das kann lustig sein, aber auch schnell unappetitlich werden, wie das bei bitterschwarzen Zeitgeist-Grotesken nun einmal so ist. Trotzdem kommt der diesjährige Gewinner der Golden Palme lange nicht an die Kunstbetriebs-Tragikomödie The Square heran, mit der der schwedische Regisseur 2017 erstmals den Hauptpreis gewann. Dass es jetzt mit einem Werk, das durchaus Ähnlichkeiten mit dem Vorgänger aufweist, gleich noch einmal geklappt hat, ist überraschend und unverständlich.
Natürlich sind Juryentscheidungen stets relativ und oftmals nicht immer ganz nachvollziehbar. Wahrscheinlich war Triangle of Sadness einfach der Film, auf den sich die Mitglieder der Jury, zu denen in diesem Jahr unter dem Vorsitz von Vincent Lindon unter anderem die Regisseure Joachim Trier, Jeff Nichols und Asghar Farhadi sowie die Schauspielerinnen Noomi Rapace, Rebecca Hall und Deepika Padukone gehörten, am ehesten einigen konnten. Einfach war die Wahl gewiss nicht. Vielversprechend auf dem Papier und unausgegoren auf der Leinwand entpuppte sich der von Thierry Frémaux und seinem Stab kuratierte 75. Wettbewerb; ein wildes Zusammenspiel aus Realität und Fiktion, High und Low, Arthouse und Genre, Polemik und Subtilität.
Von allem etwas und für jeden ein bisschen, schien deshalb heuer das Motto der Jury gewesen zu sein. Der Große Preis der Jury wurde gleich zweimal vergeben: Zum einen an Claire Denis’ atmosphärischen Thriller Stars at Noon. Zum anderen an das sensible Jugenddrama Close von Lukas Dhonts, das die Auszeichnung durchaus für sich allein verdient hätte. Warum man ausgerechnet hier teilen musste, darüber lässt sich nur spekulieren. Aber es scheint so, als wollte man unbedingt auch wieder einer Frau einen Preis geben und damit dem Versäumnis des Festivals entgegenwirken, das bei 21 Wettbewerbsfilmen erneut nur fünf Regisseurinnen eingeladen hatte, inklusive einer Doppelregie – also immer noch weniger als 25 Prozent. Nur hatte man die Palme für die beste Regie bereits an den südkoreanischen Regisseur Park Chan-wook vergeben. Sein stilistisch perfekt inszenierter Neo-Noir-Thriller Decision to Leave war beim Fachpublikum vorab als der große Favorit gehandelt worden. Wie dem aus sei, die Intention der Jury mag noch so vorbildlich gewesen sein, aber Preise derart beliebig unter den Filmschaffenden aufzuteilen, hilft weder dem Ansehen des Festivals noch dem Kino.
Auch der Preis der Jury ging überraschend an zwei Beiträge: Jerzy Skolimowski und seine insgesamt sechs Esel-Darsteller durften sich über die Ehrung des Tierdramas EO freuen, während der Belgier Felix van Groeningen, der gemeinsam mit der Schauspielerin Charlotte Vandermeersch das gelungene Bergdrama The Eight Mountains vorgelegt hatte, ex aequo ausgezeichnet wurde. Die Cannes-Lieblinge Jean-Pierre and Luc Dardenne erhielten obendrein für ihren mittlerweile festgefahrenen Sozialrealismus in Tori and Lokita einen Sonderpreis zur 75. Jubiläumsausgabe von Cannes.
Bei der Goldenen Palme für das beste Drehbuch konnte man sich glücklicherweise auf einen Preisträger einigen. Der im Exil lebende Ägypter Tarik Saleh wurde für seinen intensiven Verschwörungsthriller Boy from Heaven berücksichtigt. Und weniger fraglich waren auch die Schaupieler-Ehrungen. Hier wurde der koreanische Star Song Kang-ho als bester Darsteller für seine Leistung in dem Film Broker des japanischen Regisseurs Kore-eda Hirokazu ausgezeichnet, in dem es um ein paar koreanische Gauner und eine junge Mutter geht, die ein Zuhause für ein verlassenes Baby suchen. Vor drei Jahren hatte Song in Bong Joon-hos Parasite mitgespielt, der damals mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Im Fall der besten Hauptdarstellerin entschied man sich für die Iranerin Zar Amir Ebrahimi, die in Ali Abbasis Holy Spider eine furchtlose Journalistin verkörpert. In dem packendem True-Crime-Thriller begibt sie sich auf die Spur eines Serienmörders, der es auf Sexarbeiterinnen in der religiösen iranischen Stadt Mashhad abgesehen hat. Abbasi durfte seinen Film, der vor Gewalt nicht zurückschreckt, nicht im Iran drehen. Darin würde alles gezeigt, „was im Iran nicht gezeigt werden kann“, kommentierte Ebrahimi in ihrer Dankesrede den Umstand, dass man zum Filmen nach Jordanien ausweichen musste.
Es war ein launischer Wettbewerb, mit dem das Festival sein 75. Jubiläum feierte. Und es war ein Festival, das vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine stattfand, der lediglich kleinere Proteste auf dem Roten Teppich sowie einen Dialog über den Zweck des Kinos in Zeiten des Krieges auslöste. Aber von dem beeindruckenden Auftritt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der vor zehn Tagen während der Eröffnungszeremonie in einer Videoschaltung an die Filmbranche appellierte, war am Ende nicht mehr viel zu spüren. Zu schnell hatte man sich in Cannes wieder auf die alten Zeiten besonnen, in denen man sich ohne kriegerische Konflikte und ohne Pandemiebeschränkungen sorgenfrei dem Kino und seinen Stars widmen konnte. Das ging gleich kurz nach der Eröffnung mit Tom Cruise los, als zur Premiere von Top Gun: Maverick französische Kampfflieger über dem Palais des Festivals flogen, deren Kondensstreifen die Farben der französischen und der amerikanischen Flagge hinterließen. Und es fand seinen Höhepunkt während der minutenlangen Standing Ovations nach der Premiere von Baz Luhrmanns Elvis am vergangenen Mittwochabend. Doch auch wenn man ihn zu noch so gekonnt zu ignorieren versucht, rückt der Krieg deshalb noch lange nicht weiter weg.
Cannes versteift sich darauf, das wichtigste Filmfestival der Welt zu sein und hat damit ohne Frage Recht, nur um welchen Preis? Den obersten Rang und die Signifikanz zu behaupten, kostet viel Mühe und führt dazu, dass die besseren Filme immer häufiger in die Nebenreihen abgeschoben werden. Während man im Wettbewerb das mit Stars besetzte Autorenkino feiert, kommen in den Sektionen Un Certain Regard und Quinzaine des Réalisateurs die unterschiedlichsten und spannendsten Spielarten des Kinos in einer unhierarchischen Anordnung zum Zug. Sogar die einzelnen Werke wechselten in diesem Jahr oft ihr Genre, ihr Tempo, ihre Form, ihren Ton. Marie Kreutzers Corsage ist so ein Film, der mit vielen Facetten aufwartet und sie gekonnt in Szene zu setzen versteht. Auch der Gewinnerfilm in der Sektion Un Certain Regard, Joyland, ein queeres pakistanisches Drama über Begierde gehört dazu. Woran es dem Wettbewerb in Cannes mangelt, ist die Konzentration auf das Wesentliche: ein starkes Programm, das nicht nur auf dem Papier was her macht, sondern auf der Leinwand seine wahre Kraft zum Ausdruck bringt.
