Nach einem Jahr Corona-Pause präsentierte das Locarno-Festival unter seinem neuen Leiter Giona A. Nazzaro eine 74. Ausgabe, die sich sehen lassen kann.
Wer hätte schon gedacht, dass sich das Kino trotz Corona und erschwerter Produktionsbedingungen fantasievoller und prächtiger präsentieren würde als in den Jahren davor? Und das unverhofft auf einem der kleinsten unter den bedeutsamsten europäischen Filmfestivals! Das ist nicht unerheblich das Verdienst des neuen Festivalleiters Giona A. Nazzaro, der mit gutem Geschmack und einer überfälligen Kursänderung in Locarno für sich einnimmt: Statt sperrigen und ratlos stimmenden Produktionen, die in der Ära seines Vorgängers Carlo Chatrian vielfach den Wettbewerb dominierten, setzte er auf eine kluge, ausgewogene Mischung aus populärer und anspruchsvoller Filmkunst. Sehr sympathisch wirkte bei alledem die – im Vergleich mit anderen Festivals – weit weniger restriktive konzeptionelle Ausrichtung, die jedem die Teilhabe an einem Kinobesuch ohne Vorlage eines Impf-, Test – oder Genesenen-Zertifikats zugestand. Nur zu den Premieren unter freiem Himmel auf der beliebten Piazza Grande, die mehr als tausend Menschen Platz bietet und im Zeltkino Fevi, wo ähnliche Größenverhältnisse herrschen, bedurfte es eines solchen Nachweises.
Eine besonders ausgeprägte künstlerische Handschrift offenbarte das russische Drama Medea, das jedoch von der Jury unbeachtet blieb. Das mag damit zu tun haben, dass sich die heutige Adaption von Regisseur Alexander Zeldovich nur bruchstückhaft an die antike Tragödie anlehnt und von einem Emanzipationsverständnis getragen ist, über das sich angesichts einer Heldin, die sich von einem sexuellen Abenteuer ins nächste stürzt, streiten lässt. Faszinierende, surreale Landschaften in Cinemascope, eine kühne Experimentierfreude, spannungsgeladene Einzelszenen und eine elegisch-meditative Musik von großer Sogkraft, einstudiert von Stardirigent Teodor Currentzis, machen diesen Film aber zu einem außergewöhnlichen Kinoerlebnis. Den Goldenen Leoparden für den besten Film gewann indes die mit deutschen Koproduktionsgeldern finanzierte indonesische Komödie Vengeance is Mine, All Others Pay Cash auf der weiten Skala von unterhaltsam bis künstlerisch hochwertig eher am unteren Ende zu verorten. Bei aller Sympathie für die unerschrockene, mit Bärenkräften gesegnete Heldin, die keine Mühe hat, omnipotente Kämpfer niederzuringen, spießt dieser Film doch, inspiriert von Kung-Fu-Filmen, recht simpel Macho-Klischees auf.
Gerade im Hinblick auf starke Frauenfiguren ließen sich in allen Sektionen weitaus apartere Persönlichkeiten entdecken, allen voran die zur besten Hauptdarstellerin gekürte Anastasiya Krasovskaya, in deren nachdenklichem Gesicht all die Zumutungen geschrieben stehen, die das Leben ihr zwischen familiärer Gewalt und käuflichem Sex in der russischen Provinz aufbürdet. Trotz permanenter Konfrontation mit verkrachten Existenzen und heruntergekommen Orten wirkt Gerda jedoch weniger knallhart als zahlreiche andere Sozialdramen um junge ausgebeutete Frauen im osteuropäischen Prostituiertenmilieu, dies dank einer metaphysischen Note, die Natalia Kudryashova in ihre Geschichte einbringt. Mehr als einmal wird ihre leidgeprüfte Heldin zu einem rettenden Engel. In einer besonders drastischen Szene bändigt sie mit dem Gesang eines schlichten Kinderliedes eine Horde wild gewordener, nackter Männer, die sich erbarmungslos auf eine Kollegin stürzen wollten, die gerade vor ihren Augen schwer narkotisiert zusammengebrochen ist.
Wie es sich anfühlt, von einem erwachsenen Mann sexuell nur benutzt zu werden, erfährt auch die Protagonistin in der leisen Studie Niemand ist bei den Kälbern, wenngleich unter gänzlich anderen Vorzeichen. Mit vielsagenden Blicken und Gesten, die ihr im Nebenwettbewerb „Filmemacher der Gegenwart“ eine Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin eintrugen, lotet Saskia Rosendahl die Befindlichkeiten und ungestillten Sehnsüchte einer jungen Frau aus, die der Alltag auf einem Bauernhof anödet. Schon lange nicht mehr war übrigens das deutsche Autorenkino in Locarno mit einem vergleichbar starken Beitrag vertreten, eigentlich hätte diese überzeugende Romanadaption in den gewichtigeren internationalen Wettbewerb gehört.
Aber nicht allein der Nachwuchs wartete in Locarno mit großer Schauspielkunst auf, sondern in Gestalt von Sabine Azéma auch eine Grande Dame des französischen Kinos. An ihrer Schweizer Landadeligen, um deren Gunst nach Ende des Ersten Weltkriegs zwei heimatlos gewordene junge Rotkreuzschwestern rivalisieren, entzündet sich die Geheimnishaftigkeit in dem vielschichtigen Psychodrama La Place d’une autre. Der Überlebenskampf der einen Kandidatin, die sich zulasten der Anderen immer tiefer in eine falsche Identität hineinschwindelt, wirkt in seiner Folgenhaftigkeit allein schon abgründig, vor allem aber aus der Ungewissheit und der Undurchschaubarkeit seiner Schlüsselfigur bezieht der Krimi seine Spannung: Wie lange vermag die Lüge eine zarte Frauenfreundschaft zu nähren?
Doch nicht zum ersten Mal bevorzugte die Jury für den Regiepreis mit Abel Ferraros Paranoia-Thriller Zero and Ones ein Werk, das mit seiner verklausulierten Erzählweise Kontroversen auslöst. Nachvollziehbar erschien der Spezialpreis der Jury für den chinesischen Beitrag A New Old Play. Am Beispiel eines Opernsängers und ausschließlich mit Theater-Szenen lässt er die gesamte Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert mit magischer Poesie Revue passieren. Auch das Programm auf der Piazza Grande, wohin sich in früheren Jahren im Hinblick auf den gewünschten Unterhaltungswert vielfach bedeutungsloser Trash verirrte, ließ sich so Manches an Filmkunst entdecken, was der großen Leinwand Ehre macht.
Die deutsch-österreichisch-schweizerische Koproduktion Monte Verità von Stefan Jäger, die mit prächtigen Tessiner Landschaften und der berührenden, subtilen Geschichte einer weiblichen Selbstfindung in Künstlerkreisen im beginnenden 20. Jahrhundert aufwartet, war eine dieser Perlen.
Vor allem aber auch Hinterland, eine eigenwillige Genre- Mischung aus Thriller, Krimi und Gesellschaftsdrama von Stefan Ruzowitzky, die auf der Piazza seine Weltpremiere erlebte und den Publikumspreis gewann, erfreute sich eines großen Zuspruchs. Der österreichische Film wurde ganz und gar vor einer Blue Screen gedreht, die meisten Schauplätze von einem seltsam entrückten historischen Wien in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entstanden am Computer. Unverkennbar erinnern die Bauten, die schief und schräg in den Himmel wachsen, an alte, expressionistische Filme wie Das Cabinet des Dr. Caligari, Dr. Mabuse oder M – Eine Stadt sucht einen Mörder, von denen sich der Regisseur inspirieren ließ. Das passt freilich zu einer düsteren Handlung, in der es um einen Serienmörder geht und die mit einem gänzlich desillusionierten Kriegsheimkehrer, den niemand mehr braucht, eine ähnliche Thematik aufgreift wie Wolfgang Borcherts Theaterstück Draußen vor der Tür.
Und dann zeigte Locarno mit Vortex, der jüngsten Arbeit des Franzosen Gaspar Noé noch ein Meisterwerk, das für jeden, der es in Cannes, wo es wenige Wochen zuvor seine Weltpremiere erlebte, noch nicht gesehen hatte, alleine schon die Reise nach Locarno lohnte. Auch wenn man es ausgerechnet auf der Piazza wegen seiner Schwerverdaulichkeit vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte. Vorausgeschickt sei, dass dieser Film nicht so radikal und provokativ daherkommt wie man es von früheren Arbeiten des Regisseurs gewohnt ist.
Zu erleben ist hier vielmehr eine ungemein berührende Geschichte, die ein ähnliches Sujet aufgreift wie Michael Hanekes preisgekröntes Drama Liebe oder auch Florian Zellers einfühlsames Porträt The Father. Wieder geht es um Menschen, die, nachdem sie – wohl situiert und frühere beruflich einmal in guter Stellung- im hohen Alter nicht mehr alleine zurechtkommen, aus nachvollziehbaren Gründen aber den Weg in ein Pflegeheim scheuen. Hier ist es wie bei Haneke ein altes Ehepaar. Er ist Filmkritiker und schreibt noch Bücher, leidet aber an schweren Herzproblemen, Sie, die selbst früher einmal Ärztin war, ist an Alzheimer erkrankt, verirrt sich oft in falschen Geschäften und leidet darunter, aufgrund ihrer Absenzen anderen zur Last zu fallen. Und weil eine Kommunikation zwischen den beiden kaum mehr möglich ist, lässt Noé ihren desolaten Alltag in einer Split Screen nebeneinander herlaufen. Das wirkt anfänglich irritierend, wirkt aber trotz der langen Laufzeit von 142 Minuten konsequent.
Alles in allem zeigte sich Locarno ein Jahr vor seiner Jubiläumsausgabe zum 75. bestens aufgestellt. Giona A. Nazzaro erweist sich als der bessere Mann für Locarno.
