Vienna-Calling

Filmstart

Vienna Calling

| Ania Gleich |
Von Subkultur zur Unkultur

Wer in der Tschickwolke von sogenannten Szenelokalen wie dem Schmauswaberl den Wiener Lokalkolorit finden möchte, muss laut Philipp Jedicke nur dem Grind folgen. Dann, so die Annahme des deutschen Regisseurs, werde man umgehend vom Wiener Schmäh begeistert sein. Vienna Calling will als filmisches Porträt die Subkultur zeigen, zeichnet dabei aber eher ein Bild der Großstadt, das sich zwischen der Karikatur vergangener Zeiten und einem Durcheinander von vermeintlichen Szene-Größen verläuft. Dabei wäre der musikalische Untergrund Wiens spannend – vorausgesetzt man weiß, wo man suchen muss. Leider monotonisiert der Blick aus Deutschland die Realität, und bleibt im Dunst des Kunstnebels hängen. Mit wenigen Ausnahmen.

Der Nino aus Wien und Voodoo Jürgens hocken im Atelier und singen Wolfgang Ambros. Lydia Haider nickt ernst, während Samu Casata bedeutungsschwanger ein Gedicht vorträgt. Gutlauninger aka Nikolaus Vuckovic saugt im goldenen Anzug grinsend seinen Garten. Dazwischen zerstört Kerosin95 aka Kem Kolleritsch im Hochzeitskleid ein Schlagzeug auf einem Betonfeld, während EsRap aka Esra und Enes Özmen den Yppenplatz aufmischen. Ab und zu fliegt eine Drohne über die Donauinsel oder durch die Unterführung des Wienkanals, einfach weil es geht. Natürlich hat auch Stefanie Sargnagel einen Cameo-Auftritt und erzählt irgendwas über Wien oder so. Bald merkt man: Der Fleckerlteppich, den Jedicke hier als ein diverses Wien-Porträt vorstellen will, passt nicht ganz zusammen. Gegen die junge Musikszene, die gerade seit Covid zwischen Gürtellokalen und anderen Wiener Konzertvenues floriert, ist Vienna Calling ein bisschen in der Zeit stehen geblieben.

Die Schmauswaberl-Clique wirkt ähnlich verstaubt wie die Gewinner des Amadeus-Awards 2023 und die Einbeziehung von Kerosin95 oder EsRap in diesem Kontext seltsam erzwungen. Wer die FM4-Charts rauf und runter hört, könnte mit dem Film trotzdem richtig liegen. Ein Glück, dass EsRap den Altwiener Schrammeln mit „Tschuschistan“ etwas entgegensetzen, und mit ihrem Witz die verschlafene Beislstimmung lockern. Die Wirtshauskultur zwischen Weidinger und Alt Wien gehört zwar auch zu Wien, aber den Untergrund einzig zwischen Gösserdosen und Aschenbechern zu suchen, ist dann doch zu kurz gefasst. Der Schmäh, den Jedicke in seinem Grind entdeckt haben will, wirkt in Wiener Augen nicht zeitgemäß, sondern peinlich. Bis auf wenige Lacher ist man nach etwas mehr als achtzig Minuten froh, dass es vorbei ist.