Die Viennale zeigt ein exklusives Programm an brasilianischen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen verschiedener Epochen, Genres und Generationen. Angesichts der Bedrohung der Filmkultur durch den rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro gewinnt die lange Tradition eines Kinos des Widerstands und der Utopien wieder eine dringliche Aktualität.
Brasilien brennt. Seit Monaten steht der Amazonas in Flammen, aber erst vor Kurzem wurde eine internationale Debatte um den Klimaschutz und das Mercosur-Abkommen entfacht, die den Blick verstärkt auf das größte südamerikanische Land lenkte. Abgesehen davon, dass der Präsident Jair Bolsonaro aus wirtschaftlichen Gründen die Abholzung des Regenwaldes und die Vertreibung der indigenen Bevölkerung fördert (manche Beobachterinnen und Beobachter sprechen von einem langsamen Genozid), hat er seit Beginn seiner Amtszeit innenpolitisch ebenfalls einige erschreckende Entwicklungen angestoßen, welche die Kulturarbeit erschweren und filmische Produktionen gefährden; Maßnahmen, die bislang weltweit weniger wahrgenommen wurden, die jedoch nicht weniger die reaktionäre Agenda Bolsonaros verdeutlichen.
Im Januar hat er beispielsweise das Kultusministerium geschlossen und zu einem Referat im neu gegründeten „Ministério da Cidadania“ (Ministerium für Bürgerschaft) degradiert. Daraufhin griff er vehement in die Filmförderung ein, indem er die durch das sogenannte Rouanet-Gesetz, das heißt über Steuern finanzierte Fördersummen für einzelne Projekte, drastisch deckeln ließ. Somit müssen Filmproduktionen oder Festivals nun mit einschneidend weniger Geld zurechtkommen, wenn sie überhaupt noch mit einer staatlichen Förderung rechnen können. Denn mittlerweile mischt sich Bolsonaro auch inhaltlich in die Vergabe der Gelder der Ancine, der Agência Nacional do Cinema (Nationale Kinoagentur) ein. Vor allem Werke, die sich mit sexueller Freizügigkeit, mit Geschlechtervielfalt und LGBT-Themen beschäftigen, möchte der Evangelikale, der aus seinem Hass gegen Minderheiten kein Geheimnis macht, nicht unterstützen.
Land in Trance
Hatte sich das Land spätestens ab dem Amtsenthebungsverfahren gegen die Präsidentin Dilma Rousseff im Jahr 2016, während der Zeit des Interimspräsidenten Michel Temer und bis zum beweisarmen Prozess gegen den ehemaligen Präsidenten Lula schon in ein surreales politisches Schauspiel verwandelt (siehe hierzu gegenwärtig auch die sogenannten „Lava Jato-Leaks“ der Enthüllungsplattform The Intercept um den Journalisten Glenn Greenwald), so zeigte sich rasch nach der Machtübernahme, dass der Hardliner seine Wähler nicht enttäuschen wollte. Am 31. März ließ Bolsonaro den 55. Jahrestag des Putsches gegen den damals demokratisch gewählten Präsidenten João Goulart mit militärischen Würden feiern. Dieser Staatsstreich leitete 1964 eine Militärdiktatur ein, die bis 1985 dauerte und zu zahlreichen Verschleppungen, zu Folter und Todesopfern führte. Bis heute wurden diese Verbrechen rechtlich nicht aufgearbeitet, was vor allem an einem Amnestiegesetz und am andauernden Einfluss des Militärs liegt, dessen Taten vertuscht und bis heute nicht aufgeklärt wurden.
Unter Kultur versteht Bolsonaro vor allem die des Militärs und der Streitkräfte. Unter seinen Ministern sind sieben Generäle. Und da er selbst Reservist im Rang eines Hauptmanns ist, ist es nicht verwunderlich, dass er einen gruseligen Geschichtsrevisionismus betreibt. Denn seiner Ansicht nach ist die Militärdiktatur eine Erfindung der Linken. Ihm zufolge muss man sich diese vielmehr als eine hart durchgreifende Demokratie vorstellen, mit der einst der drohende Kommunismus abgewehrt wurde. Bolsonaro versucht sich eine alternative Geschichte zurechtzubiegen, in der Brasilien vom Militär errettet wurde und feiert berüchtigte Folterer wie Carlos Alberto Brilhante Ustra als Helden. Und dabei hat er mittlerweile auch das Kino für seine Propaganda entdeckt: im Oktober veranstaltet seine Partei PSL die erste „Mostra de filmes militares“ (Festival des Militärfilms) in der Cinemateca Brasileira in São Paulo, einem der größten Filmarchive Lateinamerikas.
Regression und Renaissance
Das Filmemachen war in Brasilien für viele unabhängige Regisseurinnen und Regisseure schon immer eine abenteuerliche Angelegenheit. Eine Filmindustrie mit Studiosystem und mit einer geregelten Distributionspolitik konnte sich nie richtig entwickeln. Nach den erfolgreichen Zeiten des Cinema Novo, des politischen Films ab Ende der fünfziger Jahre, und den kommerziellen Erfolgen der Produktionen der brasilianischen Filmgesellschaft Embrafilme in den 1970er und 1980er Jahren brach die Filmproduktion Anfang der Neunziger nahezu vollständig zusammen. Nach 21 Jahren Militärdiktatur wurde die Amtszeit des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Fernando Collor de Mello (1990–1992) zu einem der schlimmsten Abschnitte der brasilianischen Filmgeschichte.
Damals wurden kulturelle Einrichtungen wie die Filmgesellschaft Embrafilme geschlossen, und erst ein neues Lei do Audiovisual (Gesetz für das Audiovisuelle), das 1993 in Kraft trat, führte wieder zu einem Anstieg der Produktionen, der sich über mehrere Jahre erstreckte und der als „Retomada do Cinema Brasileiro“ (Wiederaufnahme des brasilianischen Kinos) bezeichnet wurde. Erst dank des Aufkommens der Nationalen Kinoagentur und durch neue Förderprogramme konnten preisgekrönte Filme wie Walter Salles’ Central do Brasil (Central Station, 1998) entstehen; oder Cidade de Deus (City of God, 2002) von Fernando Meirelles und Kátia Lund, vermutlich der international bekannteste brasilianische Film, der durch seinen Erfolg die Phase der Renaissance beendete.
Seitdem fällt der brasilianische Film kontinuierlich durch seine Vielfältigkeit auf, auch wenn er nicht unbedingt kommerziell erfolgreich ist und viele Produktionen nur auf Festivals gezeigt werden. Aber thematisch und ästhetisch ist Brasilien zweifellos eine der außergewöhnlichsten Kinokulturen der Welt. Zuletzt zeigte sich das auch bei den Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2019, bei denen zum einen A Vida invisível de Eurídice Gusmão (The Invisible Life of Eurídice Gusmão, 2019) von Karim Aïnouz den „Prix Un Certain Regard“ erhielt, zum anderen wurde Bacurau (Nighthawk, 2019) von Juliano Dornelles und Kleber Mendonça Filho, der u.a. schon mit Aquarius (2016) brilliert hatte, mit dem Preis der Jury geehrt.
Politik und Marginalität
Auch heute ist das unabhängige brasilianische Kino oftmals eine politische Angelegenheit, auch wenn es keine vergleichbaren Zusammenschlüsse von Regisseuren gibt wie zu Zeiten der Cinema-Novo-Bewegung der sechziger Jahre. Damals, zu Beginn der Militärdiktatur, konnten kritische Künstler wie der berühmteste politische Regisseur Glauber Rocha mit einem eigenständigen ästhetischen Ansatz zunächst international Erfolge feiern. Aufgrund von Zensur und Verfolgung musste er jedoch schließlich ins Exil gehen.
Die Viennale 2019 bietet mit ihrem Brasilienprogramm einen gut kuratierten Überblick über mehrere Jahrzehnte einer unabhängigen Filmproduktion. Dieser beginnt chronologisch mit dem Samba-Drama Rio, Zona Norte (Rio, Northern Zone, 1957) von Nelson Pereira dos Santos, der Vorreiter und Vorbild für viele politische Filmemacher der Sechziger war, die im Kampf gegen die Diktatur und das übermächtige Hollywood nach einem eigenen Stil und nach originären Themen eines nationalen Kinos suchten. Dabei überspringt die weitere Auswahl der Viennale die Phase, die bereits als fester Kanon eines politischen Kinos gesichert ist, und neben anderen auch die Werke Glauber Rochas – und das ist gut so. Denn stattdessen sind einige weniger wahrgenommene und wiederentdeckte Werke einer nicht derart explizit politischen Bewegung zu sehen, die als „Cinema Marginal“, als Udigrudi (Underground) oder auch als „Cinema de invenção“ (Jairo Ferreira), das heißt, als erfinderisches Kino bezeichnet wurde. Hier wird O Jardim das Espumas (1971) von Luiz Rosemberg Filho gezeigt, der in diesem Jahr verstarb, sowie A Opção – ou: As Rosas da Estrada (The Option – or: The Roses on the Highway, 1981) von Ozualdo Ribeiro Candeias, der aufgrund seines Films A Margem (The Margin, 1967) als Pionier des Cinema Marginal gilt.
Dokumentation und Fiktion
Die Hälfte des Programms ist dem dokumentarischen Film gewidmet. Zum einen sind hier Werke wegweisender Regisseure zu sehen, die sich zu Zeiten der Diktatur mit widerständigen Figuren beschäftigten. So drehte Eduardo Coutinho mit Cabra marcado para morrer (Man Marked for Death) 1964 im Nordosten einen der wichtigsten Dokumentarfilme der brasilianischen Filmgeschichte, in dem er dem Leben des ermordeten Bauernführers João Pedro Teixeira nachspürt; ein Projekt, das durch den Militärputsch unterbrochen wurde und das er erst 1981, kurz vor Ende der Diktatur, fortsetzen konnte. Leon Hirszman hingegen porträtiert in ABC da Greve (ABC of a Strike, 1990) den Generalstreik der Metallarbeiter im Jahr 1979, bei dem sich der spätere Präsident Lula als Anführer hervortat. Zum anderen wollen die Dokumentarfilme ebenfalls marginalen und randständigen Bevölkerungsgruppen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Sie interessieren sich für Gefangene in der einst größten Haftanstalt Südamerikas (O Prisioneiro da Grade de Ferro/Prisoner of the Iron Bars, Paulo Sacramento, 2003), für die Indigenen, die aus ihren Reservaten vertrieben werden (Serras da Desordem/The Hills of Disorder, Andrea Tonacci, 2006), für Straßenkinder (Número zero, Cláudia Nunes, 2010), für die Bewegung der Landarbeiter ohne Boden, die von Bolsonaro zu Feinden der Nation erklärt wurden (Chão/Landless, Camila Freitas, 2019), für Bedienstete in wohlhabenden Häusern (Santiago, João Moreira Salles, 2007) oder für Jugendliche, die in der urbanen Peripherie aufwachsen wie A Vizinhança do Tigre (The Hidden Tiger, Affonso Uchoa, 2014).
Widerständiger Sex und Science Fiction
Aber auch zwischen den fiktionalen Beiträgen lassen sich einige Gemeinsamkeiten und Verbindungslinien beschreiben. Zum einen wäre das eine gewisse Ästhetik des Widerstands, die sich durch künstlerische, performative, anarchische und auch orgiastische Bilder auszeichnet. In Madame Satã (Karim Aïnouz, 2002), Jovens infelizes ou um Homem que grita não é um Urso que dança (Young and Miserable or a Man Screaming Is Not a Dancing Bear, Thiago B. Mendonça, 2016) und Vando vulgo Vedita (Vando aka Vedita, Leonardo Mouramateus, Andréia Pires, 2017) sind es individuelle wie kollektive, nach Utopien suchende Außenseiter und die unerträgliche Leichtigkeit einer queeren Sinnlichkeit, die gegen Konventionen, Gewalt und Repression protestieren. Dabei sticht das Schwulendrama Nova Dubai (New Dubai, 2014) hervor, in dem der Regisseur Gustavo Vinagre zwischen Dokumentation und Fiktion selbst vor die Kamera tritt und den tristen Baustellen eines grauen Immobilienprojekts eruptive pornografische Bilder entgegenhält. Und auch in Permanências (Ricardo Alves Júnior, 2010) geht es um eine Beschäftigung mit engen Architekturen, in denen kaum mehr Raum für Menschen und Affekte bleibt.
Zum anderen greifen manche Filme auf futuristische Genreansätze und auf alternative Realitäten zurück, um die Dystopie einer politischen und moralischen Tyrannei zu bekämpfen. In Era uma vez Brasília (Once there was Brasilia, Adirley Queirós, 2017) reist ein intergalaktischer Agent auf den Planeten Erde, mit der Mission, im Jahr 1960, am Eröffnungstag der neuen Bundeshauptstadt Brasília, den Präsident Juscelino Kubitschek zu töten – landet dann jedoch im Jahr 2016, dem Jahr des Impeachments der Präsidentin Dilma, das hier zur Szenerie einer zeitgenössischen Postapokalypse wird. In der Roadmovie-Komödie Sol alegria (Tavinho Teixeira, Mariah Teixeira, 2018) kämpft eine exzentrische Truppe von Außenseitern mithilfe militanter Nonnen in einer alternativen Gegenwart gegen eine Militärjunta und die bevorstehende Apokalypse. Und im Kurzfilm Plano controle (Juliana Antunes, 2018) möchte die Protagonistin Marcela im Jahr 2016 das Land mithilfe des futuristischen Reisediensts „Teleslim“ verlassen, der sie jedoch nicht nach New York, sondern zunächst in das weniger glanzvolle Viertel „Nova York“ am Rande der Großstadt Belo Horizonte beamt; und der sie schließlich auf eine bunte Zeitreise-Odyssee durch eine mediale Wirklichkeit schickt.
Horror mit Horror bekämpfen
In den brasilianischen Filmen der Viennale wird über die Jahrzehnte hinweg die Auseinandersetzung mit repressiven, reaktionären Mächten deutlich. Zugleich ist erkennbar, dass viele Filmschaffende auch heute noch an eine utopische Kraft des Kinos glauben. Das Filmemachen in Brasilien ist im gegenwärtigen audiovisuellen Klima weiterhin eine politische Angelegenheit, der Widerstand immer noch eine Frage ästhetischer Mittel und von Gegen-Bildern, wobei oftmals versucht wird, die surreale Wirklichkeit mit Genreelementen zu verarbeiten.
Dabei soll auch der Film Trabalhar cansa (Hard Labor, 2011) von Marco Dutra und Juliana Rojas nicht unerwähnt bleiben, der auf subtile Weise mit Horror und Mystery spielt. Solches lässt sich in einigen Produktionen der letzten Jahre beobachten, wie zum Beispiel in dem fabulösen O Som ao Redor (Neighboring Sounds, Kleber Mendonça Filho, 2012), Mate-me por favor (Kill Me Please, Anita Rocha da Silveira, 2015) oder in Dutras und Rojas jüngstem gemeinsamen Film As boas Maneiras (Good Manners, 2017).
Viele brasilianische Filmschaffende leisten den aktuellen autoritären Entwicklungen auf sehenswerte wie inspirierende Weise Widerstand; eine Opposition, die nicht immer entschieden politisch ist, sondern vielmehr als Wahrnehmungspolitik verstanden werden muss. Dankenswerterweise ist das Kino immer noch der Ort, der einen differenzierten Blick auf dieses wunderbare Land mit seiner vielschichtigen, bunten, faszinierenden Kultur bietet; ein Brasilien, das einem aktuell aufgrund der Nachrichten nur wie ein schlechter Film vorkommen kann.
