Ang hupa

Viennale 2019

Snake Eyes

| Oliver Stangl |
Die diesjährige Viennale im kompakten Überblick.

Ein Festival, bei dem es einfach nur um Film geht? Oder eine Komposition mit Querbezügen und Leitthemen? Wenn man sich Aussagen und Aussendungen der Festival-Leiterin Eva Sangiorgi anhört bzw. durchliest, könnte man zum Schluss kommen, dass beides seine Richtigkeit hat. Bei der sommerlichen Pressekonferenz sprach die Direktorin davon, dass es einfach um Film gehe, in den Presseunterlagen ist von einem „Organismus, in dem ein jedes Element im Dialog mit den anderen steht, und dessen Bedeutung immer auch im Detail und in den Einzelteilen steckt“, die Rede. Die Schlange, das diesjährige Festivalsujet (im Vorjahr war es ein Flamingo), steht nach Viennale-Eigeninterpretation unter anderem für ständige Verwandlung und durch die Art ihrer Bewegung auch für das Kino. In vielen Punkten bleibt man aber dem Konzept treu, das der 2017 verstorbene Hans Hurch über viele Jahre so erfolgreich durchgezogen hat: große Namen treffen auf Neuentdeckungen.

Ein großer Name ist zweifellos der Filipino Lav Diaz, der sich mit seinem neuen Werk Ang hupa (276 Minuten) in den Bereich der Science-Fiction vorgewagt hat. Wie gute Science-Fiction nun mal so ist, sind kritische Bezüge zur Gegenwart nicht zu übersehen: Im Jahr 2034 wird Südostasien von größenwahnsinnigen Politikern regiert. Aufgrund vulkanischer Eruptionen gab es drei Jahre lang kein Sonnenlicht auf der Erde mehr zu sehen, was zu Todesfällen und Leid geführt hat. Wie immer bei Diaz ist das keine leichte Kost, aber ein magnetisches Filmerlebnis, wenn man sich darauf einlässt. Der aktuelle Film des politisch engagierten Regisseurs stieß bereits in Cannes auf positives Echo und wurde z.B. mit Godards Alphaville verglichen.

Stammgäste auf den renommierten Filmfestivals dieser Welt sind auch die Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne: In Le Jeune Ahmed, der in Cannes mit dem Regiepreis prämiert wurde, porträtieren sie einen jungen radikalisierten Muslim, der nach einem Messerangriff auf eine „sündige“ Lehrerin in einer Besserungsanstalt landet – und dort weiterhin an seinem Mordplan festhält. Allein aufgrund des Themas hat Le Jeune Ahmed das Zeug zu einem der kontroversesten Filme des diesjährigen Festivals. Auch die Kritik war gespalten: Sahen die einen eine spannende Auseinandersetzung mit dem radikalen Islam, war er anderen zu oberflächlich. Somit eine gute Gelegenheit, sich vor dem offiziellen Kinostart eine Meinung zu bilden. Wie Lav Diaz werden auch die Dardennes Wien besuchen.

Musik spielt auch bei dieser Viennale wieder eine (vor allem dokumentarisch) wichtige Rolle. Auf dem Programm steht diesmal unter anderem der Aretha-Franklin-Film Amazing Grace, der eine spannende Produktionsgeschichte aufzuweisen hat: Regisseur Sydney Pollack (1934–2008) filmte 1972 ein Konzert der legendären Soul-Diva, doch ein technisches Malheur machte das Material unbrauchbar – Bild und Ton waren nicht synchron. 2007 fielen die Rechte an Regisseur Alan Elliott, der die Aufnahmen mit digitaler Technik reparierte, doch Franklin wollte nun ihrerseits keine Veröffentlichung des Materials und erzwang ein gerichtliches Aufführungsverbot. Erst nach dem Tod der Sängerin konnte Amazing Grace aufgeführt werden – für Franklin-Fans ein Muss, gelingt es doch dem Film, die Aura und die Intensität der Sängerin einzufangen. Wer sich eher für Rockmusik interessiert, kann auch ruhigen Gewissens zusehen, denn unter den Konzertgästen lassen sich unter anderem Mick Jagger und Charlie Watts ausmachen. Weitere Namen im Viennale-Programm, die Cineasten erfreuen dürften, sind Agnès Varda, Seamus Murphy oder Pedro Costa.

Einen dokumentarisch spannenden Blick auf das Gesundheitswesen in Mexiko wirft Midnight Family von Luke Lorentzen: Der Regisseur folgt der Familie Ochoa, die in einer wohlhabenden Gegend von Mexiko City einen privaten Rettungsdienst betreibt. Das Geschäft ist hart, die Familie muss mit Non-Profit-Organisationen konkurrieren und sich dabei finanziell selbst über Wasser halten. Gelingt dies, ohne dass die Patienten auf der Strecke bleiben? Zur zentralen Figur des ebenso packenden wie persönlichen Films wird dabei der 17-Jährige Juan, der die Familie zusammenhält und Leben rettet.

Die neue Reihe „Monografien“ stellt Filmschaffende in den Mittelpunkt, deren Filme meist kein allzu großes Publikum erreichen: 2019 vertreten ist hier die Deutsche Angela Schanelec, die auch persönlich nach Wien kommen wird. Eine weitere Reihe ist dem Franzosen Pierre Creton unter dem Titel „Die Erde bestellen, filmen“ gewidmet. Ebenfalls gezeigt werden Werke des hierzulande noch unbekannten Tunesiers Ala Eddine Slim, der sich etwa in seinem Dokumentarfilm Babylon mit dem Arabischen Frühling und dessen Auswirkungen befasst. Die Reihe „Historiografien“ zeigt Werke, die erst kürzlich in Archiven gefunden wurden.

Die Retrospektive des Festivals, traditionell in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum konzipiert, stellt 2019 ein filmhistorisches Genre in den Mittelpunkt, das vor allem in den sozialistischen Staaten Europas von den vierziger bis in die achtziger Jahre vertreten war: „O partigiano!“ widmet sich dem hierzulande wenig bekannten Partisanenfilm.

Das österreichische Filmschaffen ist diesmal unter anderem mit Elsa Kremsers und Levin Peters Space Dogs, einer essayistisch-dokumentarischen Annäherung an die Kosmonauten-Hündin Laika, dem Daniel-Spoerri-Porträt Dieser Film ist ein Geschenk von Anja Salomonowitz, Jessica Hausners Biotech-Drama Little Joe (Schauspielpreis für Emily Beecham in Cannes) und Sabine Derflingers dokumentarischem Porträt Die Dohnal über die legendäre Feministin und SPÖ-Frauenministerin vertreten.