Partisanen Filme

Viennale 2019

Widerstandskino

| Barbara Wurm |
Die Retrospektive von Viennale und Filmmuseum widmet sich mit einer groß angelegten Reihe von Partisanen-Filmen aus ganz Europa dem (film)historischen Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Figuren des Widerstands Platz auf der Leinwand und Zeit im Kino zu widmen, ist schon grundsätzlich nicht verkehrt. Aktuell allerdings scheint dies mehr denn je geboten, nicht nur und besonders in den Nachfolgestaaten des so genannten „Dritten Reichs“ und damit auch in der schönen res publica Österreich, wo falsch verstandene Neutralitätsforderungen im gesellschaftlichen Diskurs verhindern, das rechte Pack bei seinem Namen zu nennen. Nationalismus und Autoritarismus haben sich als populistische Werte weitflächig festgesetzt. Die großen global players sind allesamt betroffen, in Europa auch kleinere, nicht zuletzt solche des ehemaligen geopolitischen Ostens. Die Film-Schau „O partigiano! Pan-European Partisan Film“ arbeitet diesem Trend entgegen und sorgt dabei auch filmhistorisch für Aufklärung, im Zeichen internationaler Solidarität.

Achtzig Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs erinnert die vom Österreichischen Filmmuseum organisierte Viennale-Retrospektive daran, wie etliche Teile und Menschen Europas ihre Nachkriegsidentität aus eben diesem, dem Widerstand gegen den Faschismus, bezogen haben. Das Kino der Jahrzehnte vom – wie er in der sowjetischen Diktion heißt – Großen Vaterländischen Krieg bis zum Ende der Staatssozialismen hat dabei keine geringe Rolle gespielt und besonders eine Gestalt prominent gesetzt, die bereits als narrative Leitfigur des Russischen wie des Spanischen Bürgerkriegs etabliert war: die des Partisanen.

Den Kern der Schau bilden so zwei Kinematografien, für die der Partisanenfilm so prägend war wie der Partisanenmythos allgemein für die Kulturen: die sowjetische und die jugoslawische, beide multinationale bzw. -ethnische Staatsgebilde, letzteres dabei quasi aus der Partisanenbewegung heraus gegründet. Von insgesamt 41 Filmen sind folgerichtig 14 aus Ex-Jugoslawien und acht aus der Ex-UdSSR – zur Auswahl hätten freilich Dutzende mehr gestanden, darunter zwei Härtetests des Weltkinos aus dem Mutterland des Partisanenfilms, die zudem dem (inhaltlich durchaus gerechtfertigten) virilen Look des Genrefeldes ein paar Frauenaspekte verpasst hätten: Fridrich Emlers Ona zašccaet rodinu (She Defends her Motherland, 1943) durch eine hartgesottene Protagonistin und Larisa Šepit’kos Klassiker Voschozdenie (The Ascent, 1976) durch eine nicht minder toughe Lady als Regisseurin.

Doch umschifft die Retrospektive vielleicht allzu Bekanntes und setzt eher auf eine Mischung aus kanonischen und nicht etablierten Werken, wodurch nicht nur Wiederentdeckungen möglich werden – wie im Fall des sowjetischen Kinos von Mark Donskojs Raduga (Rainbow, 1944), der ja dann doch einer einfachen Partisanin als Unbeugsamer trotz äußerster Nazi-Quälerei ein Denkmal setzt. Auch absolute Entdeckungen gibt es in der Schau zu machen: Sovist (Consciousness) etwa, in der Regie der gesamten Kiever Studierenden-Gruppe des langjährigen Dovzenko-Assistenten Volodymyr Denisenko, ein Meisterwerk des expressiv-poetischen ukrainischen Films, 1968 entstanden, nicht zugelassen, und erst Jahrzehnte später gezeigt. Donskojs Hardcore-Naturalismus rund um eine Mutter, die für den großen Sieg ihres Heimatlandes alles verliert (und das mit einer Selbstverständlichkeit, die Eier hat) steht mit Consciousness ein elliptisch erzählter und vor allem in Bildgestaltung und Montage gezielt artifizieller Film gegenüber. Im Spannungsfeld zwischen Sozrealismus (1944) und (Spät-)Tauwetter (1968) wird eine wesentliche Verschiebung des Partisanen-Diskurses deutlich, vom unhinterfragten (auf absolutem Hass gründenden) Todesmut zum einsetzenden existenzialistischen Zweifel: Während die Raduga-Heldin Olena Kostjuk, der die Hitler-Schergen vor ihren Augen den Säugling ermorden, um dann zu Vergewaltigung und Folter an ihrem eigenen Leib zu schreiten, zur Verkörperung erfüllter Durchhalteparolen wird, finden in Denisenkos modernistischer Fuge Reflexion, Trauer und Ohnmacht einen Ort. An die Stelle neorealistischer Nazi-Terror-Schilderungen tritt in Consciousness viel Schweigen, formal-ästhetisch in Fragmente und Tableaus gesetzt. Die Fabel ist simpel (ein ukrainischer Partisan ermordet einen Wehrmacht-Offizier, das gesamte Dorf muss büßen), die Geschichte hochkomplex. Es blieb E˙lem Klimovs Idi i smotri (Come and See, 1985) vorbehalten, diesen jedes Vorstellungsvermögen überschreitenden Gewaltorgien psychologisch noch eins draufzusetzen; hier landen alle endgültig im Wahnsinn. Ein Partisanen- als Anti-Kriegsfilm, wie er seinesgleichen sucht.
Schon die acht Sow-Filme – vier davon noch in den vierziger Jahren, teilweise während des Krieges entstanden – stecken aber nicht nur die narrativ-diskursiven Grenzen des kommunistischen Widerstandskinos ab, sie entfalten auch seine imposante Genre-Vielfalt (und das bereits zur Stunde Null): Dem Begründer des Genres, Ivan Pyryevs Sekretar’ rajkoma (The District Secretary, 1942), der den Einklang von Partei und Volk, Direktive und Kollektiv beschwört, steht mit Boris Barnets in Vergessenheit geratener Perle Slavnyj malyj (A Good Lad, 1942) eine surreale Operette im kammerspielartigen Fallschirm-Wäldchen gegenüber. Come and see!

Die großen Hämmer des Genres stammen freilich aus dem Land Titos, des Stalin-Abtrünnigen, wobei Kurator Jurij Meden
Akzente setzt. An der Seite der drei von Staatsseite dirigierten bosnischen Blockbuster, die als internationale jugoslawische Superproduktionen in die Filmgeschichte eingegangen sind und nicht nur mit Star-Ensembles von Orson Welles (als Ober-Cetnik) und Richard Burton über Sergej Bondarcuk und Yul Brynner bis hin zu Curd Jürgens, Hardy Krüger und Franco Nero punkten, sondern auch die entscheidenden Partisanen-Schlachten im Großformat re-performieren – Kozara (1962), Bitka na Neretvi (The Battle of Neretva, 1969), beide unter der Regie von Veljko Bulajic, sowie Sutjeska (Battle of Sutjeska, R. Stipe Delic 1973) –, kristallisieren sich einzelne Regienamen heraus, die die Teilrepubliken der Föderation ebenso abdecken wie die unterschiedlichsten Filmstile und -sprachen.

Chronologisch macht hier das slowenische Triglav-Film-Studio Ljubljana den Anfang, wo 1955 der aus der Gottwald-Tschechoslowakei via BRD geflüchtete Geierwally-Regisseur František Čáp ein melodramatisches Noir-Kleinod schuf, Trenutki odloitve (Moments of Decision), einen Film, der in der Figur eines Arztes die Gespaltenheit einer ganzen Nation aufzeigt und damit auch zu einem überraschend frühen Verweis darauf wird, dass Kollaboration mit den Nazis für weite Teile der Bevölkerung Routine war und nach der Machtübernahme von Titos Partisanen im Handumdrehen brutal, durch Exekution, bestraft wurde.

Von Cˇáps Suspense-Kino lassen sich innerhalb des Programms drei Take-Offs in verschiedene Richtungen machen. Erstens verweist Moments of Decision zurück auf Cˇáps eigenes Meisterwerk der tschechischen Phase, Mui bez kídel (Man without Wings, 1946), eine Auseinandersetzung mit jenen Vergeltungs-Massakern, die die Nationalsozialisten im Anschluss an die „Operation Anthropoid“ – das Heydrich-Attentat also – in den Ortschaften Lidice und Lezáky anrichteten. Zweitens steht Cˇáps Schaffen auch mit dem Werk des Wegbereiters des slowenischen Kinos, France Štiglic, in Bezug, das gleich mit zwei Filmen vertreten ist: dem wunderbar tragischen Dolina miru (Valley of Peace, 1956) – wo der amerikanische GI Jim, mit dunkler Hautfarbe (John Kitzmiller), die beiden Kriegswaisen Lotti und Marko rettet und sich selbst opfert – sowie Balada o trobenti in oblaku (The Ballad of the Trumpet and the Cloud, 1961), einem weiteren chef-d’œuvre des expressionistischen Nachkriegskinos, mittlerweile aufgrund seines akuten Halluzinationsalarms auch als früher Jugo-Psycho-Horror wiederentdeckt.

Drittens öffnet sich mit Moments of Decision auch jene für das erste Nachkriegsjahrzehnt so bestimmende Spannbreite zwischen den dokumentarorientierten neorealistischen Klassikern des Résistance-Films – René Cléments La Bataille du rail (The Battle of the Rails) oder Roberto Rosselinis Roma città aperta (beide 1946) – und den vom Film noir inspirierten Werken, allen voran der einzige Film der Retrospektive, bei dem eine Frau (Ko-)Regie führte: Bodil Ipsens und Lau Laritzens De røde enge (The Red Meadows, 1945), einer „stylish gem of modesty, grit and glory made with a wonderful feeling of urgency and dedication“, um Olaf Möller, den Experten des fennoskandinavischen Filmschaffens, zu zitieren.

Ein Film noir vom Feinsten ist auch Branko Bauers Ni okreci se, sine (Don’t Look Back, My Son, 1956), an den wiederum das international zu wenig registrierte filmische Arsenal des kroatischen Partisanenfilmers par excellence, Antun Vrdoljak, anzuschließen wäre, der, lange bevor er aktuell mit einem so teuren wie überflüssigen Epos über General Gotovina (General, 2019) Naserümpfen erntete, Kad cuješ zvona (When You Hear the Bells, 1969) und U gori raste zelen bor (The Pine Tree in the Mountain, 1971) drehte, großes, realistisches Genrekino.

Weitere Abzweigungen sind möglich und notwendig, um die faszinierende filmhistorische Bandbreite des paneuropäischen Projekts „O partigiano!“ zu würdigen. Da trifft man dann auf die Italiener – u.a. Loy, Maselli, Gentilomo oder Valentino Orsinis Corbari (1970), mit Giuliano Gemma in der Hauptrolle des sich dem Ordnungs- und Gehorsamseid der Partisanenkollektive verweigernden Anarcho-Helden. Man holt herausragende Einzelarbeiten nach – wie den traurig-griechischen Beitrag“ Ouranous (Glory Sky, 1962, Regie: Takis Kanellopoulos) oder den schnörkellos-albanischen Nusja dhe shtetrrethimi (The Bride and the Curfew, 1978, Regie: Kristaq Mitro und Ibrahim Muçaj). Wo immer man sich auch hinwendet, ob zu den polnischen Meistern Munk und Wajda oder den slowakischen Pal’o Bielik und Stanislav Barabáš, oder (nie ein Fehler) dem schon damals unumstrittenen Maître des jugoslawischen (serbischen) Kinos, Zivojin Pavlovic´ – der mit Hajka (Manhunt, 1977) das vielleicht realistischste Porträt echten Partisanen-daseins und mit Nasvidenje v naslednji vojni (Farewell Until the Next War, 1980) das garantiert nachdenklichste schuf –, landen sollte man auf jeden Fall und immer wieder beim Kultfilm des Genres: Hajrudin Krvavac’ Valter brani Sarajevo (Valter Defends Sarajevo, 1972).

Am Ende der Reise wird man dann wissen, welcher der beiden Superhelden des Partisanenkinos Velimir „Bata“ Zivojinovic´ und welcher Ljubiša Samardic ist (ob man freilich wissen wird, wer Valter ist …?). Man wird China verstehen und warum es angeblich immer noch „Valter“-Bier trinkt. Man wird eine Menge Spaß haben, schöne Schnulzen hören und etliche Tränen vergießen. Man wird aber hoffentlich auch den Guerillakrieg zu würdigen lernen, den unsere europäischen Vorgänger heldenhaft oder auch jenseits der Heldenkampf-Folien gekämpft haben. Und sich vielleicht daran erinnert fühlen, was notwendig ist, um dem Faschismus (damals wie heute) Einhalt zu gebieten.

www.filmmuseum.at