Viennale – Am Rande der Gesellschaft

Am Rande der Gesellschaft

| Oliver Stangl |

Filme von Außenseitern und Porträts über Unangepasste bilden einen Schwerpunkt im diesjährigen Viennale-Programm.

Mit 16 begann er Popmusik zu machen, mit 18 war er Millionär, mit Mitte 20 hatte er die Welt des Pop revolutioniert: Phil Spector, Erfinder des legendären „Wall of Sound“-Aufnahmeverfahrens und Produzent von Künstlern wie The Ronettes, The Righteous Brothers, Tina Turner oder den Beatles. Ein Leben, das an sich bereits genug Stoff für einen Dokumentarfilm hergeben würde – wenn Spector nicht 2009, nach mehreren verschobenen Prozessen, wegen Mordes an einer
B-Movie-Schauspielerin zu 19 Jahren Haft verurteilt worden wäre. Filmemacher Vikram Jayanti führte 2007, während des ersten Prozesses, für die BBC ein Exklusivinterview mit dem Waffennarren, der auch im Aufnahmestudio gern mit der Knarre herumfuchtelte. Für den Film verband der Regisseur das Interview mit dem Prozessgeschehen sowie dokumentarischem Material aus Spectors musikalischem Werdegang. Das Ergebnis ist mit The Agony and the Ecstasy of Phil Spector (2009) das faszinierende Charakterporträt eines egomanischen (von der Anklage als psychopathisch beschriebenen) Exzentrikers, der seine Leistungen mit denen Leonardos, Michelangelos oder Galileos vergleicht und sich als geborener Außenseiter beschreibt, für den es zwar Alleinsein, aber keine Einsamkeit gibt: „Loneliness is a state of mind“. Immer wieder betont Spector den Kunstcharakter der von ihm produzierten Werke und wird nicht müde, Anerkennung für den von ihm kreierten Sound, der der Popmusik eine unvergleichliche orchestrale Qualität verlieh, einzufordern. Abgesehen davon sei er ohnehin wichtiger als etwa Bob Dylan. (Im Bildhintergrund ist meist der berühmte weiße Flügel aus John Lennons „Imagine“-Video präsent; lobende Lennon-Aussagen über den Spector-Sound kommen im Interview ebenfalls zuhauf vor.) Der Prozess – Spector behauptet, die unter Depressionen leidende Schauspielerin habe mit seiner Waffe Selbstmord verübt, die Staatsanwaltschaft ging von Mord aufgrund sexueller Verweigerung aus – ist für ihn das Werk rechter Kräfte, die sich für das Jahr 1968 rächen wollen. Dennoch schimmert bei allem Eigenlob und aller Tragik immer wieder Selbstironie hervor, etwa wenn Spector eine der bizarren Perücken, die er während des Prozesses trug, als Hommage an Einstein verstanden wissen will. Darüber hinaus erweist sich der Mann als begnadeter Erzähler, der ebenso amüsante wie spannende Geschichten aus dem Showbusiness vorträgt. (So hätte er etwa Martin Scorseses künstlerischen Durchbruch mit einem Aufführungsverbot für dessen Film Mean Streets, in dem Spectorsongs ohne Erlaubnis zu hören waren, verhindern können.) Der Film fasziniert gerade dadurch, dass er Spector viel Raum zur Selbstdarstellung einräumt; vor allem in den Passagen, in denen er über Kindheitstraumata wie den Freitod des Vaters spricht – „When your father blows his head open it’s not funny, it leaves a scar on you.“ – oder die Angepasstheit seiner Schulkollegen, die er verachtete, entsteht das Bild eines Zurückgewiesenen, der gerade aus der Ablehnung der Gesellschaft seine kreativen Schübe bezog: „You keep trying harder“, sagt Spector und vergleicht sich mit Miles Davis oder Duke Ellington, die aufgrund ihrer Hautfarbe härter arbeiten mussten – und kreative Triumphe feiern konnten. Jayanti sorgt für interessante Kontraste aus treibenden Musikbeats und statischen Bildern, indem er vom Interview immer wieder auf Fernsehbilder des Mordprozesses schneidet, die mit Spector-Hits von „Be My Baby“ bis zu „You’ve Lost That Lovin’ Feelin’“ unterlegt sind – Textinserts analysieren dabei die Qualitäten der Musik. Der grandiose, wahrhaft geniale Soundtrack zu einer tragischen Geschichte.

Ill be seeing you

Charakterporträts wie dieses kann man sehr oft bei der diesjährigen Viennale entdecken. Wie ein roter Faden ziehen sich dokumentarische, aber auch fiktionale Arbeiten um die Themengebiete Außenseitertum, Unangepasstheit und gesellschaftlicher Autismus durch die Filmauswahl. Eine gute Möglichkeit also, Einblick in die Gedankenwelt von Menschen zu nehmen, die sich nicht sonderlich um Konventionen scheren – oder aufgrund ihrer Lebensweise keine andere Wahl haben, als außerhalb der Gesellschaft zu leben.

So porträtiert etwa der Oscar-Preisträger Leon Gast (When We Were Kings) mit der überaus unterhaltsamen Arbeit Smash His Camera (2010) einen Mann, der in den Siebziger Jahren zu den meistgehassten Menschen Amerikas gehörte: den Paparazzo Ron Galella. Galella scheute keine Unannehmlichkeiten, um Prominente von Frank Sinatra bis Jack Nicholson abzulichten, versteckte sich hinter Hecken (in die er auch gern mal Gucklöcher schnitt) oder bestach Wachleute. Auch als Marlon Brando ihm ob seiner Beharrlichkeit fünf Zähne ausschlug, ließ Galella sich nicht beirren – und trug von da an stets einen Footballhelm, wenn er sich dem Schauspieler näherte. Das biedere Einfamilienhaus, das er in New Jersey mit seiner Frau bewohnt (im Garten befinden sich etwa ein Dutzend Ehrengräber, in denen die Hasen des Paares bestattet sind) steht in starkem Gegensatz zu der Welt des Glamours, die ihn so zu faszinieren scheint. Egal ob Yul Brynner oder Frank Sinatra, Galella kriegte sie alle, freiwillig oder unfreiwillig, vor das Objektiv. Kristallisationspunkt seiner Obsession war Jackie Kennedy-Onassis, die er im Film als seine „Mona Lisa“ bezeichnet und mit der er eine Art Fernbeziehung über die Kamera führte. Jackie O. fühlte sich von Galella derart bedrängt, dass sie vor Gericht ging – und erreichte, dass der selbsternannte „Paparazzo No. 1“ sich ihr nur noch in einem Abstand von siebeneinhalb Metern nähern durfte. Dass Galella sich selbstverständlich nicht daran hielt,  sorgte dafür, seinen Ruf als Stalker zu zementieren. Die Passagen, die Galellas Liebe zu Jackie zeigen, gehören zu den spannendsten des Films, behandeln sie doch den Konflikt zwischen Privatsphäre und dem Recht auf Informationsfreiheit. Galella hatte jedoch nicht nur Feinde: Andy Warhol bezeichnete ihn als seinen Lieblingsfotografen, weil er die Berühmten bei profanen Dingen ablichtete. Gast lässt Befürworter, die Galella als Pionier der Straßenfotografie sehen, ebenso zu Wort kommen, wie jene, die weniger schmeichelhafte Bezeichnungen für ihn übrig haben, woraus sich ein aufschlussreicher Diskurs über Fotokunst entspinnt. Mittlerweile ist Galella, in dessen unterirdischem Archiv Millionen von Bildern lagern, in der Gesellschaft angekommen: Mehrere Bildbände mit seinen Fotografien sind bereits erschienen. In einer der letzten Szenen des Films wird jedoch auch deutlich, dass Galellas Fotos ein temporäres Phänomen darstellen, das von der Kenntnis des Subjekts abhängt: Ein junges Mädchen wandert durch eine seiner Ausstellungen und erkennt kaum einen der abgelichteten Prominenten, sei es Steve McQueen oder Brigitte Bardot. Als am Ende Françoise Hardy & Iggy Pop auf der Tonspur des Films den wehmütigen Evergreen „I’ll be seeing you“ intonieren, während Galella mit einem Sandwich und umgehängter Kamera hinter der Absperrung eines Roten Teppichs sitzt, ist das ebenso rührend wie ironisch, wird der Text zur Hymne aller Stalker.

Ein großer Außenseiter des US-Kinos ist zweifellos Regisseur und Drehbuchautor Larry Cohen, der stets für ungewöhnliche, schwer einzuordnende Filme gut ist und dem die Viennale ein Tribute widmet. God Told Me To (1976) etwa ist eine eigenwillige Mischung aus Horror und Sci-Fi, in der ein religiöser Cop eine Serie von Amokläufen aufklären soll: „God told me to“, sagen alle Täter, bevor sie selbst das Zeitliche segnen. Steckt ein selbsternannter Messias hinter der Sache oder zürnt Gott der dekadenten Gesellschaft? Cohen gelingt mit suggestiven Straßenaufnahmen, Musik und unruhiger Kamera das Porträt einer Welt, die aus den Fugen ist. Der in den Siebziger Jahren populäre „Dokumentarstil“ wird hier zu einem treibenden Element des Horrors. Bis hin zum bizarren Showdown – hier soll nichts verraten werden – stellt sich jedenfalls immer dringlicher die Frage, ob der religiöse Ermittler oder eine vom Glauben abgefallene Welt das eigentliche Zentrum des Wahnsinns sind.

Der Thriller Best Seller (John Flynn, 1987), zu dem Cohen das Drehbuch schrieb, spannt zwei Einzelgänger zu einem ungleichen Team zusammen. Ein Cop (Brian Dennehy) soll als Ghostwriter die Biografie eines Killers (James Woods) niederschreiben und sucht mit diesem die Orte seiner Kindheit auf. Das Ergebnis ist großes Schauspielerkino im Gewand eines packenden, böshumorigen Psychoduells, garniert mit Dialogperlen wie: „A man can be dangerous when he doesn’t care about money.“

Trügerisches Idyll

Viele der ausgewählten Filme kreisen um Menschen, die sich von der Gesellschaft isoliert fühlen, und viele der Filmemacher wählen als Stilmittel die statische Kamera, die Bilder innerer Erstarrtheit vermitteln: Im Film Agua fria de mar (2010) etwa, der im landschaftlich paradiesischen Costa Rica spielt, parallelisiert die argentinische Regisseurin Paz Fabrega die Schicksale eines kleinen Mädchens, das in ärmlichen Verhältnissen lebt und einer jungen Frau aus besserem Haus, die sich auch im Kreis ihrer Lebensgefährten und ihrer Freunde einsam fühlt. Beide verbindet die Sehnsucht nach Ausbruch aus ihrem unmittelbaren Umkreis. Das Mädchen versucht dies mit Lügengeschichten über den Unfalltod ihrer Eltern und über eine erotische Beziehung zwischen sich und ihrem Onkel zu erreichen, die sie der jungen Frau bei einer Begegnung am Strand erzählt. Die Frau versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, und kommt so mit der Welt außerhalb des Hotels in Berührung. Gestörte Kommunikation, das Unvermögen, einander zuzuhören, spiegelt sich hier vor allem im Umgang mit den Kindern. Die Regisseurin will den Film denn auch als „Studie über die innere Einsamkeit, über Momente der Isolation und den daraus resultierenden Schmerz, egal ob man sieben oder dreiundzwanzig ist“ verstanden wissen. Auch im Film Guerra Civil des Portugiesen Pedro Caldas steht die idyllische Landschaft im Gegensatz zum Seelenleben der Protagonisten; der Regisseur geht dem Schicksal einer disfunktionalen Familie vor allem anhand des unter Kontaktschwierigkeiten leidenden Sohnes nach.

Ein Special ist dem Filmemacher Denis Côté gewidmet, der mit geringen finanziellen Mitteln in wenigen Jahren einen recht beachtlichen Werkkörper realisieren konnte und zweifellos zu den wichtigsten kanadischen Regisseuren der Gegenwart zählt. Sein Spielfilm Curling (2010) kreist um einen autistisch anmutenden Außenseiter, der seine zwölfjährige Tochter in der Provinz von Quebec von der Außenwelt abschirmt, ihr Schulbesuch und soziale Kontakte untersagt. Doch in das scheinbar ereignislose Leben der beiden treten bald bedrohliche Geschehnisse. Die Tochter entdeckt im nahen Wald Leichen und der Vater findet einen schwer verletzten Jungen auf der nächtlichen Straße. Côté erklärt die mysteriösen Ereignisse jedoch nicht, setzt auch bei der Geschichte von Vater und Tochter auf Auslassung und Fragmentierung. Der Zuseher wird zum genauen Hinsehen und Nachdenken (über die Ereignisse ebenso wie über die Lücken) herausgefordert. Formal erinnert der Film an die strengen Bildkompositionen Michael Hanekes, inhaltlich gibt es leichte Anklänge an die Exzentrität der Coen-Brüder (die Bowlingbahn, in der die Hauptfigur arbeitet, lässt an The Big Lebowski denken, die verschneite Landschaft an Fargo). Der Titel bezieht sich dabei auf den Wintersport, der im Laufe der Handlung eine wichtige Funktion für einen der Protagonisten bekommt. Auf dem Filmfestival von Locarno erhielt Curling den Preis für die Beste Regie. In Our Private Lives (2007), der formal wie ein Urlaubsvideo mit unruhiger Handkamera gefilmt ist (Dogma 95 lässt grüßen), besucht ein Bulgare seine ebenfalls aus Bulgarien stammende Chatbekanntschaft in Quebec. Sie verbringen ein paar Wochen in bewusster Abgeschiedenheit in einer Hütte, besuchen nur hin und wieder eine Stadt. Nachdem sie anfangs viel Spaß haben, setzt ein Entfremdungsprozess ein. Bedrohlich-bizarre Ereignisse verlagern den Schwerpunkt des Films schließlich in Richtung Psychohorror. Côtés Filme haben meist einen Turning Point, der eine einfache Einordnung seiner Filme verhindert. Man kann diese Turning Points als geniale Kunstgriffe begreifen, oder als überdeutlich und spekulativ; formal virtuos gestaltet und von der Thematik her interessant sind sie allemal. Côtés bislang wohl beeindruckendster Film ist über weite Strecken dokumentarisch: Der Protagonist aus Carcasses (2009) hat Ähnlichkeit mit der David Lynch-Figur Eraserhead, auch hält er sich in einer ähnlich desolaten Umgebung auf. Auf einem eigentlich naturbelassenen Gelände betreibt Jean-Paul Colmor einen Handel mit den Ersatzteilen desolater Autos – 4.000 stehen in Colmors Wäldchen herum und rosten vor sich hin. Colmor ist ein Messie, der sich seiner Sammlersucht bewusst ist, sie genießt und sich damit ein unabhängiges, ruhiges Leben finanziert. „Es ist schön, so verrückt zu sein.“ Ruhig, mit statischer Kamera und Tableaus, die ein seltsames Idyll zwischen Birkenwäldchen und Autowracks enstehen lassen, beobachtet Côté den geregelten Alltag Colmors, der nur manchmal von Fotografen oder Kunden gestört wird. Das wäre ein schönes Porträt über einen Außenseiter, doch nimmt der Film nach der Hälfte eine Wendung und vermischt das Geschehen mit fiktionalen Elementen. Hier soll jedoch nicht zu viel verraten werden: Sehen Sie selbst.

Weiters bringt die Viennale unter anderem einen Tribute an den legendären französischen Kameramann William Lubtchansky und zeigt ein Special mit den Arbeiten des österreichischen Experimentalfilmemachers Siegfried A. Fruhauf.