Viennale Blog 11

„The Iron Ministry“ – eine Dokumentation über die chinesische Gesellschaft

| Lisa Gasser |

Ein Film voller Höhen und Tiefen. Dieser Satz ist wortwörtlich auf zwei verschiede Arten zu verstehen.
Der erste Kontext: Der Film beschreibt anhand von verschiedenen Zugfahrten den Unterschied zwischen Arm und Reich in China. Hier, nur durch eine Wand aus Blech getrennt, prallen zwei Extreme aufeinander.
Auf der einen Seite hat man die „Unterschicht“, die sich freut, wenn sie ihr Essen bezahlen können, geschweige denn ein Zugticket oder die Miete für ihre Wohnung. Die Menschen schlafen auf einem schmutzigen Gang eines Zuges, nebeneinander, wie die Sardinen in der Dose. Sie legen ihre Waren aus, bestehend aus rohem Fleisch, gekochtem Fleisch, Innereien sowie Gemüse. Sie rauchen, sie trinken.
Auf der anderen Seite die „Oberschicht“ Chinas, in Anzügen. Ihr Zugabteil ist das komplette Gegenteil. Die Gänge sind sauber, jeder hat einen Sitzplatz und in der Nacht ein Bett. Ein Einzelbett mit Leintuch, Bettdecke und Kopfpolster.
Es ist gigantisch, wie frontal hier die Welten aufeinander krachen.
Interessant ist zu beobachten, wie der Alltag im Zug funktioniert. Um die Mittagszeit, wenn die Ärmeren am Gang sitzen, während die Versnobten im Speisewagen residieren, kann man völlig unterschiedliche Mentalitäten beobachten. Die einfachen Leute nehmen den Kameramann wie selbstverständlich auf und bieten ihm von ihrem hart erarbeiteten Essen an. Im Speisewagen heißt es: „No filming allowed!! Stay out!“
In seinem Film versucht Regisseur J. P. Sniadecki, die Hoffnungen und Träume von Menschen einzufangen, die unterschiedlicher nicht sein können. Sei es, dass er den Wunsch nach einem eigenen Hauses dokumentiert oder den Traum einer Frau, die gerne woanders als in einer Fabrik arbeiten würde. Oder Leute, die sich nur eines wünschen: Frieden.
Zwischen Höhen und Tiefen, die sich aus den Geschichten der Passagiere ergeben, weiß auch der Zuseher nicht so recht, ob man diese Fahrt genießt oder nicht. Gleich zu Beginn bleibt die Leinwand komplett schwarz, der einzige Sinneseindruck kommt durch die Ohren: ein unangenehmes Geräusch wie aus einer Fabrik, das immer lauter wird. Dieses Geräusch wird für den Rest des Filmes immer nur dann kurz weichen, wenn die Stimme des Interviewers aus dem Off ertönt, was leider viel zu selten vorkommt. Auch 20 Minuten nach Ende des Filmes kann man das Geräusch noch hören. Gleich an diese Szene anschließend, sieht der Betrachter rund drei Minuten lang den Dehn-Falz eines Zuges. Immer wieder fährt die Kamera diesen Falz entlang.
Die Geschichten werden allerdings sehr langatmig erzählt, und es gibt in diesem Film äußerst wenige Schnitte, dafür aber (konsequenterweise) sehr viele Kameraschwenks. Allmählich wird es anstrengend, diesen verschwommenen Bildern zu folgen, andererseits arbeitet der Regisseur auch mit dieser Verschwommenheit. Immer wieder filmt er ganz bewusst einen Tunnel von innen. Einen Tunnel mit Lichtstreifen auf der Seite, und dann taucht der Zug ganz aus dem Tunnel auf. Doch da kommt schon der nächste Tunnel.
Man kann sehr viele, vom Regisseur versteckte Elemente finden, die nachdenklich machen, zum Beispiel über den Ist-Zustand einer Zwei-Klassengesellschaft, und man wird dazu angeregt, über einen idealeren (?) „Könnte-vielleicht“-Zustand zu philosophieren.
Die gleichen Szenen, wie wir sie in diesem Zug in China sehen, spielen sich eigentlich auch täglich in unserem Land ab, auch hier in Wien. Wie oft geht man an Bettlern vorbei und denkt nicht darüber nach? Übersieht einfach dieses klaffende Loch zwischen uns „Reichen“ und jenen, die nichts haben? Es ist interessant und beunruhigend zugleich, durch einen Film aus der Distanz darüber verwundert zu sein und – zumindest für die Dauer dieser Reise zum Beispiel – zu denken, dass es das bei uns nicht gibt.

Zweite Vorführung: 30. Oktober, 14.30 Uhr, Metro, Eric-Pleskow-Saal