Viennale Blog 15

| Noah Albrecht |

Plemya (The Tribe) ist ein erbarmungsloser Film. Regisseur Miroslav Slaboshpitsky führt uns in 130 Minuten eine Welt ohne gesprochene Sprache vor. Man folgt einem jungen gehörlosen Protagonisten, der sich in einem ukrainischen Internat für Taubstumme meldet, zu welchem er versucht den richtigen Zugang zu finden. Im ganzen Film lernt man keine Namen kennen und wer mit der Gebärdensprache nicht vertraut ist, dem bleibt der nähere Kontakt zu den Charakteren und ihrer Denkweise anfangs versperrt. Nachdem man sich jedoch an diese Art der Kommunikation gewöhnt hat, wird es immer leichter der Handlung zu folgen, auch ohne die Dialoge im Detail zu verstehen. Durch die alternative Erzählweise des Films wird man dazu motiviert, aktiv mitzudenken und eigene Erklärungen für das Geschehen auf der Leinwand zu finden.

Slaboshpitsky zeigt uns eine Schule, an der nach dem Gesetz des Stärkeren gelebt wird. Der Hauptdarsteller gerät kurz nach seiner Aufnahme in Kontakt mit organisierten Verbrechern unter den Schülern, erweist sich in einem ungleichen Kampf als stark genug und wird aufgenommen. Damit lernt er ein Konstrukt von Prostitution und Gewalt kennen. Zwei hübsche Mädchen aus der Schule werden regelmäßig in der Nacht zu einem abgelegenen LKW-Parkplatz gebracht und feilgeboten. Bald wird klar, dass sie durch das Versprechen motiviert sind, das Land auf diese Weise verlassen und woanders ein neues Leben anfangen zu können. Der eben aufgenommene Junge wird eingeteilt, sie zu den LKWs zu fahren und verliebt sich in eines der beiden Mädchen. Slaboshpitsky benutzt fast keine Musik, um die langen starren Aufnahmen zu unterstützen, wodurch andere Geräusche eine noch stärkere Wirkung bekommen. Das zeigt sich besonders, wenn die sonst kalten stummen Charaktere, emotional stark auf ihre Umwelt reagieren. In diesen Fällen kann ein Keuchen, unterstützt von wilden Gebärden, wie Mark erschütterndes Brüllen klingen. Aber nicht nur Wut bekommt durch die Stille ihren Raum. In einer der schlimmsten und geräuschvollsten Passagen des Films ist eine der beiden Prostituierten in einer erschreckend realistischen Abtreibungsszene zu sehen – eine unglaubliche schauspielerische Leistung. Während sie hilflos von den Fäden des Schicksals gefesselt dasitzt, wird ihr auf primitive Art das Leben aus dem Leib geritzt.

Plemya ist ein lauter Film. Ähnlich wie die taubstummen Menschen auf der Leinwand hört man kein Wort und fühlt sich auf gewisse Weise selbst irgendwann taub. Denn die Lautstärke des Films beruht nicht etwa auf der physischen, sondern vielmehr auf der psychischen Ebene. Unentwegt malt der Regisseur ein Bild von Gewalt, welches den Zuschauer anschreit und quälend mitfühlen lässt. Besonders das Schicksal der Mädchen wird in dieser Welt schockierend dargestellt. Sie müssen ihre Körper regelmäßig verkaufen, Spaß an ihrer Arbeit zeigen, mit Vergewaltigung rechnen und sich schließlich selbst um die unerwünschten „Nebenwirkungen“ kümmern. Für die Schwächsten ist in einer so harten Welt kein Platz. Die psychische Lautstärke wird am Ende noch einmal besonders deutlich, obwohl die gewalttätige Schluss-Szene nicht mehr wirklich überrascht. Plemya ist ein Film über die Grausamkeit des Menschen. Ein Film, der zeigt, zu welcher Gewalt der Mensch fähig ist.