Viennale-Blog 27

Sickfuckpeople

| Marie-Theres Feichtner |

Der junge ukrainische Filmemacher Juri Rechinsky folgte für seinen Film Sickfuckpeople drei Jahre lang intensiv dem Leben von ukrainischen Straßenkindern. Langsam und behutsam näherte er sich an und versuchte, Teil ihrer Gruppe zu werden. Nach einiger Zeit hatte er sich den nötigen Respekt erarbeitet und durfte sie in ihrem Alltag mit seiner Kamera begleiten.
Gleich am Anfang des Filmes sieht man die fröhlichen Gesichter der Jugendlichen, zwischen 14 und 20 Jahren jung. Scheinbar zufrieden mit ihrem Leben in dieser kleinen Gemeinschaft auf der Straße, erzählen sie von sich selbst und man entdeckt, dass der fröhliche Schein trügt: Aufgewachsen bei den Eltern, jung von zu Hause geflohen und dann den Suchtmitteln verfallen, sind sie auf sich alleine gestellt.

Diese Eröffnungsszene findet in einer Straßenbahn statt, und man begleitet die Jugendlichen sozusagen direkt in ihr „Zuhause“. Im Keller eines Wohnhauses im Zentrum von Odessa hausen die vier jungen Erwachsenen mit dem Nötigsten an Lebensmitteln, einem Hund und jeder Menge Dreck. Sanitäranlagen gibt es nicht, geschweige denn Matratzen oder Bettdecken. Ein- und Ausgang dieser Höhle ist ein kleines Kellerfenster, durch das sich täglich jemand zwängt, um altes Metall, das von den Kellerrohren abrostet, gegen Geld einzutauschen und dieses dann sofort wieder in Drogen und Zigaretten umzuwandeln.
Ganz stark wird auch auf das Zusammenmischen und die Injektion der Drogen fokussiert. Die Jugendlichen spritzen sich ein Gift, das Teile des Gehirns sofort absterben lässt und benutzen dazu alle die gleiche Spritze. Gleich darauf tritt der rauschartige Zustand ein, und ihr Leben unter Dauereinfluss von Suchtmitteln und Giften geht im alten Muster weiter.
Sie selbst beschreiben sich als „Sickfuckpeople“, realisieren aber nicht im Geringsten, wie schlimm es tatsächlich um ihr Leben steht.
Nach einer zweijährigen Pause beginnt Juri Rechinsky, erneut zu filmen. Diesmal bei einem ehemaligen Mitglied der Clique. Anna hat die letzten zwei Jahre hinter Gittern verbracht, ist seit kurzer Zeit wieder frei und freut sich momentan auf ein Kind. Immer noch drogensüchtig und genauso verwahrlost wie damals. Mit leerem Blick berichtet sie von ihren Zukunftsplänen und ihren Träumen mit ihrem Freund Denis; eine Schlüsselszene für den Zuseher, um zu realisieren, in welch weite Ferne die Realität für sie gerückt ist.
Klug gewählt ist auch die Art der Kameraführung: Mehr als zwei Drittel der Dokumentation wurden mit einer Handkamera aufgenommen. Das vermittelt eine natürliche und nahe Verbindung zu den handelnden Personen. In schlimmeren Szenen, wie zum Beispiel während eines epileptischen Anfalls des Gruppenführers, liegt der Fokus nicht auf ihm selbst, sondern auf dem Hintergrund. Dadurch vermeidet Rechinsky die Erzeugung künstlicher Dramatik, die diesen Film nur seiner Wahrheit und Ehrlichkeit berauben würde.
Ohne Hintergrundmusik oder zusätzliche Kommentare zeigt Sickfuckpeople Armut und Elend in so jungen Jahren. Eine Dokumentation, die die Augen öffnet, abschreckt und aufzeigt, welcher Wohlstand uns gegönnt ist.