Im Pilotprojekt Viennale ray Talent Press berichten Schülerinnen und Schüler der Oberstufen des Wiedner und des Rainergymnasiums sowie der Sir-Karl-Popper-Schule auf www.ray-magazin.at von der Viennale 2013. Unterstützt von erfahrenen Filmkritikerinnen und Filmkritikern können sie Filme sehen, in unterschiedlicher Form darüber schreiben, mit Filmschaffenden diskutieren und auf diese Weise verschiedene Seiten eines Filmfestivals kennenlernen. Betreut wird das Projekt von Alexandra Zawia, von der auch die Idee stammt, von Andreas Ungerböck und von Christian Holzmann.
Meine Viennale beginnt am 25. Oktober, einem grauen Freitag. Meine Viennale beginnt mit zweimal knapp 90 Minuten hysterischem Lachen, mit zweimal knapp 90 Minuten nach Atem ringen, mit zweimal knapp 90 Minuten feinster, schärfster und absurdester Kritik an den Merkwürdigkeiten des großen Bruders Amerika.
Meine Viennale beginnt mit zwei Tickets zu dem großartigen, dem einzigartigen Will Ferrell.
Als erstes stampft er um 16 Uhr im Künstlerhaus mit texanischem Gang und weißen, gegelten Haaren als George Bush über die Leinwand – und der überraschenderweise nur zu Hälfte gefüllte Kinosaal ist kaum zu halten. Die Art und Weise, in der er eine der wohl wichtigsten und witzigsten Figuren der US-amerikanischen (Gott sei es gedankt) Vergangenheit noch tiefer durch den Kaokao zieht, als es dieser seiner Zeit selbst geschafft hat, ist bemerkenswert.Trotz Frisur und Cowboyhut sieht Herr Ferrell seinem Landsmann aus dem weißen Haus rein äußerlich ja gar nicht ähnlich, und doch, der meisterhafte Schaupieler weiß, was er tut. Ob er nun mit Südstaaten-Akzent über sein Kabinett berichtet, in klassischer Politikermanier winkend von der Bühne geht oder den berühmten, leicht überfordert wirkenden Pressekonferenz-Schnabelmund zelebriert – den frustrierten Ex-Präsidenten nimmt man ihm jederzeit ab. Was seine Bush-Parodie, die es ja wie Sand am Meer gibt, jedoch erst einzigartig macht, ist eine Fähigkeit die ich sonst nur von österreichischen Kabarettisten wie Josef Hader oder Andreas Vitasek kenne. An manchen Punkten des Programms bleibt einem nämlich förmlich der Lacher im Halse stecken. Man verschluckt sich am Humor, ob der Wahrheit der Situation, die zweifellos zuerst besonders lustig ist, sich nach einer Sekunde Behirnen dann aber als viel zu tragisch entpuppt, um darüber in Gelächter auszubrechen. Ferrell sorgt für politische „Aha-Momente“ inmitten eines tiefen und dreckigen Humormarathons. You‘re Welcome America wird so nicht nur zum seichten Comedy-Abend, sondern zu einem politischen Statement, zur Vergangenheitsbewältigung eines politisch informierten, engagierten und versierten Will Ferrell.
Ein Kulturschock war dann die zweite Vorstellung, kurz vor Mitternacht. Anchorman, der Film, der Will Ferrell zur Legende machte. Von der Geschichte bis zu den Charakteren, vom schwarzen, schmutzigen, teilweise nichts als ekelhaften Humor – der trotzdem nicht verfehlt, selbst biedere Österreicher wie mich in nervöses Gelächter verfallen zu lassen – ist und bleibt der Film nichts anderes als schiere Absurdität. Anchorman ist eine Achterbahnfahrt auf dem Grat des guten Geschmacks. Eine gekonnte Grenzüberschreitung, so weit über die Grenze hinaus, dass es doch irgendwie wieder lustig ist. Eine Mischung aus Kitsch-Komödie und Wahnsinn, Übetreibung und einer riesigen Portion Fremdschämen vom Feinsten. Obwohl doch ein Close-Up auf Will Ferrels Gesicht während welcher Szene auch immer vollkommen gereicht hätte, um das Publikum eine Mitternachtsschiene lang prächtig zu unterhalten.
