Viennale-Blog 5

Bambi

| Marie-Theres Feichtner |

Jean-Pierre Pruvot wird in Algerien als Junge geboren. Schnell ist er sicher, dass sein Leben keinesfalls so weitergehen kann und beschließt im zarten Alter von 18 Jahren, sich einer Travestie-Gruppe aus Paris anzuschliessen. Durch verschiedenste Maßnahmen gelingt es Jean, vollständig zu Marie-Pierre zu werden, zu der Frau, die sie immer sein wollte.
Ganz nahe erlebt man die Schwierigkeit eines Lebens, das offenbar nicht für einen bestimmt ist und den schweren Weg zur gewollten Veränderung. Ohne Scham, klar und natürlich erzählt Marie-Pierre selbst von ihrem Lebenswandel, von Reaktionen der Außenwelt und von Höhen und Tiefen. Ein Schwenk in die Vergangenheit einer Frau, die Vorbild und Motivation für viele sein möchte und darin mit ihren Lebenssinn sieht. Durch die vielen Porträtaufnahmen und Einspielungen alter Videos entsteht ein abwechslungsreicher, einerseits lustiger, aber auch auf eine gewisse Art lehrreicher Film.
Meiner Meinung nach ist Sébastien Lifshitz eine unglaublich lebensnahe Dokumentation gelungen, die ein Thema behandelt, das auch heute noch von vielen kritisch gesehen wird.
Auch beim Q&A im Anschluss an die Filmvorführung merkt man deutlich, wie wichtig Marie-Pierre selbst die Sensibilisierung der Gesellschaft in diesem Bereich ist, um endlich mit den zahlreichen Vorurteilen gegenüber Homosexualität oder Transsexuellen aufzuräumen.
Ein sehr empfehlenswertes Werk, das zum Nachdenken anregt, aber die Zuseher mit einem durchaus positiven Eindruck wieder in den Alltag entlässt.

First Cousin Once Removed

Ein Schicksal das jedem einzelnen von uns blühen könnte, das man jedoch niemandem wünscht: Gedächtnisschwund. Alzheimer. Verlust von vorerst einzelnen, später zahlreichen Erinnerungen, die man im Laufe seines Lebens gesammelt hat.
Am Beispiel von Edwin Honig zeigt Alan Berliner diese Tücke des Lebens auf. Mit viel Ernsthaftigkeit und Nahaufnahmen von Edwin im immer schlechter werdenden Zustand schafft er es, zu den Zusehern durchzudringen und ihnen eine solche Form des Lebens näher zu verdeutlichen. Es wirkt mehr wie eine Unterhaltung zwischen zwei Freunden, natürlich und ehrlich, weniger wie eine von langer Hand geplante Dokumentation. Auf faszinierende und doch bedrückende Weise kann man mitverfolgen, wie ein kranker Körper mit einem einst so genialen Hirn immer mehr in sich zusammenfällt, sich gehen lässt und selbst schon längst mit dem Leben abgeschlossen hat. Berliner zeigt auch einen Rückblick auf Edwin Honigs leben, die Beziehung zu seinen Söhnen und die wesentlich innigere Verbindung zwischen ihm selbst und Honig; als Freunde, Künstler und “first cousins once removed”.
Ich persönlich habe mit Tränen in den Augen den Saal verlassen und auch noch den nächsten Tag gebraucht, um diesen Film zu verarbeiten.
Wie fühlt man sich, wenn enge Vertraute einen nicht mehr erkennen? Welche Leere herrscht in einem Gehirn, wenn man selbst Erinnerungen verliert? Fragen über Fragen schwirren in meinem Kopf herum, unbeantwortet, und ich bin in der Hoffnung, dass sie das auch bleiben! Sehenswert ist diese Dokumentation auf jeden Fall, da sie einen klaren Einblick in das Leben mit Alzheimer gibt und auch viele interessante Informationen birgt.