Im diesjährigen Viennale-Programm lassen sich abseits der programmierten Hits viele spannende Charakterporträts zwischen Dokumentarfilm und Fiktion entdecken. Als Bonus gibt es parasitäre Aliens.
In den vergangenen Jahren bot die Viennale stets viele Möglichkeiten, sich näher mit Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Kunst vertraut zu machen, und auch 2015 hat man dazu reichlich Gelegenheit – beispielsweise mit einem Film über die amerikanische Independent-Größe Jim Jarmusch. Jarmusch, hipper Meister der Lakonie, hatte in Europa immer einen guten Stand, noch dazu entstanden seine letzten beiden Spielfilme am alten Kontinent. Kein Wunder also, dass die 52 Minuten kurze Dokumentation Behind Jim Jarmusch von einer Französin stammt. Ein Porträt der Privatperson darf man sich von Léa Rinaldis Film freilich nicht erwarten, gilt Jarmusch doch als notorisch öffentlichkeitsscheu. Vielmehr stellt Rinaldi den Künstler Jarmusch in den Mittelpunkt und porträtiert im Stil des Direct Cinema die Dreharbeiten zur Hitman-Dekonstruktion The Limits of Control (2009) in Sevilla. Das hat manchmal den etwas herben Charme von Making-ofs und B-Rolls, die man als Bonus auf DVDs findet, doch gibt es immer wieder spannende Einblicke in die Arbeitsweise des Regisseurs, garniert mit film-philosophischen Überlegungen: „Shooting always reminds me that there is only the present.“ Weiters beim Kunsthandwerk zu sehen sind das Kameragenie Christopher Doyle sowie die Schauspieler John Hurt, Isaach de Bankolé, Tilda Swinton und Bill Murray. Das „Behind“ des Titels verdankt sich nicht zuletzt einer Position, die Rinaldis Kamera immer wieder einnimmt: Sie zeigt die hinter dem Rücken verschränkten Hände des Filmemachers, eine Geste, die dieser besonders in Momenten höchster Konzentration einzunehmen scheint.
Ein weiterer „kleiner“ Film widmet sich einer amerikanischen Underground-Legende: Billy Woodberrys And When I Die, I Won’t Stay Dead. Bob Kaufman, Poet zeichnet die Vita des legendären afro-amerikanischen Beat-Poeten (1925–1986) nach. Kaufman galt als einer der talentiertesten Dichter der Beats, doch stand er immer im Schatten der Popstars der Bewegung wie Ginsberg oder Kerouac. Das lag zum Teil darin begründet, dass seine surrealistische Lyrik etwas schwieriger zugänglich war als die seiner Kollegen und der von den Rhythmen des Jazz und den Gedichten Lorcas inspirierte Kaufman viele seiner Werke nicht niederschrieb. Zudem galt der dem Alkohol verfallene Poet im Leben als zurückgezogen und wortkarg (Legenden ranken sich um ein mehrjähriges Schweigegelübde nach der Ermordung John F. Kennedys). Der wohl wichtigste Grund für das langjährige Nischendasein Kaufmans war aber wohl seine Hautfarbe: Über Jahrzehnte wurde das Werk schwarzer Schriftsteller kaum rezipiert, auch Kaufmans Werk fand erst in den achtziger Jahren eine verstärkte literaturwissenschaftliche Betrachtung. Bill Woodberry verbindet Interviews mit Weggefährten und Lebenspartnerinnen Kaufmans, zeitgenössische Filmaufnahmen und eine Vielzahl an Fotografien. Vor allem letzteres trägt dazu bei, dass ein bis zwei Passagen des Films an eine Dia-Show erinnern, in der Füllmaterial benötigt wurde, doch abgesehen davon ist die mit Jazz unterlegte Montage des Materials durchaus geglückt. And When I Die … ist sowohl das berührende Porträt einer politisch und gewerkschaftlich engagierten Künstlerpersönlichkeit, als auch ein Stück Gegenkultur-Historie, die vom repressiven Geist der USA der Nachkriegszeit erzählt (der rebellische Kaufman wurde des Öfteren verhaftet, einmal gar einer Elektroschock-Therapie unterzogen). Um es mit den Worten des Dichters zu sagen: „In a world of hospitals, who is not sick? Doctors.“
Selten genug erreichen Sozialpsychologen Popstar-Status, doch Stanley Milgram (1933–1984) wurde durch das berühmte „Milgram-Experiment“ zur Medienpersönlichkeit. Das von den NS-Verbrechen inspirierte Experiment sollte zeigen, wie autoritätshörig Personen auch dann noch sind, wenn sie Anweisungen erhalten, die ihrem Gewissen zuwiderlaufen: Die Versuchspersonen wurden zu „Lehrern“ gemacht, die „Schülern“ (in Wahrheit von Milgram engagierte Schauspieler) Fragen stellen und bei deren falscher Beantwortung (vermeintliche) Elektroschocks in zunehmender, schließlich lebensbedrohender Dosis verabreichen sollten. Die große Mehrzahl der „Lehrer“ überschritt die Grenze – eine beunruhigende Entdeckung, die Milgram Anerkennung einbrachte, aber auch Kritik, die sich auf eine mögliche Traumatisierung der Versuchspersonen bezog. Das Experiment fand bereits mehrfach Eingang ins Kino, darunter in Henri Verneuils Politthriller I wie Ikarus (I comme Icare, 1979). In Michael Almereydas Experimenter nimmt das Experiment ebenfalls eine zentrale Stelle ein, doch entwirft der Film darüber hinaus ein Porträt von Milgram selbst, der hier als Mensch gezeichnet wird, der seinen Mitmenschen überaus skeptisch gegenüberstand (Peter Sarsgaard liefert in dieser Rolle eine schauspielerische Glanzleistung ab). Almereyda bricht die herkömmliche Form des Biopics auf und arbeitet in manchen Passagen mit Verfremdungseffekten, beispielsweise überdeutlichen Rückprojektionen. Zudem durchbricht Milgram des öfteren die 4. Wand und adressiert das Publikum direkt mit Sätzen wie „We are puppets with awareness, sometimes we can see the strings.“ So stellt der Film die Inszenierung, die für Milgrams Sozialexperimente – der Film zeigt mehrere davon, darunter das „Kleine-Welt-Phänomen“ – wesentlich war, in den Mittelpunkt (schließlich wird Milgram sogar Zeuge, wie ihn William Shatner in einem sehr freien Fernsehfilm verkörpert). Ein Film, der den Zuseher nicht zuletzt über eigene Verhaltensweisen reflektieren lässt.
Als Hybrid aus Fakt und Fiktion gestaltet sich Ivan Ostrochovskýs Koza, in dem Ex-Boxer Peter Baláž, ein Rom, der 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta für die Slowakei antrat, eine fiktionalisierte Version seiner selbst spielt: Als die Freundin des Mannes, dessen Spitzname „Koza“ Ziege bedeutet, schwanger wird, geht er mit einem Schrotthändler als Impressario auf eine letzte Tour durch triste europäische Provinzgegenden, um die Abtreibung zu finanzieren. Seine besten Zeiten hat Koza lange hinter sich, sein Körper ist gezeichnet und er verliert einen Kampf nach dem anderen. Der Film stellt jedoch nicht die Kämpfe an sich in den Mittelpunkt, sondern erzählt die bewusst unglamouröse Geschichte eines Menschen, der als Material verheizt wird und dabei dennoch seinen Weg geht. Zudem lässt sich auch als grimmige Reflexion über den schäbigen Umgang mit der Volksgruppe der Roma lesen. Gute Kameraarbeit, ein authentischer Hauptdarsteller und eine kleine Prise schwarzer Humor machen Koza sehenswerter als die meisten Boxerfilme, die Hollywood in den letzten Jahren produziert hat.
Ebenfalls an den Rändern Europas umgesehen hat sich der österreichische Regisseur Günter Schwaiger, der in seinem neuen Dokumentarfilm Seit die Welt Welt ist die Tristesse, aber auch die Idylles eines 300-Seelen Dorfes in Katalanien einfängt. Im Zentrum steht Bauer Gonzalo, dessen Arbeit ausführlich gezeigt wird, so sieht man beispielsweise die Verarbeitung eines Schweins von der Schlachtung bis zur Blunze. Mit guter Kameraarbeit und ruhiger Hand erzählt der Film vom Wechsel der Jahreszeiten, der Abwanderung aus dem Ort, dem Fund eines Massengrabes aus der Zeit des Franco-Regimes oder den Knebelverträgen mit Großunternehmen, denen Gonzalo seine Erzeugnisse verkauft. Das Resümee des Bauern: „Uns geht es gleich schlecht wie vor der Krise“. Ein schöner, stiller Film.
Zwischen Tristesse und ländlicher Idylle bewegt sich auch Gan Bis Kaili Blues, der dem chinesischen Regisseur in Locarno den Nachwuchspreis einbrachte: Visuell an Tarkowskis Stalker erinnernd, erzählt der Film die Geschichte des Arztes Chen, der in der subtropischen Provinz Guizho nach seinem Neffen sucht, der vermeintlich an einen Gangster verkauft worden ist. Bi inszeniert die Reise als traumartig-meditatives Kinoerlebnis, in dem die Zeit selbst eine Hauptrolle spielt und in dem sich die Hintergrundgeschichte des Arztes und seiner Familie erst allmählich entfaltet. Der Höhepunkt des Films ist eine rund 40-minütige Plansequenz, in der die Anreise des Arztes in ein Dorf ohne Schnitt gezeigt und wie nebenbei die Sehnsüchte einiger Dorfbewohner offenbart werden.
Wer es gern makaber mag, sollte sich Parasyte von Takashi Yamazaki ansehen: Basierend auf einer in Japan populären Manga-Reihe, erzählt der Film von einer Alien-Invasion und verbindet Body Horror mit schwarzem Humor. Im Zentrum steht dabei ein Teenager, der mit dem außerirdischen Parasiten, der sich seinen Körper zum Wirt auserkoren hat, eine Zweckgemeinschaft eingeht und schließlich gegen die Alien-Verschwörung zu Felde zieht.
Nicht unpassend dazu gibt es die von „ray“-Autor Paul Poet kuratierte Reihe „Austrian Pulp – Genrekino in Rot-Weiß-Rot“ zu sehen, die in 41 abendfüllenden Programmen Werke von so diversen Filmemachern wie Eddy Saller, Walter Bannert oder Valie Export versammelt. Tributes sind schließlich dem uruguayischen Filmemacher Federico Veiroj, dem im Frühjahr im Alter von 105 Jahren verstorbenen portugiesischen Großmeister Manoel de Oliveira und dem argentinischen Independent-Regisseur Raúl Perrone gewidmet. Sie kann kommen, die Viennale.
