Stephanie Rothman, Exploitation-Filmerin der 60er und 70er Jahre aus der Roger-Corman-Schule, wird derzeit wieder entdeckt – auch von der Viennale.
Die Viennale versucht, mit Stephanie Rothman eine fast vergessene Pionierin des Exploitation-Films einem breiteren Publikum nahe zu bringen. In nur sieben Filmen schuf sie zwischen 1967 und 1974 in Roger Cormans Umfeld in völlig unterschiedlichen Genres wie dem Horrorfilm oder der Beziehungskomödie ein trashiges Sittenbild der von den Hippie-Idealen geprägten kalifornischen Gegengesellschaft. Nach dem Soziologiestudium und einer Filmausbildung an der University of Southern California heuerte die 1936 in Paterson, New Jersey, geborene Rothman in den frühen 60ern dort an, wo man als junger Absolvent am ehesten eine Chance bekam, Filme zu machen und seine Ideen zu realisieren. Roger Corman war der unumstrittene King of Trash, der in rasendem Tempo Genrefilme für ein immer jünger werdendes Publikum aus der Hüfte schoss. Seine Drehpläne waren so eng, dass die enthusiastischen Mitarbeiter beinahe rund um die Uhr im Einsatz waren und der Begriff Exploitation-Film eine zusätzliche Dimension erfuhr. Aber er war dafür bekannt, jedem eine Chance zu geben, der eine Gewinn bringende Idee in wenigen Sätzen formulieren konnte, vor allem nachdem er 1970 die Produktions- und Vertriebsfirma New World gegründet hatte und kaum mehr selbst Regie führte. Deshalb stellten sich spätere Zelebritäten wie Scorsese (Boxcar Bertha), Coppola (De-mentia 13), oder Demme (Caged Heat) beim Meister vor, um mit geringem Budget, aber einer gewissen künstlerischen Freiheit ihre ersten Gehversuche im Business zu wagen. Cormans „Rezept“ für Jonathan Kaplans ersten Film Night Call Nurses (1972) und im Übrigen für alle New-World-Produktionen war einfach, aber effizient: „Die Ausbeutung männlicher Sexualfantasien, Action und Gewalt, ein komödiantischer und ein leicht linkslastiger Subplot … dazu Nacktheit von der Hüfte aufwärts, totale Nacktheit von hinten, keine Schamhaare, der Titel sollte im Film irgendwo vorkommen, und ab an die Arbeit.“
Vampire, Mörder und Krankenschwestern
Nach ersten Gehversuchen als Second-Unit-Mitarbeiterin bekam Rothman die Chance, in Blood Bath (auch Track of the Vampire, 1966) die Reste eines jugoslawischen Spionagefilms und einer kalifornischen Serienkillergeschichte zu einem Vampirfilm zu vermengen. Ihr erstes eigenes Projekt für die Corman Factory mit dem viel sagenden Titel It’s a Bikini World (1967) nahm mit den Geschlechterkämpfen am Strand zwar schon einige ihrer späteren Themen vorweg, ging aber in der damaligen Flut an B-Pictures unter. Erst drei Jahre später traf sie mit dem zweiten Film der neu gegründeten New World Pictures den Zeitgeist und erfand gleich ein neues Subgenre, den „Nursefilm“. Student Nurses erzählt die Abenteuer von vier hübschen Krankenschwesterschülerinnen, da bleibt viel Zeit für das Ablegen der schmucken weißen Uniformen in Sexszenen à la Schulmädchenreport, vielleicht etwas zärtlicher inszeniert. Aber auch sozial relevante Themen wie Abtreibung (positiv) und bewaffneter Kampf gegen die Autoritäten (eher positiv) werden zumindest angeschnitten. Durch den Überraschungserfolg konnte sie bald danach The Velvet Vampire realisieren. Hinter der äußerst dünnen Blutsaugerstory unter der sengenden Wüstensonne versteckt sich eine Dreiecksgeschichte über das weibliche Begehren, mit psychedelischen Farben und wilder elektronischer Musik. Danach gründete sie zusammen mit ihrem Schreib- und Lebenspartner Charles S. Swartz Dimension Pictures (denen Tarantino und Rodriguez kürzlich in ihrem Grindhouse-Projekt ihre Reverenz erwiesen) und versuchte sich mit Group Marriage an einer Comedy of Manners über den damals viel diskutierten Partnertausch. Schließlich kehrte sie mit Terminal Island auf sicheres Exploitation-Terrain zurück. In der von Gewalt gezeichneten Geschichte über eine von der Umwelt abgeschnittene Insel voller verurteilter Mörder wird ihre utopische Weltsicht vom Zusammenleben der Geschlechter am deutlichsten: Anfangs werden die wenigen Frauen als Arbeits- und Sexsklavinnen gehalten, am Ende triumphiert nach etlichen eher schlicht inszenierten Scharmützeln eine neue Ordnung von gleichberechtigten Individuen, die frei ihre Sinnlichkeit ausleben können und gar nicht mehr weg wollen von der Mörderinsel.
Vom Zeitgeist überholt
Rothman versuchte in ihren Exploitation-Filmen einen unmöglich scheinenden Spagat: Konträr zur neu aufkommenden feministischen Filmtheorie z. B. einer Laura Mulvey, nach der der Blick der gesamten Unterhaltungsindustrie männlich geprägt und damit abzulehnen war, wollte sie ins Herz der Finsternis vorstoßen und den Feind mit den eigenen Waffen schlagen. Wogende Brüste wurden durch meist muskulöse nackte männliche Körper sozusagen kompensiert, starke Frauenfiguren trieben die Handlung voran, die Message war eindeutig auf eine friedliche Koexistenz der Geschlechter mit Freiheit für alle ausgerichtet und nicht auf Kampf. Vergebens: Das typische Testosteron-gesteuerte männliche Zielpublikum, das mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bildern von starken Kerlen, die sinnliche Frauen mit dem Stiefel auf der Erde festnageln (ein eindeutigeres Bild für Dominanz und Unterwerfung müsste erst noch gefunden werden), geködert wurde, kümmerte sich wenig um feministisch angehauchte Subplots, wenn nur die körperlichen und actionmäßigen Schauwerte stimmten. Die gelehrige Corman-Schülerin wollte es allen recht machen: dem tumben Macho-Redneck ebenso wie der urbanen Linken. Nach ihrem letzten Film Working Girls (1974) verschwanden sie und ihre Firma in der Versenkung, vor allem auch weil sich das Business und der Zeitgeist verändert hatten. Den Sprung in den Mainstream schaffte sie im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen nie, was wohl vor allem an ihrem sturen Festhalten an den Insignien des Trash-Universums lag. Die Spezialeffekte bewegen sich aus Geldmangel am Rand der Lächerlichkeit, hölzerne Schauspieler rezitieren schlagwortartige Dialoge, dazwischen atmosphärische, mit grooviger Musik unterlegte Aufnahmen von fahrenden Autos oder laufenden Frauen. Was ihre Filme heute interessant macht, ist die genaue Abbildung damals herrschender Zustände. Was heute selbstverständlich erscheint, wie die zumindest nominell existierende Gleichheit der Geschlechter, musste vor gar nicht allzu langer Zeit mühsam erkämpft werden. Von den mittlerweile ein wenig naiv erscheinenden Idealen dieser Zeit des Aufbruchs legen die Werke der Stephanie Rothman, auf ihre schlichte Weise, Zeugnis ab.
